Eine problematische Grabstätte

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Der 19-jährige Matchad Yussef, der am Montag im Drusendorf Bet Jann in Israel zur letzten Ruhe gebettet wurde, ist seit der Gründung Israels der 54. Mann aus dieser Ortschaft, der in Erfüllung seiner militärischen Pflicht sein Leben lassen musste. Er verblutete im Josephs-Grab in Nablus.
Das brennende Josephs-Grab in Nablus: Seit Jahren Schauplatz heftiger und blutiger Konfrontationen zwischen Israelis und Palästinensern. - Foto Keystone

Der Drusen-Soldat Matchad Yussef starb unter besonders tragischen Umständen. Stundenlang lag er verletzt auf dem Gelände des Josephs-Grab in der Westbank-Stadt Nablus. Weil die israelische Armee ihn wegen der unablässigen palästinensischen Attacken auf das der Jeschiwa «Od Josef Chai» dienende Gebäude (die Schüler waren rechtzeitig evakuiert worden) nicht abtransportieren konnte, verblutete der Mann.

Präkere Stelle im Konflikt

Neben Netzarim im Gazastreifen und Hebron gilt das Josephs-Grab als eine der prekärsten Stellen im israelisch-palästinensischen Konflikt. Mitten in der seit 1995 der Autonomie unterstehenden Stadt Nablus gelegen, hat die Grabstätte im Interimsabkommen einen Sonderstatus als «heilige Stätte» erhalten. Juden ist dort das Beten und Lernen gestattet, wobei sie von einem starken Aufgebot an bewaffnetem Personal bewacht werden. Immer wieder wird die Stätte von Palästinensern unter Beschuss genommen, vor allem aus dem nahe gelegenen Flüchtlingslager Balata. Als nach der Öffnung des Tunnels in der Jerusalemer Altstadt durch den damaligen Premier Netanyahu im September 1996 Unruhen ausbrachen, starben in den Kämpfen beim Josephs-Grab sechs IDF-Soldaten. Bei einer erneuten Attacke im Mai dieses Jahres ging das Gebäude in Flammen auf. Inzwischen wurden die Renovationsarbeiten aufgenommen. - Die Jeschiwa untersteht der Leitung von Rabbi Yitzchak Ginsburg aus der Siedlung Jitzhar.

Warnung vor Kompromissen

Der Rabbiner ist Mitherausgeber des Buches zur Verherrlichung Dr. Baruch Goldsteins, der am Purim vor einigen Jahren bei einem Amoklauf in der Moschee des Patriarchengrabes von Hebron 29 betende Moslems erschossen hatte. Die schweren Zwischenfälle der letzten Tage rund um das Josephs-Grab haben erneut Stimmen laut werden lassen, die eine Räumung der Stätte befürworten. Zu ihnen zählen u.a. Amram Mitzna, Bürgermeister von Haifa, und Vize-Verteidigungsminister Ephraim Sneh. Ultra-orthodoxe Parteien wie das Vereinigte Thora-Judentum und Shas dagegen stärkten am Dienstag Premier Barak zwar eindeutig den Rücken, warnten aber vor Kompromissen in Nablus, da dies zu ähnlichen Forderungen für das Rachel-Grab in Bethlehem und das Patriarchen-Grab in Hebron führen könnte.