Eine neue Stimme für die Juden in Europa
Die Gründer von JCall, die eine ihrer Ansicht nach zögernde israelische Regierung näher zu einer Zweistaatenlösung bringen wollen, bezeichnen Kritik an der israelischen Politik als konstruktiv und nötig. «Wir alle sind Zionisten, können gleichzeitig aber unsere Ideen über die Situation und die Zweistaatenlösung zum Ausdruck bringen», sagte David Chemla, Mitbegründer von JCall und Leiter von Peace Now in Frankreich. «Es ist sinnvoll, die Debatte offen zu führen, anstatt sie den Radikalen zu überlassen.»
Deutliche Kritik
Das Auftauchen von JCall, das offiziell erstmals am Europaparlament in Brüssel in Erscheinung getreten ist, hat Bedenken bei den jüdischen Gemeindeführern ausgelöst, die Israel traditionell bedingungslos zur Seite stehen. So verurteilte der
Europäisch-Jüdische Kongress (EJC), die Dachorganisation der gewählten Führungspersönlichkeiten der jüdischen Gemeinden in Europa, den Ruf von JCall nach Druck auf die israelische Regierung. Das sei «spaltend, kontraproduktiv und nicht hilfreich». Man müsse festhalten, betonte EJC-Präsident Moshe Kantor, dass fortdauernder und einseitiger Druck auf Israel die Palästinenser nicht veranlassen würde, seriöse Verhandlungen aufzunehmen. Vielmehr würde nur die ohnehin schon labile Situation in der Region noch weiter gefährdet. Laut Kantor repräsentiere JCall eine Minderheit in Europa.
Die durch JCall in Europa vom Zaune gebrochene Debatte ist ein Spiegelbild der Situation, wie sie sich in den USA seit der 2008 erfolgten Gründung der linksorientierten, proisraelischen Lobby J Street präsentiert, die sich als Alternative zum American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) verst. Sie seien von J Street inspiriert worden, erklärten Chemla und andere Aktivisten von JCall.
Soldarität mit JCall
Bisher beschränkt sich die Aktivität von JCall vorwiegend auf das Sammeln von Unterschriften für eine Online-Petition, welche die EU dazu auffordert, Druck auf Israel und die Palästinenser auszuüben, damit beide Seiten einer Zweistaatenlösung zustimmen. Gleichzeitig weist die Gruppe eine «blinde Unterstützung» für die israelische Politik zurück und betont, ein lebensfähiger, souveräner Palästinenserstaat sei unabdingbar für das Überleben Israels als jüdischer und demokratischer Staat. JCall bezeichnet sich als parteiunabhängig.
Die sich der «europäisch-jüdische Aufruf zur Vernunft» nennende Petition von JCall ist bestrebt zu erreichen, dass die «zu lange verschwiegenen Meinungen der Juden Europas» öffentlich gehört werden. Man sollte eine jüdische Stimme vernehmen können, die dem jüdischen Staat gegenüber verpflichtet, gleichzeitig aber kritisch ist angesichts der gegenwärtigen Beschlüsse seiner Regierung. Bis Mitte letzter Woche war die Petition von über 4000 Personen unterschrieben worden.
Zu den Unterstützern von JCall zählen einige prominente französische Juden wie der Philosoph Bernard-Henri Lévy und der Schrifsteller Alain Finkielkraut sowie Juden aus Belgien, Grossbritannien, Deutschland und der Schweiz. An der Veranstaltung in Brüssel zeigten die Botschafter Avi Primor (ehemals in Berlin stationiert) und Elie Barnavi (Paris) mit ihrer Anwesenheit Solidarität mit JCall.
Solidarität mit Israel
Die Gruppe bedeutet einen Wendepunkt für die europäischen Juden und ihre Stimme gegenüber Israel. Das Erscheinen von JCall kann nicht mit der Gründung von J Street in den USA verglichen werden. Während Amerikaner in den letzten zwei Jahrezehnten stets Israel gegenüber mehr Sympathien zeigten als den Palästinensern, gilt für Europa das genaue Gegenteil. So erklärten 59 Prozent der Europäer in einer 2003 durchgeführten EU-Umfrage, Israel bedeute eine grössere Gefahr für den Weltfrieden als Iran, Nordkorea oder Pakistan. Darüber hinaus weist das Stephen-J.-Roth-Institut der Tel-Aviv-Universität darauf hin, dass antisemitische Zwischenfälle in Europa im Jahr 2009 als Folge des israelischen Kriegs gegen die Hamas im Gazastreifen beängstigend zugenommen haben.
Viele europäisch-jüdische Gemeindeaktivisten fürchten, Kritik an der Politik Israels könnte in antiisraelische Gefühle eskalieren. Es sei daher essentiell, meinen diese Kreise, dass man sich öffentlich hinter Israel stelle. Das Wort «Zionist» ist nach Ansicht von Roger Cukierman, früherer Präsident der französisch-jüdischen Dachorganisation CRIF und Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, zu einer Beleidigung in Frankreich geworden. In den Strassen des Landes höre man Rufe wie «Israel – Mörder, Israel – Apartheid», israelische Flaggen würden verbrannt, israelische Produkte boykottiert, so Cukierman.
Einstimmige Verurteilung
Für die Ansichten von JCall empfinde er einerseits Sympathie, doch müsse bedacht werden, dass sie «unsere Unterstützung für Israel in aller Öffentlichekti spalten». Es wäre klüger, die Debatte innerhalb der Gemeinden, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zu führen. In Frankreich, dem Land mit der grössten jüdischen Bevölkerung in Europa, hat eine Gegen-Petiton zu jener von JCall viel Aufmerksamkeit erregt, und die Exekutive des CRIF hat JCall einstimmig verurteilt. Unter den jüdischen Persönlichkeiten in Europa hat Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, bisher als einziger Gemeindeaktivist JCall offen seinen Segen erteilt. «Ich denke, es ist eine gute Idee», meinte er. «Man nennt sie zwar alle Verräter, doch das ist falsch.» In Zukunft will JCall seine Energie vor allem in die Koordination der Diskussion zwischen den Ländern investieren. Abzuwarten bleibt, ob und inwieweit es der Gruppe gelingen wird, sich zu einer potenten politischen Kraft zu entwickeln.