Eine israelische Biografie

von Alexander Alon, March 2, 2009
Ephraim Ilin, Unternehmer, Kunstmäzen und Etzel-Aktivist der ersten Stunde, wuchs in Tel Aviv auf und war an den kritischsten Punkten der Geschichte Israels als Aktivist beteiligt. Ein Gespräch mit dem 96-jährigen Pionier und Querdenker in seiner Heimatstadt.
Ephraim Ilin

Auf die Bitte hin, ein Stimmungsbild von Tel Aviv in den zwanziger Jahren zu beschreiben, erzählt Ephraim Ilin: «Die Abende verbrachten wir mit Singen und Tanzen, aber keine Salontänze, sondern Hora! Es war sehr volkstümlich. Ich spielte Klavier und alle Freunde sangen dazu.» Ilin wurde in Charkow in der Ukraine geboren, die Emigration nach Palästina fand 1924 statt. Obwohl der junge Ephraim die hebräische Sprache bereits «mit der Muttermilch» aufgesogen hatte, war das damalige Abendprogramm in Tel Aviv noch von der alten Heimat geprägt: «Am Anfang las ich ihnen jeweils vor, aus der guten russischen Literatur. Ich las sehr gut vor», stellt Ilin sachlich fest. «Das war ein kulturelles Leben!» Trotz seiner 96 Jahre besitzt er immer noch das Temperament und die Lust an der Provokation, um sich über das israelische Schulsystem zu beschweren: «Damals war es wärmer als heute, es gab keine Klimaanlage und weniger Bäume, aber die Lehrer trugen immer Anzug und Krawatte oder Fliege und die Kinder waren fürs Gymnasium wie fürs Konzert angezogen! Wenn wir das Niveau der Erziehung in Israel erhöhen wollen, müssen wir beim Anfang anfangen: Man muss den Ort selbst respektieren. Wenn du den Ort respektieren willst, dann musst du anders angezogen sein.»

Geschäftsmann und Idealist

Ilin besuchte das Herzlia-Gymnasium in Tel Aviv. Mit nur 16 Jahren hatte er die Matura in der Tasche und fuhr nach Liège, Belgien, um Betriebswirtschaft zu studieren. Er arbeitete während des Studiums als Assistent für Zeev Jabotinsky, dessen Verehrer er noch heute ist. Die Rückkehr nach Tel Aviv, vier Jahre später, hatte er sich allerdings, im zionistischen Eifer, anders vorgestellt. «Die Stadt war vollkommen verändert», erzählt er, «man hatte angefangen, mit den Grundstücken zu spekulieren: An einem Tag gekauft, am nächsten Tag zum doppelten Preis verkauft. Und es war unmöglich, ein Geschäft auch nur am Zipfel zu fassen.» Die damalige Topografie Tel Avivs weicht an dieser Stelle des Gesprächs den offenbar drängenderen Erinnerungen aus Ilins reicher Vergangenheit, die mit Verweisen auf seine Autobiografie «Al Hachatum» – der Unterzeichnende – gespickt sind.
Für die Organisation Etzel organisierte Ilin nach der Staatsgründung den Transport von tschechoslowakischen Waffen, die er, mittlerweile bereits ein erfolgreicher Geschäftsmann, mit dem Schiff «Nora» von Jugoslawien nach Israel beförderte. Die Menge des unter Kartoffeln und Zwiebeln versteckten Kriegsgeräts war so gross, dass sie von mancher Seite als für den Kampf um Jerusalem und sogar den Ausgang des Krieges entscheidende Lieferung angesehen wird.
Nach dem Waffenschmuggel ins Mandatsgebiet war Ilin am Schmuggel rumänischer Juden nach Israel beteiligt. «The Ransom of the Jews» von Radu Ioanid schildert, wie das Rumänien der Nachkriegszeit mehreren Hunderttausend Juden die Emigration gestattete, weil die Juden von Rumänien an den Staat Israel für harte Währung und vor allem Maschinen zur Erdölgewinnung «verkauft» worden waren. Der «Deal», schreibt Ioanid, sei in Israel kontrovers gewesen, da man diplomatische Schwierigkeiten mit den Vereinigten Staaten aufgrund des US-Embargos gegen Rumänien befürchtete. Ilin nahm beträchtliches persönliches Risiko auf sich, zumal die israelische Mission in Bukarest gehalten war, ihm im Falle eines Nichtgelingens jede Hilfe zu verweigern.

Ein Mäzen für Israel

Kürzlich konnte Tel Aviv noch einmal von Ilin profitieren. Das Tel Aviver Museum für Kunst organisierte eine Ausstellung zu von berühmten Künstlern des 20. Jahrhunderts gestalteten Gebrauchsgegenständen, so zum Beispiel einem von Max Ernst kreierten «Käfig-Bett». Die Objekte waren von Ilin und seiner verstorbenen Frau Zfira dem Museum geschenkt worden. Ilin konnte im Verlauf seines Lebens eine bedeutende Kunstsammlung aufbauen, die er mittlerweile zum grossen Teil an israelische Institutionen wie die Ben Gurion Universität im Negev verschenkt hat. Ilin, der Künstler wie Willem de Kooning entdeckte und oft jahrelang förderte, nennt viele dieser Künstler seine Freunde. Auf die Frage, ob sie ihn auch geistig beeinflusst hätten, reagiert er ungehalten. «Im Gegenteil, das waren doch immer Linke!» Im Rückblick auf die Personen, die in seinem Leben von Bedeutung waren, dreht sich das Gespräch um Jabotinsky, aber auch um Abraham «Yair» Stern und David Raziel, Widerstandskämpfer gegen die britische Mandatsmacht und Gefährten Ilins in der Gründungsgeschichte des Staates. «Ich habe dem Tod zweimal ins Auge geschaut», schliesst Ilin das Gespräch. «Zum ersten Mal, als die ‹Nora› entdeckt wurde und ich geistesgegenwärtig das Funkgerät ins Wasser warf, zum zweiten Mal, als sie mich an der Grenze zu Rumänien verhafteten. Leute konnten dort einfach verschwinden. Und immer war es eine Intuition, die mich rettete. Ich hatte mehr Glück als Verstand. Aber das steht alles im Buch, mehr oder weniger.»