Eine säkulare Predigt

April 25, 2008
Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy begeistert ein New Yorker Publikum mit Gedanken zur Souveränität Israels.
<strong>Bernard-Henry L&eacute;vy </strong>Franz&ouml;sischer Philosoph mit Rockstar-Format

Von Monica Strauss

Bei den zahlreichen jüdischen Einrichtungen in New York haben die Feiern für den 60. Jahrestag der Gründung Israels bereits begonnen. Das YIVO Institute for Jewish Research am Center for Jewish History an der 16. Strasse in Manhattan hat jüngst einen Vortrag des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy veranstaltet. Der Titel war etwas rätselhaft: «Die seltsame Erfahrung jüdischer Souveränität». Als europäischer Intellektueller von Rockstar-Format lockte Lévy ein Rekord-Publikum an. Dazu haben seine letzten Bücher über die Ermordung des Journalisten Daniel Pearl in Pakistan und seine Erkundung der USA «auf den Spuren von Alexandre de Toqueville» beigetragen, die ihm zahlreiche Auftritte im US-Fernsehen beschert haben. So zog sich eine lange Schlange von Wartenden vor dem Center, und die stolzen Besitzer eines Billets freuten sich über das Zeichen «Ausverkauft» an der Kasse mit grosser Selbstzufriedenheit.

Das Publikum fieberte Lévys Auftritt so lebhaft entgegen, dass es alle Höflichkeit fahren liess, als der Autor Paul Berman sich zu viel Zeit mit seiner Einführung für den grossen Mann aus Frankreich liess. Rufe und Pfiffe verlangten nach der Attraktion des Abends. Lévy wurde seinem Ruf als Show-Star gerecht. Er sprach ohne Vorlage und mit einem schweren französischen Akzent. Dennoch bot er ein reichhaltiges englisches Vokabular und stimmte eine Rede an, die den Titel einer säkularen Predigt verdient – so gekonnt verstand Lévy die Emphase, die Wiederholung und das Drama ins Feld zu führen, das einen erfahrenen Prediger auszeichnet.

Lévys emotionale Bindung an Israel

Eingangs hob Lévy seine Qualifikation hervor und betonte nicht nur seine intellektuelle, sondern auch seine physische und emotionale Bindung an Israel. Er sprach über seine wiederholten Besuche des Landes jahrein, jahraus und seine Erfahrungen dort während der Kriege seit 1967. So hat er den Libanon-Krieg vor zwei Jahren bei Einheiten an der Front verbracht. Nachdem er dem Publikum auf diese Weise seinen Standpunkt verdeutlicht hatte, stand es ihm frei, das Argument zu offerieren, das den Kern seines Vortrags ausmachte: Wie kein anderes Land habe Israel eine «neurotische» Beziehung zu der Idee der Souveränität. Um diesen der Psychologie entnommenen Begriff zu erklären, mit dem sich die Vorstellung von mangelnder Anpassung und Abweichung verknüpfe, unternahm Lévy zwei historische Abstecher.

Zunächst ging Lévy auf den Zionismus ein, zu dessen Kern er die Ideen von Franz Rosenzweig erklärte. Der sei «der bedeutendste jüdische Denker des 20. Jahrhunderts». Rosenzweig habe die drei Säulen des Judentums als Treue «zu einer toten Sprache, einem erträumten Land und einem abstrakten Gesetz» definiert. Dies bedeutet für Lévy, dass die Juden im Gegensatz zu anderen Völkern unbeweglich geblieben seien und sich dem Fortschritt und der Entwicklung wiedersetzt hätten, die andere auf dem Weg zur Souveränität unternommen hätten. Rosenzweig war davon überzeugt, dass das lange Überleben der Juden aus ihrer Bereitschaft zu erklären sei, sich mit den Gesetzen anderer einzurichten. Aber er befürchtete die Konsequenzen, wenn sie sich als zur Souveränität strebende Gemeinschaft mit anderen Völkern identifizieren würden. Es war eben diese Sorge, die zu Rosenzweigs zornigem Bruch mit seinem Freund Gershon Scholem führte, der als überzeugter Zionist in den 1920er Jahren nach Palästina ausgewandert war. Scholem hat diesen Streit viele Jahre später, bei einem Vortrag in Zürich 1969, noch einmal betrachtet und kam zu dem Ergebnis, dass die jüdische Souveränität doch eine kompliziertere Frage sei, als er damals gedacht habe. Dabei benutzte er das damals im Zeichen der Apollo-Mission zum Mond überall gebräuchliche Vokabular der Raumfahrt: So wie eine Rakete ihre zum weiteren Vortrieb nicht mehr notwendigen Stufen abstossen würde, müssten womöglich alte jüdische Werte aufgegeben werden, um das Überleben des jüdischen Staates zu sichern.

Das gleiche Unbehagen gegenüber der Souveränität spricht Lévy zufolge auch aus den Gründungsdokumenten Israels. In diesem Moment der Euphorie, der Freude und der Erleichterung, nach der Schoah einen sicheren Hafen etabliert zu haben, stellten sich neue Fragen. Wie stand es um die moralischen Verpflichtungen des Landes mit Blick auf das Land, die Armee und die Einwanderung von Intellektuellen anderer Länder? Konnte Israel angesichts der Eigentümlichkeit der jüdischen Erinnerung ein Staat wie andere sein?

Diskurs in die biblische Epoche

Sein zweiter Abstecher führte Lévy bis in die biblische Epoche zurück. Frühe Beschreibungen der Juden als Gemeinschaft hatten das Bild der Herde und ihres Hirten verwandt. Dies impliziert eine Beziehung zwischen Kollektiv und Individuum. Für Lévy ist es bemerkenswert, dass auch Plato dieses Modell benutzt, allerdings nur einmal in seiner «Politik», danach taucht es weder bei ihm noch bei anderen griechischen Philosophen auf.

Das Alte Testament lässt keinen Zweifel daran, dass die Israeliten den Übergang vom «Hirten» zum «König» nur sehr widerstrebend vollzogen. Der erste Kandidat, Gideon, reagierte auf diesen Ruf mit Verweigerung und Flucht. Nach seiner Salbung verschwand Saul in einem Versteck und kam erst dann wieder zum Vorschein, als ein Notstand dies verlangte. Überdies wurde Saul auf einzigartige Weise zum König gemacht: Zwischen Gott, den Richtern und dem König wurde ein langer, komplizierter Vertrag vereinbart. Von Lévy in die Umgangssprache übersetzt, bestand das jüdische Königtum auch aus einem «Deal». Rechte und Pflichten wurden schriftlich festgelegt. Diese enthielten eine Betonung von Bescheidenheit und Zurückhaltung und ein Bewusstsein der Verpflichtung Gott gegenüber. Dies ist weit entfernt von der christlichen Tradition der göttlichen Rechte des Königs, die dem Monarchen die Machtbefugnisse des Allerhöchsten zuspricht.

Eine «neurotische» jüdische Haltung

Nachdem er seine «Abstecher» vollendet hatte, wandte Lévy die daraus gewonnenen Erkenntisse auf das Israel der Gegenwart an. In seiner Interpretation belegen intellektuelle, historische und biblische Beweise eine anhaltende, unbehagliche oder «neurotische» Haltung der Juden gegenüber der Souveränität. Vielleicht, so Lévy, erklärt dies, warum ein Land, dass in fast jeder Hinsicht Herausragendes leistet, eine derart schwache politische Führung aufweist. Doch Lévy erkennt darin auch Positives, nämlich die aussergewöhnliche Lebhaftigkeit der Demokratie in Israel: In einem Land, dass im Kriegszustand lebt und ständig mit einem Angriff rechnen muss, blühen demokratische Institutionen. Für Lévy macht die ständige Hinterfragung der Souveränität Israel zum einzigen Staat der Erde, wo moralische Anliegen von derart überwältigender Bedeutung sind, dass sie Demonstranten auf die Strasse bringen. Selbst bei seiner jüngsten Erfahrung während des Libanon-Kriegs ist Lévy Soldaten begegnet, die sich ebenso intensiv mit ethischen wie mit strategischen Fragen beschäftigt haben. Dies macht Israel für Lévy zu einem ganz besonderen Staat, «der das höchste Mass an Demokratie eben deshalb errungen hat, weil es mit der Souveränität dort so eine seltsame und eigentümliche Bewandnis hat.»

Beim Hinausgehen brachte ein Wortwechsel zweier älterer Damen den Abend mit Bernard-Henri Lévy auf den Punkt: «War er nicht brillant?» sagte die eine, worauf die andere zurückgab: «brillant? – er war einfach entzückend!»