Eine neue, moderne «Hülle»

Avital Burg und Ellie Armon Azoulay, June 17, 2010
Ende Juli wird das frisch renovierte Israel-Museum feierlich wiedereröffnet. Für rund 100 Millionen Dollar hat das Haus eine neue «Hülle» erhalten. Eine Betrachtung und ein Gespräch mit Museumsdirektor James Snyder.
DAS ISRAELMUSEUM IN JERUSALEM Ende Juli wird das Museum nach Erneuerungsarbeiten wiedereröffnet

Auf dem Schreibtisch von James Snyder, dem Direktor des Jerusalemer Israel-Museums, liegt ein Helm, wie er auf Baustellen getragen wird. Immer wenn er sich auf die Baustelle begibt, die sich seit drei Jahren auf dem Gelände des Museums befindet, setzt er sich den Helm auf. Bei diesen Rundgängen trägt Snyder einen eleganten Anzug, und wenn er vom «Erneuerungsprojekt» des Campus spricht, benutzt er oft auf Englisch Worte wie «Offenbarung», «erstaunlich» oder «spannend». Snyder, der seit 13 Jahren in Israel lebt und in den letzten Jahren seine ganze Energie in dieses Projekt gesteckt hat, ist voll positiver Erwartung angesichts der baldigen Vollendung der Arbeiten. Das Museum bereitet sich nach30 Monaten auf seine offizielle Eröffnung am 26. Juli vor.

Eine «Museums-Person»

Anstatt, wie sonst üblich bei solchen Projekten, neue Flügel zu bauen oder die Gebäude abzureissen und komplett neu zu errichten, beschlossen die Verantwortlichen des Israel-Museums, dem Museum eine neue Hülle zu geben, die Grundfesten aber zu erhalten. Einer der Gründe dafür ist der Wille, die architektonische Geschichte des Museums zu bewahren, das seinerzeit vom Architekten Al Mansfeld und der Innenarchitektin Dora Gad geplant worden war.

Der Rahmen des Unternehmens hat sich, so Snyder, den Inhalten angepasst, und nicht umgekehrt. «Die oberste Priorität des Erneuerungsprojekts ist die Wiedereinrichtung der Sammlungen, deren Exponate bis zu einer Million Jahre zurückreichen. Die ganze Idee läuft darauf hinaus, dass die historischen Gebäude eine moderne Hülle erhalten und somit auch den Lauf der Zeit verkörpern.»

Der vor 57 Jahren in Pennsylvania geborene Snyder studierte an der Harvard-Universität englische Literatur und Kunstgeschichte, er wurde nach Beendigung des Studiums vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) für ein einjähriges Volontariat angestellt. Er blieb 22 Jahre dort und brachte es bis zum stellvertretenden Direktor. Unter anderem organisierte er grosse Ausstellungen über Henri Matisse und Pablo Picasso. Als Martin Weyl 1996 seinen Rücktritt als Direktor des Israel-Museums ankündigte, wurde Snyder dieser Posten offeriert. Er verliebte sich, wie er selber sagte, sehr rasch in das Museum, dessen Potenzial er bald erkannte. Ein kurzer Besuch mit Frau und Kindern in Jerusalem reichte, um Snyder zum Umzug nach Israel zu veranlassen. «Möglicherweise bin ich eine sogenannte Museums-Person, denn ich identifiziere mich ausgesprochen mit allem, wo ich gerade bin», erklärte er. «Das war so beim MoMa, und das gilt hier wieder. Man beginnt sich als Teil eines Ortes zu fühlen, wenn man wirklich an dessen Kraft glaubt.»

Finanzielles Geschick

Mit dem Israel-Museum geht er einen eigenen Weg, wenn es um die finanzielle Unterstützung und um Budgets geht. Während die meisten anderen ähnlichen Institutionen in Israel stark von städtischer Hilfe abhängen, erhält das Israel-Museum nur einen kleinen Teil seines Geldbedarfs von der Jerusalemer Stadtverwaltung. Wie andere Museen aber muss auch das Israel Museum einen grossen Teil seines Budgets selber bestreiten, durch private Spender und Freundeskreise in aller Welt. «Wir gehören zur Gruppe der aktivsten Museen der Welt», sagt Snyder. «Die Direktoren von rund 60 Museen weltweit, die Hälfte von ihnen in den USA, treffen sich zweimal jährlich. Unsere Position innerhalb dieser Gruppe ist eine ganz besondere, erstrecken sich unsere Sammlungen doch über eine grössere Fläche als es bei fast allen anderen Museen der Fall ist. Dabei arbeiten wir mit weniger Personal und einem kleineren Budget.» Die Realisierung des jüngsten Erneuerungsprojekts für gerade mal 100 Millionen Dollar sei, so Snyder, schon beinahe «eine Chutzpe». Der für sein finanzielles Geschick bekannte Direktor mobilisierte 342 Millionen Schekel; der Staat steuerte weitere 70 Millionen bei. Snyder pflegt enge Kontakte zu ausländischen Spendern und Freunden des Museums.

Eine neue Plattform

Über seine Zukunft beim Israel-Museum äussert sich Snyder eher vage. Viel lieber befasst er sich mit den Möglichkeiten, die er bei der Annahme seines Postens wahrnahm: «Das Ziel wird jetzt darin bestehen, das Potenzial der Veränderung, die wir jetzt realisieren, voll auszuschöpfen. Bis vor fünf Jahren waren wir damit beschäftigt, die bisherigen Räume des Museums zu nutzen, doch dann beschlossen wir, einen neuen Weg zu beschreiten. Ich hoffe, wir haben nun eine neue und erneuerte Plattform geschaffen, die für eine lange Zeit gültig bleiben wird.» Sobald alle Sammlungen wieder ihren Platz gefunden haben werden, werde das Museum, so Snyder eine völlig neue Plattform besitzen. «Auf die gleiche Weise, auf die unsere Architektur heute die Verbindungen zwischen Alt und Neu widerspiegelt, wir die neue Plattform uns die Möglichkeit geben, Kulturen miteinander zu verbinden und von den Sammlungen auf neue Weise Gebrauch zu machen.»

«Ein Teil meines Lebens»

Auf die Frage, wie er das Leben in Jerusalem und Israel sehe und ob er nach 13 Jahren ein Zugehörigkeitsgefühl empfinde, hat Snyder eine präzise Antwort: «Zuerst muss ich sagen, dass das Museum ein grosser Teil meines Lebens ist, wie es auch schon beim MoMa der Fall war. Wir sind keine Israeli, doch ist es ein Privileg hier zu leben, nicht als Israeli, sondern weil ich die Chance habe, das Land auf eine Art zu verstehen, wie andere Menschen es vielleicht nicht können. Jerusalem bedeutet mir sehr viel. Vielleicht haben jene Leute recht, die Tel Aviv als das Zentrum von Israel bezeichnen, doch Jerusalem ist das Zentrum der Welt. Es ist und bleibt eine Art Brücke, die Europa, Afrika und Asien verbindet, der Mittelpunkt diese gewaltigen kontinentalen Kräfte, und ich fühle die Kraft dieses Schnittpunktes.» Der Frage nach den politischen Konflikten in Jerusalem geht Snyder eher aus dem Weg: «Mein Fokus ist nicht politisch. Ich sehe vor allem den interkulturellen Reichtum. Beim Gang durch den Markt von Machane Yehuda oder den Schuk in der Altstadt wird einem bewusst, dass hier eine Stadt ist, die seit über 3000 Jahren ununterbrochen mit den dort lebenden Juden, Christen und Muslimen funktioniert. Diese Art von Komplexität findet sich an keinem anderen Ort. Für mich bedeutet das ein erfrischendes und stärkendes Privileg.»