Eine globale Marke

Katja Behling, June 5, 2008
Die jüdische Industriellenfamilie Guggenheim entwickelte ein grosszügiges Mäzenatentum für zeitgenössische Künstler und avantgardistische Kunst. Der Name wurde zur globalen Marke. Nun kratzt ein Skandal am Image des expandierenden Museumskonzerns.

Von Katja Behling

In einem Alter, in dem die meisten Menschen sich zur Ruhe setzen, begann der amerikanische Industrielle Solomon R. Guggenheim eine neue Karriere. Mit 66 Jahren begann der Millionär mit dem Aufbau einer grossen Sammlung von wichtigen Werken der Moderne, gemalt von Künstlern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Marc Chagall. Der 1861 geborene Guggenheim agierte als generöser Mäzen und aufgeschlossener Förderer, der mit seinen Ankäufen zahlreiche Maler und Bildhauer unterstützte. Die junge deutsche Malerin Hilla von Rebay, wie sich die Baroness Hildegard Rebay von Ehrenwiesen nannte, beriet ihn dabei. Sie sorgte dafür, dass Stücke aus der Sammlung Solomon R. Guggenheim auch durch Amerika tourten. Und brachte den Sammler dazu, ein Museum zu gründen. 1937 wurde die Guggenheim-Stiftung ins Leben gerufen, die es sich zur Aufgabe machte, einen Tempel der visuellen Kunst aufzubauen. Waren die Kunstobjekte der Stiftung zunächst in gemieteten Räumen untergebracht, denen Hilla von Rebay grau bespannte Wände, graue Teppiche sowie klassische Musik verordnet hatte, entstanden schon 1943 erste Pläne für ein eigenes Guggenheim-Museum, für dessen Entwurf der Architekt Frank Lloyd Wright verpflichtet wurde. Doch es sollte mehr als 15 Jahre dauern, bis das Vorhaben Wirklichkeit wurde.

Peggy Guggenheim

1938 rief auch Solomons 40-jährige Nichte Peggy Guggenheim auf Anregung einer Freundin in London eine kleine Kunstgalerie ins Leben, die die Kunstszene extrem beeinflusste. Ihr Freund Samuel Beckett drängte sie, sich strikt auf zeitgenössische, «lebendige» Kunst zu verlegen. Marcel Duchamps verschaffte ihr Kontakte und schulte ihren Blick. In ihrer ersten Schau zeigte Peggy Arbeiten von Jean Cocteau, die zweite war die erste Einzelausstellung von Werken Wassily Kandinskys in England. 1939 fasste sie den Entschluss, ein eigenes Museum für moderne Kunst zu gründen. Sie kaufte, beraten von Freunden, noch vor Ausbruch des Krieges Stücke für ihre Sammlung – etwa ein Bild pro Tag, darunter Arbeiten von Piet Mondrian und Salvador Dalí. Bald hatte Peggy selbst genügend Überblick, Kontakte und Sachverstand, um den Ausbau ihrer Sammlung von abstrakter und surrealistischer Kunst selbst in die Hand zu nehmen.

Dass Peggy Guggenheim ihrerseits eine bemerkenswerte Kunstsammlung zusammentrug, ging anfangs weniger auf Kunstsinn zurück als auf die Suche nach einer Aufgabe. Peggy, eigentlich Marguerite Guggenheim, wurde 1898 als Tochter von Benjamin Guggenheim, der 1912 einen heroischen Tod beim Untergang der Titanic starb, und seiner Frau Florette Seligman in New York geboren. Die Seligmans hatten Deutschland im 19. Jahrhundert verlassen und waren im Zuge des Bürgerkrieges wohlhabend geworden, als sie in Zeiten hoher Nachfrage begannen, Kleidung herzustellen und Webereien aufzukaufen. Die aus der Schweiz stammenden Guggenheims, Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika gekommen, hatten ein Vermögen mit Minen und Metallschmelzhütten gemacht und vom Siegeszug der Eisenbahn profitiert. Die in Wohlstand aufgewachsene Peggy betätigte sich ihren Neigungen entsprechend in einem New Yorker Buchladen, wodurch sie mit Intellektuellen und Künstlern in Berührung kam. Darunter der Dada-Künstler und Autor Laurence Vail, der 1922 ihr erster Ehemann wurde. Auf dessen Anregung bereiste sie Europa, bekam Anschluss an die Pariser Boheme und befreundete sich mit Künstlern wie Marcel Duchamps und Djuna Barnes. Je mehr sie sich auf die aufregende Kunstszene einliess, desto stärker spürte Peggy, dass die Kunst ihr das verschaffte, wonach sie sich sehnte. Im Engagement für die Kunst ihrer Zeit fand sie ihre Berufung und eine Möglichkeit, sich von den Beschränkungen zu befreien, die die Zugehörigkeit zur wohlhabenden, deutschsprachigen, jüdischen Elite New Yorks mit sich brachte. Sie tauschte dies gegen die Rolle als Kunstmäzenin und ein Leben unter Künstlern. Mit ihrem extravaganten Lebensstil und ihrem exzentrischen Auftreten galt sie in den zwanziger und dreissiger Jahren als eine der schillernden Figuren auf dem internationalen Parkett.

Flucht aus Europa

Anfang der vierziger Jahre suchte Peggy angesichts der Gefahr einer deutschen Invasion nach Wegen, ihre Sammlung surrealistischer und abstrakter Kunst in Sicherheit zu bringen. Zu ihren Schätzen zählten nun Bilder von Kandinsky, Klee, Picasso, Delaunay und Mondrian sowie von Miró, Dalí, Tanguy, Magritte und Max Ernst. Nachdem sich der Louvre nicht bereit erklärt hatte, Peggys Sammlung in Verwahrung zu nehmen, und ähnliche Vorstösse in der Schweiz ohne Erfolg blieben, soll ein befreundeter Transportunternehmer Peggy geraten haben, die Kunstwerke zusammen mit Geschirr, Möbeln und dergleichen zusammenzupacken und nach Amerika zu verschiffen – als «Hausrat» deklariert. Ende Juni 1941, nach ihrer Flucht aus dem nunmehr besetzten Frankreich, wartete Peggy Guggenheim mit ihrer Entourage in Portugal auf den Abflug nach Amerika. Damals war Lissabon im neutralen Portugal für europäische Flüchtlinge das Tor zu den USA. Andere versuchten, über den Hafen von Marseille auszureisen, wo der Amerikaner Varian Fry das Flüchtlingshilfskomitee organisierte und sich bemühte, jene etwa 200 Menschen in Sicherheit zu bringen, deren Namen eine ihm von amerikanischer Seite ausgehändigte Liste verzeichnete. Fry ging ein hohes Risiko ein, als er, im Visier von Gestapo und der Polizei des Vichy-Regimes, unter anderem die Schriftstellerin Hannah Arendt, den Maler Marc Chagall und die Musikerin Wanda Landowska, die Werfels und die Feuchtwangers in die USA zu schleusen versuchte. Peggy Guggenheim, als Jüdin selbst in Gefahr, hatte Fry und seinem Komitee 1940 rund 500 000 Francs gespendet. Überdies finanzierte sie den Amerikaflug für den surrealistischen Künstler André Breton und dessen Familie, wie die Autorin Mary V. Dearborn in ihrer Guggenheim-Biografie schreibt. Peggy Guggenheim machte sich also in vielfacher Hinsicht um die moderne Kunst verdient. Diese Verdienste, ihr direktes und indirektes Engagement für die Kunst, sollten das Leben der Mäzenin zu einer besonderen Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts werden lassen.

1942 eröffnete Peggy Guggenheim ihre Museumsgalerie in New York. Betrieben während der Kriegsjahre, wurde «Art of this Century» führend für zeitgenössische Kunst. Sie startete mit einer ungewöhnlichen Schau von Werken aus ihrer eigenen Sammlung, und ihre Galerie wurde die Startrampe für manche bedeutende Karriere. André Breton, von Peggy auch während seines USA-Aufenthaltes unterstützt, versammelte seine Anhänger in der Museumsgalerie seiner Gönnerin. In Zusammenarbeit mit ihm brachte die Kunstliebhaberin einen heute klassischen Katalog heraus. Max Ernst, damals ihr Ehemann, gestaltete das Cover. Peggy gab Künstlern wie Robert Motherwell, David Hare, Janet Sobel, Robert de Niro senior, Clyfford Still sowie Mark Rothko und Jackson Pollock ein Forum. Letzteren unterstützte sie mit einem Stipendium. Die Galerie wurde in jenen Jahren zu einem Ort, an dem die europäischen Emigranten ihren amerikanischen Künstlerkollegen und späteren Stars der Szene wie Mark Rothko und Jackson Pollock begegneten. Auch Chagall, Yves Tanguy und viele andere, die Zuflucht in New York suchten, kamen über Peggy in Kontakt mit der dortigen Szene. Künstlerisches Produkt jener kreativen Atmosphäre war etwa der «abstrakte Expressionismus». Nachdem sie während des Krieges so erfolgreich in New York tätig gewesen war, kaufte die Galeristin 1949 – im selben Jahr starb ihr Onkel Solomon – den Palazzo Venier dei Leonie am Canale Grande in Venedig. Dort hatte sie zuvor im Rahmen der Biennale ihre Sammlung gezeigt. Heute ist der Stadtpalast, in dem Peggy die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte, Teil der Guggenheim-Museumsgruppe. Gegründet 1980, ein Jahr nach dem Tod der berühmten Residentin, gilt das venezianische Haus mit der Privatsammlung als das wichtigste Museum für europäische und amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts in Italien.

Das globale Guggenheim-Imperium

Die Peggy Guggenheim Collection ist in Besitz und wird verwaltet von der Solomon R. Guggenheim Foundation, die auch das New Yorker Guggenheim Museum betreibt. Das New Yorker Stammhaus trägt seit 1952 den Namen der Gründerin und residiert seit 1959 in einem von Frank Lloyd Wright entworfenen Bau. Seitdem ist es auf Erfolgskurs. In den vergangenen 20 Jahren verblüffte Museumsdirektor Thomas Krens, seit 1988 Direktor der Stiftung und bis vor Kurzem der visionäre Herrscher im und über das Guggenheim, mit immer neuen Superlativen. In seiner Amtszeit wurde die Guggenheim Foundation eine der wichtigsten, einflussreichsten und angesehensten kulturellen Institutionen der Welt. Krens formte Guggenheim zur international operierenden Marke und lockte Millionen von Besuchern an. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Guggenheim-Dependancen. Darunter die 1997 gegründete Deutsche Guggenheim Berlin und seit 2001 die Guggenheim-Hermitage in Las Vegas, deren Tore jedoch kürzlich geschlossen wurden. Weitere Standorte waren im Gespräch. Doch viele Guggenheim-Projekte, die rund um den Globus initiiert wurden, harren ihrer Umsetzung oder erwiesen sich als Utopien. Die gescheiterten Vorhaben galten als der erste Knick der langjährigen Erfolgskurve. Im April machte der Name Guggenheim dann wieder aufsehenerregende Schlagzeilen – mit einem Skandal.

Ein Publikumsmagnet

Der betrifft ausgerechnet den bisher glanzvollsten Guggenheim-Ableger im spanischen Bilbao. Dort residiert die Kunst seit 1997 in einem spektakulären Haus in Form eines metallisch schimmernden Wellengebirges. Das architektonische Meisterstück von Frank O. Gehry bildet nicht nur einen imposanten baulichen Rahmen für die Exponate, sondern wurde seinerseits zu einem Publikumsmagneten. Der riesige Erfolg dieses Guggenheim-Satelliten hat ein Beben in der Kunstwelt ausgelöst und die Wahrnehmung von Kultur und ihrer Gestaltungskraft verändert. Denn in weniger als einer Dekade gelang es diesem Gesamtkunstwerk, eine triste, untergehende Industrieregion im Baskenland in ein Eldorado für Bewohner und Touristen zu verwandeln. Doch in genau diesen zehn Jahren seit der Eröffnung soll dort, wie jetzt bekannt wurde, der Finanzchef des Museums gut eine halbe Million Euro unterschlagen haben. Angesichts der Summen, mit denen die Beteiligten üblicherweise hantieren – allein bis zur Eröffnung sollen vom Baskenland rund 166 Millionen Euro aufgebracht worden sein, davon 13,3 Millionen als Lizenzgebühr für die Nutzung des Namens an die Guggenheim-Stiftung – mag das wenig sein.

Gleichwohl wirft der Vorwurf der Bereicherung dunkle Schatten auch auf das bisher so erfolgreiche Konzept und das fast makellose Image des Hauses Guggenheim und giesst Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Die melden sich im Zuge der Affäre verstärkt zu Wort und werfen dem Konzern, nicht zum ersten Mal, eine Verschleuderung der Kunst vor: Guggenheim habe die Kunst zu einer Konsumware degradiert, zu einer Variablen des Tourismusmanagements. Darüber sei die Museumsarbeit ins Hintertreffen geraten. Als Veranstalter einer Motorrad-Ausstellung und einer Armani-Retrospektive habe Guggenheim sich zudem allzu sehr den Interessen der Sponsoren gefügig gezeigt. Und somit nicht die Kunst dem Publikum nahegebracht, sondern das Publikum den Finanziers ausgeliefert. Die Kritik zielt auch auf das neueste Guggenheim-Vorhaben. Denn das Unternehmen hat noch Grösseres vor und will in die Vereinigten Arabischen Emirate expandieren: Der 61-jährige Krens will in Abu Dhabi den sechsten Ableger des Museumskonzerns aufbauen, sein wohl ehrgeizigstes Projekt. Abermals zeichnet Star-Architekt Frank O. Gehry für den Entwurf verantwortlich, aber mit 42?000 Quadratmetern ist der Neubau noch grösser angelegt als das Museum in Bilbao. Auch geht es in der arabischen Wüste um ein neues Konzept. Das Guggenheim Abu Dhabi ist Teil eines komplett neuen Ensembles auf einer der Stadt vorgelagerten Insel. Die Kulturinsel Saadiyat gilt in erster Linie als Vision des Kronprinzen von Abu Dhabi. Die Regierung stellt den Bau, der Prinz dem Vernehmen nach 500 Millionen für Ankäufe. Entstehen soll ein Gebäude für globale Gegenwartskunst in einem Komplex mit Museen, Hotels, Wohnungen und Golfplätzen, weshalb Kritiker im Zusammenhang mit dem Vorhaben weniger von einer künftigen Oase der Kunst als einem Freizeitpark für Erwachsene und einem Statussymbol für den Standort sprechen.

Und doch wird das Vorhaben in vielerlei Hinsicht mit Spannung erwartet: Ein Museum für die oft drastische, anzügliche Kunst der Moderne in einem kulturell streng islamisch geprägten Land? Was für viele schwer vorstellbar ist, könnte im heiklen Bereich zwischen Bekenntnis zur Kunstfreiheit und gebotenem Respekt vor der lokalen Kultur ein Brückenschlag der besonderen Art werden. Auch und gerade aus jüdischer Perspektive. Nach wie vor verfügt das Guggenheim-Museum über viele jüdische Förderer, die Gründerfamilie Guggenheim war jüdisch – und Frank O. Gehry, der Architekt, ist es auch.

Guggenheims Fussstapfen

Das Guggenheim steht nach dem Wechsel an der Spitze derzeit an der Schwelle zu einer neuen Etappe. Worin, wenn nicht in der Kunst allein, liegt die – trotz herber Kritik, trotz des jüngsten Skandals – anhaltende Anziehungskraft des Phänomens Guggenheim begründet? Darin, dass alles ein wenig glamouröser, sensationeller und kosmopolitischer wirkt – die imposante Architektur, die Ausstellungen und Events, die Kombination aus unverwechselbarem Auftritt und programmatischem Anspruch? Oder verfängt noch immer der Nimbus der vor fast 30 Jahren verstorbenen Peggy Guggenheim?

Möglicherweise hat die legendäre Kunstfreundin nun eine Nachfolgerin. In einer Zeit, in der Museen der Spagat zwischen Sammlungspflege, Geldeinwerben und Präsentation abverlangt wird, schickt sich die russisch-amerikanische Unternehmerin Janna Bullock an, in Guggenheims Fussstapfen zu treten: Die Immobilienhändlerin hat sich bereits als spendable Mäzenin erwiesen, indem sie mit Millionenbeträgen Ausstellungen und Kulturprojekte sponsert und glamouröse Partys für die Kunstszene gibt. Seit 2007 gehört Bullock sogar dem Board of Trustees des New Yorker Guggenheim Museum an. Dieses Aufsichtsgremium versammelt die einflussreichsten Gönner der Stadt, in der Wohltätigkeit beinahe eine Pflicht ist. In den offiziellen Kreis der Guggenheim-Förderer aufgenommen zu werden, kommt in der amerikanischen Metropole einem Ritterschlag gleich. Das Wohlwollen von Solomon und Peggy Guggenheim wäre Bullock gewiss.