Eine neue Synagoge
Vor rund 40 Jahren wurde die Liberale Jüdische Gemeinde Genf (GIL) von einigen Dutzend Personen gegründet. Als sie 1984 am Quai du Seujet ihre ersten eigenen Räumlichkeiten bezog, gehörten ihr rund 500 Mitglieder an. Bald schon wurde der Platz zu eng, so dass man sich nach den Worten von Präsident Jean-Marc Brunschwig schon 1993 erste Gedanken über eine Zukunftsvision im grösseren Rahmen machte. Die Suche nach einem geeigneten Terrain erwies sich vorerst als schwierig, doch im Jahr 2000 fiel die Wahl auf ein 1500 Quadratmeter grosses Areal an der Route de Chêne, wo nun – mit Unterstützung der Behörden und ohne Einsprachen – nach zweijähriger Bauzeit am
Montag die neue Synagoge mit Gemeindezentrum eröffnet wurde. Es handelt sich um den ersten Synagogen-Neubau in der Schweiz seit der Synagoge Hekhal Haness, ebenfalls in Genf, im Jahr 1972.
Die Form eines Schofars
Das von der grossen Durchgangsstrasse aus gut sichtbare Gebäude hat – aus der Luft betrachtet – die Form eines Schofars, was nach den Worten von Jean-Marc Brunschwig weltweit einzigartig ist. Symbolhaft in der Architektur dargestellt seien auch die zehn Gebote; die Wand hinter dem Thoraschrank stehe parallel zur Klagemauer in Jerusalem, und der Thoraschrank se lbst symbolisiere mit seinen Massen von 2,48 auf 3,65 Metern die 613 positiven und negativen Gebote des Judentums. Vor dem Gebäude erhebt sich schliesslich die erste Schoah-Mauer der Schweiz, als Bronze-Triptychon gestaltet von der Künstlerin Isabelle Perez. Mit Stolz gab Brunschwig bekannt, dass das neue Gebäude energietechnisch auf dem neuesten Stand sei und zehnmal weniger Energie benötige als bei normaler Bauweise. Dafür wurde ein staatlicher Zuschuss von 40 000 Franken gewährt, während die ganzen Baukosten von zwölf Millionen Franken durch Spenden der Gemeindemitglieder finanziert wurden – 260 Namen figurieren auf einer entsprechenden Tafel; ein namhafter Beitrag stammt übrigens vom 1997 verstorbenen Baron Edmond de Rothschild.
Nebst der Synagoge mit bis zu 800 Plätzen beinhaltet der Neubau der Architekten Daniel Schwarz und Massimo Bianco auch ein Gemeindezentrum mit Aufenthaltsräumen, Schulzimmern und einem Restaurant. Heute zählt die GIL 1200 Mitglieder sowie mehrere hundert Kinder – ihr gehören demnach gut ein Drittel der Genfer Juden an. Vor den Medien führte Jean-Marc Brunschwig den starken Zuwachs auf die in Genf ansässigen internationalen Organisationen und Firmen zurück, für die vermehrt auch jüdische Angestellte arbeiteten. Auch gebe es viele Doppelmitgliedschaften mit anderen jüdischen Gemeinden.
Gute Zusammenarbeit
Die Einweihungsfeier der neuen Synagoge wurde mit synagogalen Klängen eröffnet, gespielt auf einem Alphorn. Rabbiner François Garaï – er gehört zu den Gründungsmitgliedern der GIL – brachte dies mit der Verwurzelung in Genf in Verbindung. Zusammen mit Vertretern von Protestanten, Katholiken, Muslimen, Hinduisten und Buddhisten sprach er dann ein gemeinsames Gebet für Frieden und Toleranz. Nicole Poëll, Co-Präsidentin der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz, zeigte sich beeindruckt von der Genfer Gemeinde, die wesentlich grösser sei als ihre Jüdische Liberale Gemeinde Or Chadasch in Zürich. Erfreut erklärte sie sich darüber, dass die nach der abgelehnten Aufnahme der Liberalen Gemeinden im Jahr 2003 aufgekommenen Spannungen mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) abgebaut worden seien und man nun auf der politischen Ebene erfolgreich zusammenarbeite «zum Vorteil der ganzen
jüdischen Bevölkerung der Schweiz». Der gegenseitige Respekt komme auch in der Anwesenheit von SIG-Präsident Herbert Winter und der Vizepräsidentin Sabine Simkhovitch-Dreyfus zum Ausdruck. Alain Bruno Lévy, Präsident der Coordination intercommunautaire contre l‘antisémitisme et la diffamation (CICAD), erinnerte bei aller Festfreude daran, dass im Jahr 2009 in der Westschweiz rund 150 antisemitische Vorfälle registriert worden seien.
Gelungene Integration
Sandrine Salerno, Vizepräsidentin der Genfer Stadtregierung, hiess die «Protestanten des Judentums» im Quartier und in der Calvinstadt herzlich willkommen. Der Genfer Grossratspräsident Guy Mettan freute sich über die Klänge des «Alpen-Schofars», wies anderseits aber auch auf die ungute Entwicklung hin zu Hass und Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz hin, durch die sich die Frage stelle, wo die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit liege. Mark Müller, Vizepräsident des Staatsrats, dankte der jüdischen Gemeinschaft für ihre Offenheit und insbesondere die klare Stellungnahme gegen das Minarett-Verbot. An Nicole Poëll gewandt meinte er, es sei selten, dass Genf als Vorbild für Zürich dargestellt werde. Nach weiteren Grussworten von Leslie Bergman, Vizepräsident der World Union for Progressive Judaism, und Ronny Leschno-Yaar, Botschafter Israels bei der Uno in Genf, beendete alt Bundesrätin Ruth Dreifuss den Reigen der Kurzansprachen mit Gedanken über die gelungene Integration der Juden, die sich nicht verstecken müssten. Gleichzeitig dürfe nicht vergessen werden, dass die Muslime durch das Minarett-Verbot gezwungen würden, unsichtbar zu bleiben.
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bildlegende
feierliche eröffnung Interreligiöses Gebet für Frieden und Toleranz