Eine politische Einordnung
Von Ben Harris
Laut dem früheren israelischen Minister Natan Sharansky (Likud), der zusammen mit dem verstorbenen Schriftsteller Alexander Solschenizyn zu den berühmtesten Insassen und Zeitzeugen der sowjetischen Arbeitslager-Maschinerie gehörte, darf man die Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Mann nicht aus dem Zusammenhang herausreissen. «Ich glaube nicht», meinte Sharansky, «das er spezielle Vorurteile hatte. Er war sehr daran interessiert, den russischen Nationalismus, den russischen Stolz zu verteidigen. Daneben wollte er das Böse des russischen Imperiums demaskieren.» Während er diese Erscheinungen studierte, entdeckte er, dass sich unter den Architekten des Gulag-Systems (das System der willkürlichen Inhaftierungen) sehr viele Juden befanden. «Für ihn», fuhr Sharansky fort, «wurden diese Juden zu Symbolen für die schlimmste Art von Juden, Menschen, die ihre eigene Identität verloren hatten und nun versuchten, andere Leute ihrer Identität zu berauben.» Sharanskys eigener Kampf wurde zum Symbol für die Juden der Sowjetunion. 1986 wanderte er nach Israel ein, wo er sich schon bald in der Politik engagierte.
Der Nobelpreis für Literatur
Erstmals prominent wurde Solschenizyn 1963 mit der Publikation seines Romans «Ein Tag im Leben des Ivan Denisovich», welche die harten Bedingungen in einem sowjetischen Arbeitslager beschrieb. Es folgte der Bestseller «Archipel Gulag», der besonders kritisch umging mit dem in der Sowjetunion herrschenden System. 1970 erhielt der Verstorbene den Literaturnobelpreis. Fast zwei Jahrzehnte lang lebte Solschenizyn im Exil in den USA, in einer abgelegenen Farm in Cavendish im Staate Vermont. Nach dem Fall des Kommunismus kehrte er nach Russland zurück, wo er in späteren Jahren ein Gefolgsmann von Präsident Vladimir Putin wurde. Er sah in ihm einen Menschen, der imstande sein würde, Russlands Grösse wieder herzustellen.
Sharansky traf Solschenizyn einmal kurz Anfang der siebziger Jahre, machte aber kein Hehl daraus, dass er Andrei Sakharov, einem anderen dissidenten Schriftsteller viel näher stand. Trotzdem reiste er von Moskau Hunderte von Kilometern, um Untergrund-Kopien von Solschenizyns Arbeiten zu lesen. Er betonte auch, dass der Schriftsteller mit seiner Offenlegung der Brutalität des Sowjetregimes viel für die Bemühungen der sowjetischen Juden getan habe. Weil die Welt dank Solschenizyn bereits über die Boshaftigkeit des Sowjetimperiums informiert war, sei es, so Sharansky, für die Juden der UdSSR leichter gewesen, die Unterstützung der internationalen Völkergemeinschaft zu mobilisieren. «Egal, ob er einverstanden war oder nicht – und es gab einige taktische Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und uns –, war sein Beitrag enorm. Effektiv half er uns, unseren Kampf aufzubauen», meinte Sharansky.
Eine Geschichte über Russen und Juden
In späteren Jahren schrieb Solschenizyn «Zweihundert Jahre zusammen», eine zweibändige Geschichte über Russen und Juden. In diesem Werk beschrieb er die prominente Position der Juden in der bolschewistischen Revolution. Andere fanden Spuren seiner Abneigung gegen Juden in der Art, wie er in seinen Romanen jüdische Charaktere porträtierte. Über all dem sollte nicht vergessen werden, dass Solschenizyns zweite Frau jüdisch war und dass die drei Söhne aus dieser Ehe als Juden grossgezogen wurden. Für Sharansky nimmt Solzhenytsins Ansicht über die Juden in seiner Hinterlassenschaft einen peripheren Platz ein. «Ganz klar ist er nicht objektiv, und ganz klar rechtfertigt er Dinge, die man nicht rechtfertigen sollte. Diese Vorurteile spielten aber keine Rolle bei dem Einfluss, den er auf die Welt ausübte.»