Eine Rückkehr nach New York
Dem neuen Buch von Barbara Honigmann liegt ein zehnwöchiger Aufenthalt in New York im Jahr 2004 zugrunde – eine Zeit, in der die Autorin ihren Roman «Ein Kapitel aus meinem Leben» beendete, sich aber auch für eine neue Erzählung inspirieren liess. Honigmann schildert auf persönliche Weise und mit viel Humor ihre Zeit in der amerikanischen Metropole, die unerwartet auch zu einer Reise in die eigene Vergangenheit wurde. So traf die Autorin auf ehemalige Freundinnen aus Berlin und auf Verwandte, die vor dem Holocaust in die USA geflohen waren, und die sie nun zum ersten Mal traf. Zwischendurch aber sass sie oft stundenlang am Fenster ihres Appartements, schaute hinaus und beobachtete das Treiben in der Stadt und die Menschen in den gegenüberliegenden Wohnungen, die sie zu ihren Geschichten inspirierten.
Da sie sich wie in einem Tagebuch Notizen machte und das nun vorliegende Buch auch nicht während ihres Aufenthalts in New York, sondern erst zwei Jahre später schrieb, blieb viel Zeit für persönliche Gedanken und Eindrücke, die Honigmann festhielt und von denen die Erzählungen nun leben. Auch die Frage nach der eigenen Identität kam in New York immer wieder auf, allein schon wenn sie sich anderen Menschen vorstellte: «Ich komme aus Frankreich, aber ich bin eine deutsche Jüdin.» Und wie der Zufall es wollte, lebte Honigmann im – wie sie es nennt – «magischen Dreieck» der Metropole zwischen Maison Française, German House und der koscheren Mensa, was ihr ein Gefühl von Heimat gab.
Jüdisches New York
Die Erzählungen, in denen sie das Erlebte verarbeitet hat, sind abwechslungsreich und spannend zugleich, vor allem, wenn Honigmann ihre sogenannten Fenstereinblicke in das jüdische Leben in Manhattan gibt. Tagebuchartig, aber nicht starr, hält sie fest, was sie in dieser Zeit bewegt hat, so auch ein Besuch in der Carlebach-Synagoge. Fasziniert von der modernen orthodoxen Art jüdischen Lebens, das es, so Honigmann, «in dieser Form in Europa leider nicht gibt», beschreibt sie die verhältnismässig stark gemischte jüdische Gesellschaft auf anschauliche Weise. Sie selbst sieht sich als «light orthodox» und scheint stets auf der Suche nach den eigenen Wurzeln zu sein – selbst in New York, weit weg von ihrer Familie, mit der sie seit ihrer Ausreise aus der DDR 1984 in Strassburg lebt. Honigmann sagt: «Die Begegnungen in New York führten mich zurück in die Vergangenheit. Meine Familiengeschichte ist für mich ebenso wie die Muttersprache ein unerschöpfliches Reservoir, in dem ich aber auch gefangen bin.»
Poetische Sprache
Die Bücher von Barbara Honigmann sind zumeist sehr autobiografisch und persönlich gehalten. Ihre Leserinnen und Leser kennen die verschiedenen Verwandten bereits, über die die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin in poetischer Sprache schreibt und auch rätselt. Auf die Frage der Literaturkritikerin Sibylle Birrer, woran die Autorin als Nächstes arbeiten möchte, verrät sie: «Im Kopf habe ich eine neue Version des Buches über meinen Vater («Eine Liebe aus Nichts»), das den Titel ‹Ein-Mann-Roman› tragen soll.» Es sei ihr ein inneres Bedürfnis, dieses Buch entfernt vom impressionistischen Stil in der dritten Person neu zu schreiben – sofern sie das Publikum mit ihren Familiengeschichten nicht langweile. Aktuell schreibt Honigmann an einem Liebesroman, über den sie allerdings noch nichts verrät. Und bis dieser erscheinen und sein Inhalt offenbart wird, empfiehlt sich eine kurzweilige Reise auf den Spuren der Autorin nach New York – die Stadt, dessen «überirdisches Licht» wohl jeder Mensch kennt, der einmal dort zu Besuch war.
Barbara Honigmann: Das überirdische Licht. Rückkehr nach New York. Carl Hanser Verlag, München 2008