Eine mögliche Erklärung?

May 8, 2008
Sind Jugendliche im Grunde allesamt kleine Faschisten? «Die Welle», ein Schulbuchklassiker, der nun neu verfilmt wurde, legt diesen Schluss nahe.
<strong>In Reih und Glied</strong> J&uuml;rgen Vogel als Lehrer vor einer gleich geschalteten Schulklasse

Wie war es möglich, dass ein ganzes Land den Holocaust einfach hinnahm? Warum wehrte sich niemand gegen den Massenmord? Diese Frage beschäftigt Historiker, Psychologen und Soziologen schon lange, und die Antworten sind zahlreich: Waren die Deutschen «willige Vollstrecker», der Holocaust nur die letzte Konsequenz eines bereits vorhandenen «eliminatorischen Antisemitismus»? Oder war der blinde Gehorsam Folge der in Deutschland besonders verbreiteten autoritären Charakterstruktur?

Eine mögliche Antwort auf diese Frage gab ein Experiment, das der Geschichtslehrer Ron Jones 1967 in einer Schule im kalifornischen Palo Alto unternahm. Um seinen Schülern die Faszination des Faschismus zu demonstrieren, rief Jones eine Bewegung – «The Third Wave» – ins Leben, die Disziplin und Gemeinschaft über alles stellte, und bei der jede Form von Individualität verpönt war. Der Erfolg war durchschlagend: Die Schüler machten begeistert mit; überall an der Schule tauchten Welle-Embleme auf, Nicht-Welle-Mitglieder wurden drangsaliert, und Jones selbst hatte zu seiner Überraschung plötzlich einen Bodyguard an seiner Seite. Als das Experiment völlig ausser Kontrolle zu geraten drohte, brach Jones es ab.

Schlecht dokumentiert

«Die Welle» wird oft in einem Atemzug mit dem Milgram-Experiment und dem Stanford-Prison-Experiment genannt, die ebenfalls die Reaktion von Menschen auf Autoritätspersonen untersuchten. Beide Experimente waren höchst umstritten und würden heute von keiner Ehtikkommission mehr bewilligt werden. Einen grossen Unterschied gibt es aber zwischen diesen beiden Klassikern der Psychologie und der «Welle»: Initiant Strasser hat sein Experiment kaum dokumentiert; erst sechs Jahre nach den eigentlichen Ereignissen beschrieb er diese ausführlicher in schriftlicher Form.

Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Die Geschichte von Jones’ Experiment ist – in Form eines kurzen Romans und eines Fernsehfilms – mittlerweile zum Standard-Schulstoff geworden: Besonders in Deutschland gehört das Buch von Todd Strasser zur Pflichtlektüre. In seiner Stossrichtung ähnelt das Buch William Goldings «Herr der Fliegen»: Jugendliche sind allesamt potenziell kleine Faschisten, und es braucht nur wenig, bis aus anständigen Kindern ein grausamer Mob wird.

Die bisherigen Versionen der « Welle» – Buch wie Film – sind überaus didaktisch, vor allem der Film ist furchtbar dröge. Da ist es eigentlich naheliegend, diesen Stoff für das deutsche Publikum neu aufzubereiten; tatsächlich läuft der Film in unserem Nachbarland auch bereits mit grossem Erfolg. Regisseur Dennis Gansel verlegt das Welle-Experiment in seiner Neuauflage in eine namenlose deutsche Kleinstadt der Gegenwart und passt die Handlung den örtlichen Begebenheiten an. Man spürt deutlich: Der Film soll um jeden Preis zeitgemäss und relevant wirken. Also: möglichst viele Milieus abdecken und möglichst viel Jugendkultur reinpacken – das Welle-Emblem ist folglich ein fescher Graffiti, statt Football, das bei Strasser eine wichtige Rolle spielt, spielen die Jungs Wasserball, statt der Schülerzeitung ist nun das Internet von Bedeutung, und der charismatische Lehrer, verkörpert von Jürgen Vogel, ist ein ehemaliger Hausbesetzer, der in abgerissenen Jeans und Lederjacke zum Unterricht erscheint.

Flott erzählt

Das alles wird flott und ökonomisch erzählt; doch obwohl die neuste Auflage der «Welle» die Aktion deutlich mehr betont als die früheren Versionen, bleibt der Film ein Lehrstück, dessen Personal insgesamt doch sehr klischiert wirk. Und um alle Bevölkerungsschichten und Milieus abzudecken, ist auch das ganze Personal der deutschen Vorabendserien vertreten: Der Türke, der nicht mehr «der Türke» sein will, der Aussenseiter, der seine Chance wittert, der wohlstandverwahrloste Kiffer, der fleissige Arbeitersohn ohne Familie und die Einser-Schülerin, die als einzige merkt, was gespielt wird.

Gansels Film ist über weite Strecken kurzweilig und handwerklich gut gemacht, aber wirklich überzeugen kann er doch nicht. Nicht nur, weil das alles gerade in seiner forciert zeitgemässen Art mitunter ziemlich angestrengt wirkt, sondern auch weil das zentrale Moment nicht glaubhaft ist. Wenn die Welle mal am Rollen ist, und alle auf die neuste Mode aufspringen wollen, niemand aussen vor bleiben will, überzeugt der Film durchaus, aber was die Schüler am Geradesitzen und Strammstehen so faszinierend finden, warum ein weisses Hemd reichen soll, um alte Rivalitäten zu überwinden, will sich nicht recht erschliessen; alles wirkt etwas zu behauptet.

Der Film hat am Ende ein ähnliches Problem wie bereits das Buch: Wüssten wir nicht, dass sich diese Ereignisse so ähnlich tatsächlich zugetragen haben, würden wir die Geschichte wohl schlicht für unplausibel halten. Im Grunde ist das ja ein Armutszeugnis für jeden Film, doch ist «Die Welle» eben nicht primär ein filmisches Kunstwerk, sondern ein didaktisches Lehrstück. Und als solches erfüllt es wohl seinen Zweck.

Simon Spiegel

«Die Welle» läuft zurzeit in Deutschschweizer Kinos.