Eine kleine, aber immer lautere Minderheit

Von Jacques Ungar, May 18, 2010
42 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Israel definieren sich als säkular, während nur acht Prozent sich als ultraorthodox betrachten. Das geht aus einer diese Woche veröffentlichten sozioökonomischen Umfrage hervor, die das statistische Zentralbüro letztes Jahr in Auftrag gegeben hat. Weitere Eckdaten der Erhebung: Zwölf Prozent der Juden Israels sehen sich als «religiös», 13 Prozent als «religiös observant», während 25 Prozent, also ein Viertel der jüdischen Bevölkerung, Traditionen pflegt, sich deswegen aber nicht als religiös betrachtet.
GEWALTTÄTIGE AUSEINANDERSETZUNG Mit Sorge werden die allfälligen Demonstrationen der Ultraorthodoxen für die Totenruhe nach dem Schawuotfest vom Mittwoch erwartet

Das statistische Zentralbüro von Israel führt jedes Jahr eine Umfrage zu Themen um das Verhältnis zwischen Religiösen und Säkularen im Lande durch, und seit Jahren hält der gleiche Trend an: Die Zahl der religiösen beziehungsweise religiös observanten Israeli nimmt zu, während der Anteil der Säkularen langsam, aber sicher sinkt. Der stetig wachsende Hang jugendlicher Einwohner des Staates zu ultrareligiösen Lebensformen lässt sich an der Tatsache ablesen, dass sich unter den 20- bis 29-Jährigen 14 Prozent als Ultraorthodox bezeichnen, während in der Altersgruppe der über 65-Jährigen dies nur gerade zwei Prozent tun. Die Zeichen für die Zukunft scheinen also klar gesetzt zu sein: Während Israel politisch auf internationaler Ebene Mühe hat, Anerkennung für die sich selbst verliehene Definition als «jüdischer Staat» zu finden, ist diese Entwicklung aus religiöser Perspektive vorgezeichnet und offenbar unaufhaltsam. Religiöse bis ultraorthodoxe (charedische) Ansichten dürften das Geschehen im Staate Israel und dessen Gestaltung in ein bis zwei Generation weitaus eindeutiger prägen, als dies heute noch der Fall ist. Die mit Vorliebe für Kompromiss und den «goldenen Mittelweg» eintretende ältere Generation dagegen – viele von ihnen haben bei der internen und externen Konsolidierung des Staates Kopf und Kragen riskiert – haben langfristig immer weniger Gewicht.

Dass dieser demografische Wandel mitunter recht holprig vonstatten gehen dürfte, deutet die Umfrage der Statistiker unter anderem mit folgenden Ergebnissen an: Rund 93 Prozent der säkularen und religiös observanten Israeli gehören der Erwerbsbevölkerung an, während dieser Prozentsatz bei den ultrareligiösen Männern nur gerade bei 52 Prozent, bei den Frauen des gleichen Sektors bei 61 Prozent liegt (im Vergleich zu den 88 Prozent der erwerbstätigen säkularen jüdischen Frauen). Andersherum ausgedrückt: Prozentual dürfte das Gewicht der religiösen und ultrareligiösen Israeli an der Gesamtbevölkerung stetig zunehmen, doch werden die Charedim noch auf absehbare Zeit hinaus wirtschaftlich von den säkularen und traditionellen Brüdern und Schwestern abhängen, auch wenn man sich im täglichen Leben sehr oft alles andere als brüderlich und schwesterlich begegnet.

Brennende Flaggen

Ein im wahrsten Sinne des Wortes schlagendes Beispiel für das gestörte Verhältnis zwischen den genannten Gruppen bekam der Beobachter Anfang der Woche in Städten wie Ashkelon und Jerusalem zu sehen. Hunderte von charedischen Demonstranten standen einem ebenso starken wie entschlossenen, teils berittenen Polizeiaufgebot gegenüber. Vor allem an neuralgischen Schnittstellen zwischen ultraorthodoxen und anderen Bewohnern der Hauptstadt verbrannten die Randalierer nicht nur Abfallcontainer, sondern – um einmal mehr zu unterstreichen, wo sie politisch-ideologisch stehen – auch Israelflaggen. Steine des Anstosses im wahrsten Sinne des Wortes waren die antiken Gräber, welche Archäologen auf Geheiss des Büros von Premier Binyamin Netanyahu verlegten. Obwohl es zu 99 Prozent als sicher gilt, dass die Grabstätten keine sterblichen Überreste von Juden beinhalteten, beriefen sich extreme Charedim auf den einen Prozent der Ungewissheit und brachen – auch das keine Premiere in den wechselvollen Beziehungen zwischen den religiösen Gruppen in der jüdischen Bevölkerung des Landes – eine neue Runde der Auseinandersetzung im Kampf um die unverrückbare Heiligkeit von Gräbern vom Zaune. Wie eingangs bereits erwähnt, machen Charedim heute erst rund acht Prozent der jüdischen Bevölkerung von Israel aus, doch angesichts des Fanatismus, mit dem sie ihre Kundgebungen durchzuführen pflegen, und in nicht minder grossem Ausmass angesichts der aus Koalitionsgründen ihnen gegenüber an den Tag gelegten Rücksicht, könnte man meinen, mindestens 20 bis 30 Prozent der jüdischen Israeli würden dem charedischen Lager angehören. Dabei nehmen schätzungsweise nur fünf Prozent aller Charedim an den Zusammenstössen mit den Sicherheitskräften teil.

Reaktion der Stadtverwaltung

Die Auseinandersetzungen von Sonntag und Montag verliefen mit nur 30 Verhaftungen und ungefähr gleich vielen Verletzten einigermassen harmlos, doch keiner weiss, welche Dimensionen die Ultras ihren allfälligen Demonstrationen für die Totenruhe nach dem Schawuotfest vom Mittwoch verleihen werden. Weil einige Angestellte der Jerusalemer Stadtverwaltung von aufgebrachten Charedim verprügelt worden sind und weil charedische Jugendliche entlang der für ihre exponierte Lage sattsam bekannten Bar-Ilan-Strasse Unruhen provozierten, sistierte die Stadtverwaltung alle Dienstleistungen in charedischen Wohnvierteln bis auf Weiteres. Diese Massnahme ist einerseits zwar verständlich, doch trifft sie andererseits weniger die paar Dutzend Rowdies und deren Rabbiner, sondern die schweigende, gesetzestreue Mehrheit, die es auch unter den Charedim gibt.

So bedauerlich dieses Vorgehen des Establishments sein mag, so mag es doch die einzige Möglichkeit sein, ohne grossen Aufwand die genannte schweigende Mehrheit aus ihrer Lethargie ausfzurütteln und im charedischen Lager von innen her Ordnung zu schaffen. Bürgermeister Nir Barkats Argument hat vieles für sich: Die Stadtverwaltung würde, so meinte er, alles unternehmen, um den betreffenden Wohngegenden die ihnen zustehenden Dienstleistungen zu gewährleisten. «Sind aber die Leben unserer Arbeiter gefährdet, zögert die Stadt nicht, diese Leistungen bis zur Beruhigung der Gemüter zu sistieren.»

Ein skurriler Protest

Man muss sich allen Ernstes fragen, was in den Köpfen der die Unruhen steuernden geistigen Grössen der Charedim vor sich geht, wenn man bedenkt, dass, wie gesagt, die entdeckten sterblichen Überreste nicht jüdischen Ursprungs sind und dass andererseits die nun abgewendete Verlegung des Standorts der Intensivstation im Barzilai-Krankenhaus von Ashkelon nicht nur Mehrkosten von Hunderten Millionen Schekel verursacht, sondern auch die Fertigstellung des Projekts um mindestens zwei Jahre verzögert hätte.

Für extreme Charedim mag es dieser Tage nichts anderes und vor allem nichts Wichtigeres geben als ihre skurrilen Proteste gegen das zionistische Establishment, doch geziemt es sich, die Proportionen wieder in die richtigen Dimensionen zu rücken. Der in der Nacht zum Montag zwischen Brasilien, der Türkei und Iran erzielte Atom-Kompromiss ist für Israel (die Charedim eingeschlossen) und den Nahen Osten als Ganzes nämlich viel wesentlicher und vielleicht auch gefährlicher als das Gerangel um ein paar vermutlich heidnische Grabstätten. Rekapitulieren wir: Iran erklärt sich gemäss dem Abkommen bereit, rund 1200 Kilo angereichertes Uran gegen nuklearen Brennstoff zu tauschen, der in einem medizinischen Forschungsreaktor in Iran zur Anwendung gelangen soll. Der Austausch soll in der Türkei stattfinden.

Atom-Deal

Die USA reagierten zunächst zurückhaltend-misstrauisch auf den Deal, während
israelische Sprecher ihren negativen Gefühlen freien Lauf lassen. Vor allem wird bemängelt, dass die iranischen Atomanlagen trotz des Abkommens weiterhin funktionsfähig bleiben und von den Entscheidungsträgern in der Islamischen Republik kontrolliert werden. Dann betrachtet man die Übereinkunft in erster Linie als einen weiteren Versuch Teherans, auf Zeit zu spielen und das einsatzbereite Sanktionen-Paket zu neutralisieren. Dass diese Vermutung von der Wirklichkeit nicht so weit entfernt sein dürfte, bestätigte der türkische Aussenminister Abdullah Gul, der nach der Vertragsunterzeichnung meinte, jetzt gebe es keine Grundlagen mehr für eine Verschärfung der anti­iranischen Sanktionen. Ankara lässt heute nichts unversucht, um seine Position in der islamisch-arabischen Welt zu festigen, und so sind Guls Worte aus türkischer Perspektive erklärbar. Ebenso sinnvoll ist aber auch das Nichteingehen Jerusalems auf das brasilianisch-türkisch-iranische Possenspiel. Washington dürfte sich dieser Haltung am Ende anschliessen.