Eine Hollywood-Diva und das Handy

Von Katja Behling, November 20, 2008
Auf dem Höhepunkt ihrer Hollywood-Karriere erfand die österreichische Schauspielerin Hedy Lamarr die Frequenzsprungtechnik, eine Basis heutiger Mobilkommunikation. Lamarr zu Ehren wird alljährlich im November der «Tag der Erfinder» gefeiert.
HEDY LAMARR Nicht nur Schauspielerin, sondern auch Erfinderin

Was verbindet die einst «schönste Frau des Jahrhunderts» und das Mobiltelefon? Der Name Hedy Lamarr: eywine clevere Frau, die vielleicht als Spionin gegen die Nationalsozialisten gearbeitet hat. Eine Schauspielerin, die es in der Traumfabrik der dreissiger und vierziger Jahre an die Spitze schaffte und dann fallengelassen wurde, die ein Millionenvermögen an Gagen erhielt und bei Ladendiebstählen erwischt wurde, die bewundert und verehrt wurde und am Schluss ihres Lebens als grell geschminkte Greisin und Karikatur ihrer selbst vereinsamt in einem kleinen Ort in Florida starb. Und überdies eine Tüftlerin, deren Erfindungsgeist Techniker unserer Tage erst wirklich zu schätzen wissen.

Von Wien nach Hollywood

Die tragische Diva wurde 1913 als Hedwig Eva Maria Kiesler in Wien geboren. Ihr Vater war ein jüdischer Bankdirektor, ihre Mutter Konzertpianistin. Lamarr spielte ihre erste bedeutende Rolle in dem Streifen «Man braucht kein Geld» mit Heinz Rühmann und Hans Moser. 1933 erregte sie mit einer Liebes- und einer zehn Minuten dauernden Nacktszene – Lamarr badete in einem See und spazierte anschliessend unbekleidet durch einen Wald – in dem österreichisch-tschechischen Film «Ekstase» riesiges Aufsehen. Der spektakuläre Auftritt als erste Nackte der Filmgeschichte sorgte für einen handfesten Skandal und machte die junge Wienerin über Nacht berühmt. Der Film wurde weltweit nur in einer stark geschnittenen Fassung gezeigt und sogar von Papst Pius XI. angegriffen.
Lamarr heiratete 1933 den wohlhabenden Waffenfabrikanten Fritz Mandl, der mit den Nazis Geschäfte machte. Ein glamouröses Leben begann. In ihrem Haus verkehrte Wiener Prominenz wie das Ehepaar Franz und Alma Werfel oder Ödön von Horváth. Doch Mandl galt als herrschsüchtig und eifersüchtig und verbot seiner jungen Frau das Filmen. Vier Jahre später brach Hedy Lamarr aus dem goldenen Ehekäfig aus. In Wien hatte sie noch Sprechunterricht von einer Schwiegertochter Sigmund Freuds erhalten, um an ihren Schauspielkünsten zu arbeiten, bevor sie über London 1937 nach Amerika floh. Dort erreichte ihr Erfolg als Femme fatale neue Höhen. Unter dem glamourösen Pseudonym Hedy Lamarr startete sie eine kometenhafte Laufbahn und spielte in mehr als 25 Hollywood-Filmen, darunter in «Algiers». Kommerziell sehr erfolgreich war «Samson und Delilah», ihre Rolle darin prägte ihr Image nachhaltig. Mochten ihre darstellerischen Künste vielleicht nicht ganz mit ihrem Äusseren mithalten, so lag Hollywood der hinreissenden Lamarr dennoch zu Füssen. Den europäisch-dunklen, verführerisch-lasziven Typ verkörpernd, war die Lamarr etwa für den legendären MGM-Boss Louis B. Mayer «die schönste Frau des Jahrhunderts». Er wollte sie zum grössten Star des Studios aufbauen. Walt Disney zeichnete seine Aschenputtel-Figur nach ihrem Vorbild und auch die Comic-Heldin Catwoman soll von ihr inspiriert worden sein. Dennoch hatte Hedy Lamarr bei der strategischen Planung ihrer Karriere nicht immer ein gutes Händchen. Sie bekam überwiegend Rollen, in denen sie vor allem sensationell auszusehen hatte, galt in den Studios als schwierig und wenig ambitioniert. Später behauptete sie oft, viele Rollen abgelehnt zu haben, so etwa Ingrid Bergmans legendären Part in «Casablanca». Ihren letzten Film drehte sie 1958.

Leinwandstar als Erfinderin

Neben ihrer Filmkarriere entwickelte die Schauspielerin Ideen zu technischen Innovationen. Die Chance beziehungsweise Voraussetzung dazu ergab sich möglicherweise durch mehr oder weniger zufällig aufgeschnappte Informationen aus mitgehörten Gesprächen, die ihr erster Ehemann, der Wiener Waffenhändler, mit Geschäftspartnern geführt hatte. Jedenfalls erfand die Aktrice auf dem Höhepunkt ihrer Karriere um 1940 eine Funkfernsteuerung für Torpedos, die durch selbsttätig wechselnde Frequenzen störsicher war. Zu dem Geniestreich war es gekommen, als Hedy Lamarr und der amerikanische Komponist und Pianist George Antheil, Sohn deutscher Einwanderer, eines seiner Werke für mechanische Klaviere (Pianolas) synchronisieren wollten. Das Problem löste Hedy mittels identischer Lochkarten in Sender und Empfänger. Dank dieses Geistesfunkens waren zeitgleiche Frequenzwechsel möglich. Darauf beruht das Frequenzsprungverfahren, Basis eines militärisch nutzbaren Torpedo-Abwehrsystems: eine unglaubliche Erfindung, die unsere digitale Epoche mit Schlüsseltechnologien wie Mobiltelefon, GPS, Bluetooth und Satellitenkommunikation in Teilen vorwegnahm. Ob Navigationssystem im Auto oder drahtloses Surfen im Internet: ohne Lamarrs Verfahren, das «frequency hopping», wäre all das nicht möglich gewesen.
Lamarr und Antheil feilten einige Monate an ihrem System, bevor sie dieses dem nationalen Erfinderrat (National Inventors Council) im Dezember 1940 präsentierten. Vorsitzender des Rates war Charles E. Kettering, Forschungsdirektor von General Motors. Kettering schlug Lamarr und Antheil vor, die Idee patentieren zu lassen. Mit Unterstützung eines Professors für Elektrotechnik vom California Institute of Technology bereiteten sie diesen Schritt vor und im August 1942 wurde die Erfindung vom Patentamt bewilligt. Doch sie fand damals nicht die Anerkennung, die ihr gebührte.
Da das US-Militär die Erfinder, zwei Hobby-Düsentriebs – ein Musiker und ein Filmstar! – nicht recht ernst nahm, konnten die beiden Tüftler aus ihrer Erfindung keinen finanziellen Nutzen ziehen. Das Patent schenkte Lamarr, die sich als Nazigegnerin im Zweiten Weltkrieg auf die Seite der Alliierten stellte, dem amerikanischen Staat. Amerika befand sich im Krieg gegen den Faschismus, ihre Idee sollte helfen, die Funksteuerung für Torpedos abhör- und störungssicher zu machen. Lamarr soll jedoch angeboten haben, weiter als Erfinderin zu arbeiten, doch sei ihr nahegelegt worden, lieber beim Verkauf von Kriegsanleihen zu helfen. Man erachtete sie als dafür besser geeignet, war sie doch eine bildschöne Schauspielerin und nicht etwa Ingenieurin. Also verkaufte sie wie ihre Kolleginnen Marlene Dietrich und Bette Davis Küsse, für jeweils 50 000 Dollar, wie es heisst.

Ironie der Geschichte

Erst mit der Mobilfunk-Revolution unserer Tage wurde das inzwischen abgelaufene Patent genutzt. Im vergangenen Sommer war es 15 Jahre her, dass in Deutschland das D-Netz an den Start ging, und heute ist ein Leben ohne Mobiltelefon kaum mehr vorstellbar. Auch dank Hedy Lamarr. Eine Ironie der Geschichte wollte es, dass deren Sohn Anthony, eines ihrer drei Kinder, in Los Angeles Telefonhändler wurde, und man kann nur darüber spekulieren, was passiert wäre, wenn die findige Schauspielerin und ihr Partner ihr Patent kommerziell genutzt hätten. Vielleicht wäre die Lamarr nicht nur als eine der schönsten Frauen der Welt in die Geschichte eingegangen, sondern auch als eine der reichsten. Sie, die am Ende – ähnlich wie Marlene Dietrich – sogar mit engen Vertrauten nur noch per Telefon kommunizierte, hat den Siegeszug der auf ihrer Erfindung basierenden Mobiltelefonie gerade noch miterleben können, bevor sie im Januar 2000 im Alter von 85 Jahren in Altamonte Springs starb, von ihrem einstigen Kinopublikum bereits zu Lebzeiten vergessen.
Lamarrs Beitrag für die Leittechnologie unserer Tage wurde erstmals 1997 gewürdigt, als die Electronic Frontier Foundation der alten Dame den EFF Pioneer Award in Anerkennung ihrer und Antheils Erfindung verlieh. Und ein paar Jahre nach ihrem Tod hat eine Privatinitiative den 9. November, den Geburtstag von Hedy Lamarr, in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum «Tag der Erfinder» ausgerufen – der klugen Aktrice zu Ehren und zugleich stellvertretend für alle kleinen Erfinder; Leute, die eine Idee in die Tat umsetzten und dadurch die Welt bereicherten, ohne dafür reich oder berühmt zu werden. In der Ingenieurszunft geniesst Lamarr für ihre Leistung grossen Respekt. Viele, wenn nicht die meisten ihrer Bewunderer, haben noch nie einen Film von ihr gesehen.