Eine permanente Vertretung in Brüssel ist notwendig

Interview Yves Kugelmann, October 22, 2009
Alfred Donath ist Präsident der Antisemitismuskommission des Europäischen Jüdischen Kongresses. Mit tachles spricht er über das neue Büro in Brüssel und die Aktivitäten des Kongresses.
ALFRED DONATH Der Präsident der Antisemitismuskommission des Europäischen Jüdischen Kongresses hat das neue Büro in Brüssel mit eingeweiht

TACHLES: Letzte Woche vertraten Sie die Schweiz bei der Eröffnung des Büros des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC) in Brüssel. Welche Funktion wird dieses Büro haben?
ALFRED DONATH: Brüssel ist heute die politische Hauptstadt Europas. Es finden wöchentliche und teilweise tägliche Treffen des EJC mit Parlamentariern statt.
Eine permanente Vertretung ist daher eine Notwendigkeit geworden. An der offiziellen Eröffnung des Büros haben unter anderen Jose Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, und Jerzy Buzek, Präsident des Europäischen Parlaments, sowie Uzi Landau, der israelische Minister für nationale Infrastruktur, teilgenommen. EJC-Präsident Moshe Kantor wurde vom Senatspräsidenten Armand De Dekker mit der Leopold-Medaille ausgezeichnet.

Eines der Themen des Anlasses war der Antisemitismis in Europa. Wie schätzen Sie die Situation gegenwärtig ein?
Antisemitismus nimmt in Europa zu, besonders in Ungarn, Skandinavien, Frankreich und Grossbritannien. Das schlimmste Ereignis war die Anschuldigung in der schwedischen Presse, israelische Soldaten würden Palästinenser
töten, um ihre Organe zu Transplantationszwecken zu entfernen, was eindeutig an die Behauptung von Mazzot-Herstellung mit christlichem Blut erinnert. Der EJC hat diesbezüglich ein Schreiben an das schwedische Volk gerichtet.

Immer wieder wird Europa und der EU vorgeworfen, zu wenig gegen Kritik an Israel und gegen Antisemitismus zu tun. Wie beurteilen Sie diese Kritik?
Die Kritiker wissen nicht, was auf diesem Gebiet getan wird. Mit der Einwil­ligung der betroffenen jüdischen Gemeinden hat der EJC bei verschiedenen Regierungen interveniert. Seine bedeutenden letzten Erfolge waren auf dem Gebiet der Schechita, aber auch die Nichtwahl von Farouk Hosny zum Präsidenten der Unesco, wobei es nach dem unentschiedenen vierten Wahlgang noch gelang, die Delegationen von Spanien und Italien zu überzeugen, ihre Stimmabgabe zu ändern.

Sie haben vergangene Woche in Brüssel auch über die Situation in der Schweiz gesprochen. Worum ging es in Ihrer Ansprache?
In der Schweiz ist der latente Antisemitismus unverändert. Das schwerwiegendste Ereignis spielte sich an der Uno-Versammlung in New York ab, als die schweizerische Delegation nach der Hassrede von Mahmoud Ahmandinejad, wie auch im Mai in Genf, den Saal nicht verliess. Um nur die zwei letzten Wochen zu erwähnen: Es erschien ein antisemitischer Artikel über jüdische Feriengäste im Magazin «L’Hebdo», und in Genf werden kleine Statuen in Nazi-Uniformen zum Kauf angeboten.

Wo setzen Sie die Schwerpunkte in Ihrer Arbeit für die kommenden Monate?
Wir werden den vor zwei Jahren von 40 jüdischen Landesorganisationen beantworteten Fragebogen erneut verschicken, um einen Vergleich der Lage machen zu können. Ausserdem werden die örtlichen Vorkommnisse regelmässig beurteilt. Bei Bedarf wird Hilfe angeboten oder bei den entsprechenden Regierungen interveniert. Die Zusammenarbeit mit dem vom EJC unterstützten Steven Roth Institut der Tel-Aviv-Universität wird zudem intensiviert.