Eine grosse Integrationsfigur
Wie kaum einem anderen Bürger Israels zuvor war es dem im biblischen Alter von 93 Jahren verstorbenen Ephraim Katzir gelungen, sich als von allen Kreisen der Bevölkerung verehrte Integrationsfigur zu etablieren und die hohe politische Position mit seiner wissenschaftlichen Mission zu vereinen. Seine herausragenden Eigenschaften waren ein bescheidenes Auftreten, Optimismus und ein unbändiger Glaube an den Erfolg und die Berechtigung des Staates Israel. Es war Katzirs ausdrücklicher Wunsch, in Rehovot neben seiner vor über 20 Jahren verstorbenen Gattin Nina begraben zu werden und nicht wie die anderen ehemaligen Staatspräsidenten auf dem Jerusalemer Herzlberg. Katzirs Werk ist umso beeindruckender, als sein Leben von vielen persönlichen Tragödien geprägt war, die manchen anderen schon vor Jahrzehnten gebrochen hätten. Seine Gattin hatte viele Jahre lang an einer schweren Krankheit gelitten, und sein Bruder Aharon, ebenfalls Wissenschaftler, starb 1972 – ein Jahr bevor Ephraim zum Präsidenten gewählt wurde – bei einem Terroranschlag auf dem Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv. Damit aber nicht genug: Eine Tochter Katzirs erstickte durch das Einatmen von Gas, eine andere beging Selbstmord. In einem Interview zu seiner Familiengeschichte befragt, meinte Katzir 2003: «Ich lebte in einer schwarzen Welt im Gefühl, bei allen Schwierigkeiten weiterleben zu müssen.» An einer anderen Stelle des Interviews relativiere er allerdings seinen Überlebenswillen mit der Bemerkung, er würde eigentlich schon gerne unter den für ihn bereitgestellten Stein kriechen, «neben Nina und nicht weit weg von meinem Bruder Aharon».
Der 1916 in Kiew in der Ukraine geborene Katzir kam schon im Alter von sechs Jahren ins damalige Palästina, wo er an der Hebräischen Universität Botanik, Zoologie und Bakteriologie studierte, bevor er sich auf Biochemie und organische Chemie konzentrierte. 1941 schrieb der Verstorbene seine Dissertation und setzte seine akademische Ausbildung am Polytechnischen Institut von Brooklyn sowie an der Columbia-Universität und in Harvard fort. Noch als Student und vor der Staatsgründung nahm Katzir am ersten Offizierskurs der damals noch im Untergrund operierenden Hagana, der Vorläuferin der israelischen Armee, teil. Später leitete er eine Zeit lang als Oberstleutnant «Hemed», das IDF-Wissenschaftskorps.
Ephraim Katzir, Empfänger des Israel-Preises und zahlreicherer weiterer Auszeichnungen, verfasste Hunderte von wissenschaftlichen Artikeln und sass in den Redaktionen zahlreicher Fachzeitschriften. Zudem war er unter anderem Mitglied der Royal Institution of Great Britain, der Royal Society of London, der National Academy of Sciences of the USA und der World Academy of Art and Science. Er war auch Gastprofessor an Universitäten wie Harvard, Rockefeller, der University of California und am Battelle Seattle Research Center und wurde mit Ehrendoktortiteln von über einem Dutzend Institutionen geehrt.