Eine Jugend im Wandel
Die Resultate einer Studie von Camille Fuchs von der Tel-Aviv-Universität über die Denkmodelle junger israelischer Juden bieten ausreichend Diskussionsstoff für die sich über gut drei Wochen hinweg erstreckende jüdische «Feiertagssaison». So enthüllt die Studie nicht nur positive Aspekte über die heutige Jugend. Immerhin 64 Prozent der befragten jüdische Jugendlichen im Alter von 15 bis 18 Jahren gaben zu Protokoll, dass die arabischen Israeli in ihrer Heimat, verglichen mit den jüdischen Altergenossen, nicht die volle Gleichberechtigung geniessen. 59 Prozent fanden dazu, diese Ungleichheit sei in Ordnung. 96 Prozent der Interviewten sprachen sich dafür aus, dass Israel ein «jüdischer und demokratischer Staat» sein soll. Die Zusatzfragen lassen ziemlich radikale Ansichten bei einem Teil der jüdischen Jungen und Mädchen in Israel vermuten: 27 Prozent sind nämlich der Ansicht, Gegner des jüdischen demokratischen Staates müssten vor Gericht gestellt werden, während gar 41 Prozent sich dafür aussprachen, den Andersdenkenden die israelische Staatsbürgerschaft abzuerkennen.
Vor dem Hintergrund dieser Antworten überrascht es nicht, dass die Hälfte der Befragten nicht bereit ist, mit Arabern im selben Klassenzimmer zu sitzen. 23 Prozent reagierten negativ, als sie nach ihrer Haltung gegenüber homosexuellen und lesbischen Schulkolleginnen und -kollegen gefragt wurden. Ein durchwachsenes Bild schliesslich ergaben die Fragen zur Haltung der jüdischen Jugend zur Armee. Zwar erklärten 83 der Jugendlichen, sie würden bestimmt Dienst in der IDF leisten, doch 59 Prozent würden den Dienst in einer Kampftruppe ablehnen. Darüber hinaus meinten 24 Prozent der Befragten ohne Umschweife, wie würden den Militärdienst in den Gebieten verweigern, während 47 Prozent nichts dagegen hätten, als Soldaten jenseits der «grünen Linie» eingesetzt zu werden.
Kaum Freiwilligenarbeit
Am deutlichsten jedoch unterstreichen die Antworten auf Fragen gesellschaftlicher Natur die tiefgreifenden Veränderungen, welche die jüdischen Jugendlichen an der Schwelle des neuen Jahres 5771 prägen. So erklärten 40 Prozent der Befragten, nie Mitglieder einer Jugendbewegung gewesen zu sein, während gar 45 Prozent nie in irgendeiner Weise Freiwilligenarbeit – vor noch nicht allzu langer Zeit Ehrensache für die meisten israelischen Jugendlichen – geleistet haben.
Wie gesagt: Die Studie bietet ausreichend Diskussionsstoff. Es ist nun aber die Frage ist, ob und wie die israelischen Erwachsenen den Signalcharakter der Umfragresultate verstehen und inwieweit sie mit ihnen einverstanden sind. Es wäre durchaus geboten, sich eingehender mit den von Camille Fuchs erarbeiteten Ergebnissen zu befassen, besitzt die Jugend in Israel im Vergleich zu anderen westlichen Ländern doch ein überdurchschnittliches Gewicht: 28 Prozent der Bevölkerung sind noch keine 14 Jahre alt (westlicher Gesamtdurchschnitt: 17 Prozent), während nur zehn Prozent der Israeli über 65 Jahre alt sind, verglichen mit fast 15 Prozent im Westen generell.
Ein neuer Skandal
In der Woche des jüdischen Neujahrsfestes konnte sich die israelische Öffentlichkeit aber offenbar den «Luxus» nicht erlauben, sich eingehend mit den Ergebnissen der Umfrage zu befassen. Zu sehr drängten einmal mehr Themen politischer und militärischer Natur und ein neuer Skandal in den Vordergrund. Dieser wurde am Dienstag von der Zeitung «Haaretz» aufgedeckt und betrifft die angeblichen finanziellen Verbindungen zwischen dem österreichischen jüdischen Milliardär Martin Schlaff und der Familie des ehemaligen Regierungschefs Ariel Sharon sowie einer langen Liste weiterer israelischer Prominenter. So soll Schlaff hinter dem Transfer von 4,5 Millionen Dollar auf die Konten von Sharons Söhnen Omri und Gilad stehen. Laut «Haaretz» empfiehlt die untersuchende israelische Polizei daher (die Untersuchungen begannen schon 2003), Schlaff wegen Bestechung und die Sharon-Söhne wegen Weiterleitung von Bestechungsgeldern anzuklagen. Erst 2006 gestatteten die österreichischen Behörden laut «Haaretz» Israel, Schlaff unter Eid zu befragen.
Offiziell wurde für die Weigerung ein Mangel an Beweisen als Grund angegeben, doch die israelische Zeitung vermutet, der wahre Grund seien die ausgezeichneten Beziehungen Schlaffs zur politischen Führungsspitze in Österreich. Einer eigentlichen Befragung ist Schlaff bisher aber stets ausgewichen. Neben der Familie Sharon sollen neben anderen auch der ehemalige israelische Minister Arie Deri und der heutige Aussenminister Avigdor Lieberman zu den von Schlaff finanziell unterstützten Personen gehört haben.
Mit Hilfe eines befreundeten Anwalts aus der Schweiz – «Haaretz» nennt den Namen Hans Baumgartner – soll Schlaff für den Kauf von Material gesorgt haben, das im Fall Deri die Position eines Kronzeugen der Anklage hätte schwächen sollen. Was Lieberman betrifft, hat Schlaff laut «Haaretz» dem derzeitigen Aussenminister (unter Sharon war er Infrastrukturminister) geholfen, über komplizierte Transfers rund um die halbe Welt 650 000 Dollar zu «waschen». Man geht wohl kaum fehl in der Annahme, die Affäre Schlaff werde gar manchem israelischen Prominenten die Festtagsfreude ganz oder teilweise verderben. Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Affäre sich derzeit noch im Stadium polizeilicher Empfehlungen befindet und dass die Erfahrung gezeigt hat, dass in Israel schon vielen Empfehlungen dieser Art im Dickicht politischer Intrigen und Querverbindungen nicht nachgegangen wurde.
Lieberman versus Netanyahu
Auf politischer Ebene macht Aussenminister Lieberman keinen Hehl aus seiner Opposition gegen die Direktverhandlungen mit den Palästinensern und die mit diesen Gesprächen in Verbindung stehenden israelischen Konzessionen. Gegenüber dem israelischen Armeeradio erklärte Lieberman, der dem Washingtoner Gipfel ferngeblieben war, ein Friedensabkommen mit den Palästinensern sei «weder nächstes Jahr noch in der nächsten Generation denkbar». Die Palästinenser seien einzig darum bemüht, fügte Lieberman hinzu, Israel die Schuld für das baldige (seiner Meinung nach unvermeidliche) Scheitern der Verhandlungen in die Schuhe zu schieben. Und in einem anderen Interview schloss der Aussenminister eine Verlängerung des Baustopps für Westbank-Siedlungen kategorisch aus. «Ein Versprechen ist ein Versprechen, und wir werden keiner Verlängerung zustimmen», sagte er. Mit seinem Pessimismus attackiert Lieberman indirekt Premier Binyamin Netanyahu, der vor einer amerikanischen Kongressdelegation seinen Optimismus bestärkte, ein Abkommen mit den Palästinensern sei innerhalb eines Jahres mit «direkten, kontinuierlichen» Verhandlungen möglich.
«Grund zur Besorgnis»
Diese Zuversicht dämpfte Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas mit der Warnung, im Falle einer Wiederaufnahme der israelischen Bautätigkeit den Verhandlungstisch zu verlassen. Eher bedrückend für Netanyahus positive Stimmung sind die Nachrichten des syrischen Präsidenten
Bashar Assad aus Damaskus und von Jordaniens König Abdullah II., die einen «totalen israelischen Rückzug aus allen 1967 eroberten arabischen Gebieten» als Voraussetzung für einen Frieden mit den Palästinensern nannten. Ägyptens Aussenminister Ahmed Aboul-Gheit seinerseits legte den Finger auf einen anderen wunden Punkt, als er die israelische Forderung nach einer offiziellen Anerkennung Israels als jüdischer Staat einen «Grund zur Besorgnis» nannte. Bereits heute machten die Araber, wie er sagte, 20 Prozent der israelischen Bevölkerung aus.
Abbas und Netanyahu, die sich bald in Sharm el Sheikh und dann in Jerusalem wieder treffen, dürften versuchen, weiterhin eine gute Mine zum bösen Spiel der Unmöglichkeiten zu machen. Wenigstens so lange, bis man zur sattsam bekannten «Stunde der Wahrheit» anlangt. Von dort ist der Weg dann nicht mehr weit bis zur nächsten Runde der Gewalt – es sei denn, die beiden Seiten lernen zusätzlich zu
«Eile mit Weile» ein weiteres Spiel: über den eigenen Schatten zu springen.
Lesen Sie auf www.tachles.ch die Einschätzungen von Naomi Bubis zu den Washingtoner Friedensgesprächen zwischen Abbas und Netanyahu.