Eine Idee von Kunst und Architektur

von Sabine Pfennig-Engel, September 3, 2009
Nur 14 Jahre bestand diese Institution an drei Standorten, doch beeinflusst der Bauhausstil bis zum heutigen Tag Architektur, Design, Wissenschaft, Kunst und Kommunikation.
90-JAHR-JUBILÄUM Noch heute wird das Bauhaus als Synonym für die Moderne benutzt

Drei Institutionen in drei Städten erheben einen Anspruch: Weimar, Dessau (beide ehemals DDR) und das damalige Westberlin. Jeder dieser Standorte behauptet mit der Klassik-Stiftung Weimar, der Stiftung Bauhaus Dessau und dem Bauhaus-Archiv Berlin von sich, die eigentliche Bauhausstadt zu sein. Zum 90. Gründungsjubiläum der Kunstschule Bauhaus von Walter Gropius in Weimar und 20 Jahre nach dem Fall der Mauer zeigen die oben genannten Häuser in Kooperation mit dem Museum of Modern Art in New York 1000 Exponate des sogenannten «Modells Bauhaus» im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Es ist die umfassendste Ausstellung über das Bauhaus, seine Protagonisten, die Werke, Stile und Methoden. Das Bauhaus ist vor allem eine Idee von Kunst und Architektur, vom Verstehen der Menschen und ihrer Bedürfnisse, vertreten durch eine Reihe von Künstlern und Architekten, deren Schüler bis heute Architektur und Design prägen.

Architektur als Gesamtkunstwerk

Die Kunstschule Bauhaus war ursprünglich eine Lehranstalt. Der Architekt Walter Gropius wurde 1919 auf Vorschlag Henry van de Veldes als dessen Nachfolger zum Direktor der Grossherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar ernannt und nannte die neue Schule «Staatliches Bauhaus in Weimar». Gropius hatte das Amt des Direktors zunächst in Weimar bis 1926 und danach in Dessau inne. Gropius gelang es, bedeutende Künstler wie Lyonel Feininger, Johannes Itten, Josef Albers, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer an das Bauhaus zu holen. Ebenso ihren Einfluss auf das Bauhaus geltend machten Persönlichkeiten wie Georg Muche, László Moholy-Nagy, Herbert Bayer, Joost Schmidt, Gunta Stölzl, Josef Albers oder Hinnerk Scheper. Ein Leitbild des Bauhauses war es, die Architektur als Gesamtkunstwerk mit den anderen Künsten zu verbinden. Deshalb verkündete das Bauhaus im Gründungsmanifest von 1919 auch: «Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau.»
Die Lehre am Bauhaus bestand aus dem Vorkurs und der Arbeit in den Werkstätten. Die Werkstätten wurden von den Künstlern, die sich «Meister der Form» nannten, und von Handwerksmeistern geleitet. Jeder der Künstler unterrichtete in bestimmten Klassen wie Druckerei, Tischlerei, Wandmalerei oder Architektur, die jeweils von den Direktoren Walter Gropius in Weimar, Hannes Meyer in Dessau und in Berlin von Ludwig Mies van der Rohe geführt wurden.
Funktionale Ästhetik, Erprobung neuer Materialien in Architektur und Design verbunden mit dem Impuls zur Auseinandersetzung mit den sozialen Fragestellungen der Zeit prägten das Bauhaus. Es entstand ein Laboratorium zur Entwicklung mustergültger Typen für Industrie und Industriedesign, für Menschen und deren Wohnformen, für Gebrauchsgegenstände des Alltags.

Unesco-Weltkulturerbe

Politische Umstände, in deren Folge die Unterstützung des Bauhauses um 50 Prozent gekürzt wurde, erzwangen den Umzug nach Dessau im Jahr 1925. Am 4. Dezember 1926 wurde das neue, von Walter Gropius entworfene Bauhausgebäude eingeweiht sowie die von Gropius entworfenen «Meisterhäuser», die als Wohnhäuser fungierten und eine Einheit von Wohnen und Arbeiten bildeten. 1928 trat Gropius als Direktor zurück. Auf seinen Vorschlag wurde der Schweizer Architekt – auch «Urbanist» genannt – Hannes Meyer neuer Direktor, der massgeblich die Richtung des Bauhauses unter dem Motto «Volksbedarf statt Luxusbedarf» veränderte. Er intensivierte auch die Zusammenarbeit mit der Industrie. Meyer blieb bis zu seiner fristlosen Entlassung durch den Oberbürgermeister von Dessau am 
1. August 1930 Direktor. Hannes Meyer war an genossenschaftlichen Zielen orientiert und dem linken Spektrum der Sozialdemokratie verbunden. Das Bauhaus galt in nationalsozialistischen Kreisen mittlerweile als «rote Kaderschmiede».
1945 wurde das Gebäude des Bauhauses in Dessau teilweise zerstört und erst 1976 rekonstruiert. Im Jahr 1996 wurde sie in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Es ist heute Sitz der 1994 gegründeten Stiftung Bauhaus Dessau. 1931 gewann die NSDAP die Gemeinderatswahlen in Dessau und das Bauhaus musste zum zweiten Mal, nach Berlin-Steglitz, umziehen. Aber schon kurze Zeit später, 1933, wurde die Institu-
tion von den Nationalsozialisten endgültig zur Selbstauflösung gezwungen. Der damalige Direktor war Ludwig Mies van der Rohe, der als der grösste und bedeutendste Architekt der Moderne bezeichnet wird, der aber in den dreissiger Jahren eine grosse Nähe zu den Nationalsozialisten pflegte. Das heutige Bauhaus-Archiv in Berlin, gegründet 1960, erforscht und präsentiert nicht nur das Erbe des Bauhauses in all seinen Phasen, sondern widmet sich der gesamten Moderne. Der Begriff Bauhaus wird gerne als Synonym für die Moderne benutzt. Viele der Bauhaus-Künstler trugen ihre Inspirationen und Werke in alle Welt weiter. Sie inspirierten und beeinflussten Architekten und Künstler der damaligen und auch der heutigen Zeit. Etwa 4000 Gebäude in Tel Aviv sind im europäischen Stil vor allem der zwanziger Jahre erbaut, die zwischen 1931 bis 1956 von europäischen Immigranten überwiegend aus Berlin und Wien errichtet wurden. Seit Juni 2004 gehört auch die sogenannte «weisse Stadt» Tel Avivs zum Weltkulturerbe der Unesco.

Gedenken an Franz Ehrlich

Die 18 Galerieräume im Martin-Gropius-Bau wurden vom Büro chezweitz & roseapple in Anlehnung an Johannes Ittens Farbkreis beginnend mit der Farbe Gelb für die Weimarer Jahre des Bauhauses über Orange-Rot zu Lila für die Dessauer Zeit bis hin zu Blau und Grün für die Berliner Jahre angeordnet. Im Rahmen des umfangreichen Begleitprogramms zur Ausstellung finden unter anderem Internationale Kongresse, Vorträge, Diskussionsabende, Workshops und Filmnächte statt. Neue Bücher zum Bauhaus und seiner Geschichte werden vorgestellt. Die Klassik-Stiftung Weimar ehrt in einer Ausstellung «Franz Ehrlich – Ein Bauhäusler in Widerstand und Konzentrationslager» im Neuen Museum Weimar noch bis zum 11. Oktober. Franz Ehrlich war einer der wenigen Bauhaus-Künstler, die in der Nazizeit in den Widerstand gegangen sind. Er sass von 1934 bis 1939 in verschiedenen Zuchthäusern sowie im KZ Buchenwald, wo er auf Befehl am Tor die Inschrift «Jedem das Seine» gestalten musste. Nach dem Krieg entwickelte er sich zum renommiertesten Architekten der ehemaligen DDR.       


www.modell-bauhaus.de