Eine schwierige Kluft
In einer der früheren Verhandlungsrunden um einen Gefangenenaustausch machte die ehemalige Knessetabgeordnete Geula Cohen die folgende unvergessliche Äusserung: «Wäre mein Tzachi (Tzachi Hanegbi, Abgeordneter von Kadima. Red.) in Gefangenschaft geraten, hätte ich von der Regierung verlangt, jeden Preis zu zahlen, um ihn freizubekommen. Gleichzeitig wäre es die Pflicht der Kabinettsminister gewesen, sich dagegenzustellen».
Dieser Satz umschrieb die schwierige, aber notwendige Kluft zwischen den Positionen von Eltern und Staatsmännern, die zu jedem Gefangenen-Deal gehört. Die Eltern dürfen jede Forderung stellen oder auf jedem Preis für die Freilassung ihres Sohnes bestehen. Es ist jedoch die schwerwiegende Verantwortung des Kabinetts zu entscheiden, welcher Preis als «vernünftig» gelten kann.
Das gilt für jeden Gefangenenaustausch. Familie Shalit verschärfte die Kluft aber, als sie letzte Woche an den Obersten Gerichtshof mit der Forderung gelangte, die Waffenruhe im Gazastreifen so lange nicht in die Tat umzusetzen, wie nicht zumindest in prinzipiellen Linien ein Abkommen über Gilads Freilassung erzielt sei. Wir wiederholen es: Die Familie sollte nicht kritisiert werden. In diesem spezifischen Falle aber sollte die Forderung auch von jenen zurückgewiesen werden, die den Austauschhandel befürworten.
Die Forderung der Shalits heisst nämlich nichts anderes, als dass ein nationales Anliegen wie die Situation der Gemeinden entlang des Gazastreifens vom Schicksal eines einzigen Soldaten bestimmt werden soll.
Wir sollten unterstreichen, dass die ganze Waffenruhe tatsächlich ein Fehler sein könnte. Wenn aber das (durch seine demokratisch gewählten Repräsentanten) Land beschliesst, dass ein solcher Waffenstillstand im nationalen Interesse ist, darf er nicht von den Verhandlungen um Shalits Freilassung abhängen. Ein Versuch, seine Freilassung zu erwirken, hätte Bestandteil der Waffenstillstandsverhandlungen sein sollen, und vieles spricht dafür, dass die Verzögerung bei der Erzielung des Abkommens tatsächlich weitgehend auf einen solchen Versuch zurückzuführen ist. Die beiden Themenkreise können aber nicht völlig miteinander verknüpft werden.
Dieser Gedankengang gilt selbstverständlich auch für die Entscheidung, ob eine militärische Operation gegen den Gazastreifen zu lancieren sei oder nicht. Als eine solche Operation diskutiert wurde, vermuteten einige Leute, sie aus Furcht um Shalits Schicksal aufgeschoben worden. Innenminister Meir Shitrit sagte ausdrücklich, er habe seine Meinung geändert und unterstütze aus Sorgen um Shalit den Plan heute nicht mehr. Die Politik in einer derart entscheidenden Sache kann aber nicht von Überlegungen zu Shalits Zukunft bestimmt werden.Eine Verschiebung der Waffenruhe ist nicht ausschliesslich eine «Staatsangelegenheit». Das gleiche gilt für eine militärische Opera-tion. Die Soldaten, die in einem solchen Unternehmen betroffen werden könnten, haben Gesichter, Namen und Familien. Dennoch könnte eine Regierung manchmal gezwungen sein, militärisches Vorgehen zu beschliessen, und vielleicht wird sie dies auch in Bezug auf Gaza tun müssen. Das ist das Wesen einer militärischen Operation: Soldaten riskieren ihr Leben, um Zivilisten zu schützen. Shalit selber diente an der Grenze zum Gazastreifen, um die Gemeinden des Südens zu schützen.
Warum also sollte sein Leben nach seiner Entführung mehr Schutz verdienen als sein Leben als Soldat im Dienst, oder als die Leben der Bewohner des Südens, oder als die Leben der Soldaten, die an einer eventuellen Aktion in Gaza teilnehmen müssen? Gemäss der Logik der Petition von Shalits Eltern werden auch die Eltern dieser Soldaten den Beschluss des Kabinetts bekämpfen, eine militärische Operation zu lancieren, denn eine solche, so würden sie argumentieren, könnte das Leben ihrer Söhne aufs Spiel setzen.
Die Antwort liegt natürlich im Bereich der Psychologie. Wir kennen Shalits Namen und sein Gesicht, und es ist leicht für uns, uns mit der Forderung zu identifizieren, ihn «um jeden Preis» zu retten. Das gilt nicht für künftige Opfer, die anonym bleiben. So verständlich die Überlegungen auch sein mögen – sie können keine Basis für politische Entscheidungen bilden.