Eine «gesellschaftliche Zeitbombe»
In den vergangenen Wochen hat der Staat Israel zwei komplexe Hilfsaktionen durchgeführt. Während das Rettungsunternehmen auf Haiti von einer grossen PR-Kampagne begleitet war, fand die Ankunft von 144 Neueinwanderern aus Äthiopien (Falaschmura) kaum Erwähnung. Die Operation auf Haiti ist von beschränkter Dauer.
Dagegen sind die beiden Flugzeuge, welche die Immigranten von Addis Abeba nach Tel Aviv brachten, nur der erste Schritt einer umfassenden Aktion. Innenminister Eli Yishai erklärte nämlich, er beabsichtige, die Einreise von weiteren 8000 Immigranten aus Äthiopien zu bewilligen.
Auf diese Art verpflichtet sich die israelische Regierung zur Aufnahme von mindestens 10 000 bedürftigen Äthiopiern, mit allen damit verbundenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Einmal mehr gibt die Regierung damit einer bizarren Verbindung nach, die aus messianischen Rabbinern, Siedlern, respektierten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens voller guter Absichten (wie etwa Meir Shamgar, ehemaliger Präsidenten des Obersten Gerichtshofs), amerikanisch-jüdischen Organisationen und vor allem der Shas-Partei besteht. Die Initianten des Unternehmens ignorieren die Positionen früherer Minister für Inneres und Immigration, Experten der Jewish Agency sowie eine Reihe von Entscheidungen der Regierung Sharon, die beabsichtigten, die Aufnahme von Falaschmura in Israel zu stoppen.
Hier geht es nicht um die Anwendung des Rückkehrergesetzes. Sogar das Urteil von Oberrabbiner Shlomo Amar, wonach die Falaschmura vom «Samen Israels» seien, befreite diese Menschen nicht davon, sich einer vollen Konversion ins Judentum zu unterziehen. Einige der Falaschmura sind die Nachkommen von Juden, die zu
Beginn des 20. Jahrhunderts und teils noch früher ins Christentum aufgenommen wurden. Sie fallen unter keine der Kategorien des Rückkehrergesetzes. Bei ihrer Ankunft in Israel erhalten sie Ausweise als temporäre Aufenthalter; die volle Staatsbürgerschaft wartet nach ihrem Übertritt auf sie.
Das Thema Falaschmura gelangte schon 1991 zur Debatte, als die «Operation Salomon» in Vorbereitung war, in deren Rahmen 14 000 Äthiopier nach Israel geflogen wurden – die letzten dort noch verbliebenen Juden. Man beschloss, die Falaschmura nicht mitzunehmen, doch einige tausend brachten es fertig, die Reise zu machen, und sie wurden uneingeschränkt als Neueinwanderer aufgenommen. Seither ist jede israelische Regierung unter gewaltigen Druck geraten, «Familienzusammenführungen» zu gestatten.
Eine Interessenkoalition stellt diese Menschen in den Medien mit grossem Erfolg als vollwertige Juden dar, die der Staat wegen ihrer Hautfarbe benachteilige. Zu dieser Koalition zählen Führungskräfte von Shas, die sich an die Entscheidung der Rabbiner Ovadia Yosef und Shlomo Amar halten, wonach die Gemeinschaften der Beta Israel (oder Falascha) und der Falaschmura als Juden anerkannt wurden. Ebenfalls zur Koalition gehören rechtsgerichtete Rabbiner, die von einer Massenimmigration träumen, welche es ermöglichen würde, die Palästinenser an der demografischen Front zu schlagen. Schliesslich finden sich in diesem Bündnis auch liberale US-Juden, die einen sogenannten «tikkun olam» anstreben, eine Verbesserung der Welt. Die Amerikaner unterstützen die Aktivitäten dieser Lobby und den Betrieb auf einem Gelände in Gondar, wo Tausende von Falaschmura sich versammelt haben. Die sich auf Hunderte Millionen von Schekel belaufende Rechnung, die für ihren Transport nach Israel und ihre Integration im Land im Laufe der Jahre zu bezahlen ist, wird dem Staat zur Begleichung überlassen.
Die Medien und der Grossteil der Öffentlichkeit werden vom falschen Bild in die Irre geführt, welches die Falaschmura-Lobby zeichnet. Den Stimmen von Experten in der Jewish Agency und der Regierung wird kein Gehör geschenkt: Nach ihnen sollen die Angehörigen der Falaschmura keinerlei Beziehung zur jüdischen Nation haben. Ihr einziger Wunsch sei es, der Armut in Äthiopien zu entfliehen, und jeder, der in Israel aufgenommen wird, hat Dutzende von Verwandten, die wiederum so zu Kandidaten für Familienzusammenführungen werden.
Es ist sehr einfach, diese Experten als Rassisten hinzustellen, vor allem weil weiterhin «weisse» nicht jüdische Neueinwanderer aus der Ex-Sowjetunion ins Land kommen. Solange aber das Rückkehrergesetz in Kraft bleibt, haben diese Menschen das Recht, nach Israel zu immigrieren, während die Falaschmura aufgrund von politischen Machenschaften einwandern. Das Mindeste wäre, eine öffentliche Debatte zum Thema abzuhalten – dies wurde bisher unterlassen. Es muss aber geschehen, bevor sich Israel eine weitere «gesellschaftliche Zeitbombe» ins Land holt.
Anshel Pfeffer ist Redaktor bei «Haaretz».