Eine Geschichte der friedlichen Koexistenz
In jüngerer Zeit wurden die «schwarzen» Cochin-Juden, die von der Malabar-Küste Keralas stammen und dort während Hunderten oder Tausenden von Jahren niedergelassen sind, als Malabari-Juden bezeichnet. Sprachliche Spuren bestätigen die Existenz altertümlicher jüdischer Gemeinden und die Möglichkeit, dass es zwischen Indien und dem heiligen Land Handelsbeziehungen gab. Die auf den Schiffen König Salomons eingeführten Güter wie etwa «kofim» (Affen), «tukim» (Pfauen) oder «almag» (Sandelholz), welche im biblischen Buch der Könige erwähnt werden, stammten aus Indien. Es könnte sein, dass die ersten Siedler an der Malabar-Küste die Handelsleute König Salomos waren, welche somit die Vorfahren der heutigen Cochin-Juden gewesen wären. Erzählungen von Reisenden im Talmud erwähnen den Handel mit Indien einschliesslich seiner spezifischen Güter, beispielsweise indischen Ingwer und Eisen. Im Buch Esther erstreckte sich König Achasschweroschs Reich von Hoddu (allgemein anerkannt als Indien) bis Kusch (allgemein anerkannt als Äthiopien). Alte jüdische Texte aus dem 11. bis 13. Jahrhundert, die in der Genisa in Kairo gefunden wurden, schliessen Dokumente ein, welche den Handel mit Gewürzen, Heilmitteln, Textilien, Metallen wie Gold und Silber sowie Seide zwischen arabischsprachigen Juden und Hindu-Partnern beschreiben.
Ankunft im ersten Jahrhundert
Ein schriftlicher Beleg für die jüdische Siedlung in Kerala ist die berühmte Kupferplatte in Cochin. Sie stammt aus der Zeit der Regentschaft Bhaskara Ravi Varmans (962–1020) und ist in einer alten, auf das Jahr 1000 n. d. Z. festgelegten tamilischen Schrift gehalten. Die Platte stammt aus demselben Jahr und hält die den Juden gewährten 72 Privilegien fest. Diese bestanden unter anderem im Gebrauch einer Tageslampe und einer Sänfte, im Blasen einer Trompete und in der Befreiung von respektive dem Kassieren von bestimmten Steuern. Die am meisten verbreitete lokale Legende des südindischen christlichen Repertoires datiert die Ankunft der Juden in Cochin auf das erste Jahrhundert. Der Apostel Thomas und Abbanes, ein indischer Handelsmann, erreichten die damalige Hauptstadt Cranganore (heute Kodungallur) am Tag der Hochzeit der Königstochter. Thomas rezitierte hebräische Poesie, die aber lediglich von einer jüdischen Flötenspielerin verstanden wurde, die sich sogleich in ihn verliebte. Später konvertierte sie zum Christentum.
Nach Vasco da Gamas Expedition nach Indien liessen sich einige europäische Juden (genannt Paradesi, manchmal auch «Fremde» oder «Weisse») aus Spanien, Holland, Aleppo und Deutschland in Kochi nieder und schlossen sich ihren malabarischen Brüdern an. Die Paradesi-Synagoge wurde 1568 gegründet. Ein Mitglied dieser Gemeinde, das unter der holländischen Herrschaft Prominenz erreichte, war Ezekiel Rahabi (1694–1771). Er wurde für die Holländer zum wichtigsten Kaufmann in Cochin und unterzeichnete Verträge in Hebräisch.
Auszug nach Israel
Im 19. Jahrhundert waren die Cochin-Juden auf fünf Siedlungen und acht Gemeinden in Kerala verstreut – Kochi, Ernakulam, Chendamangalam, Mala und Parur. Die Paradesi-Juden lebten in Kochi im Umkreis der Paradesi-Synagoge, während die Malabari-Juden in anderen Städten und Dörfern zu finden waren. Nach der Gründung des Staates Israel und vom Zionismus beseelt, beschlossen die meisten Cochin-Juden, auszuwandern und gingen nach Israel. Nur die Paradesi-Synagoge blieb noch in Betrieb. Die Malabari-Juden in Israel, auch Cochinim genannt, leben vorwiegend in Moschawim, landwirtschaftlichen Siedlungen. Ihre grösste Konzentration findet man im Moschaw Nevatim südlich von Beersheva. Einige zog es allerdings auch in Städte.
2005 vollendete die Regierung des indischen Bundesstaates Kerala die Renovation der Synagoge im Dorf Chendamangalam. Im Februar 2006 wurde sie mit Unterstützung der Koret-Stiftung mit einer Ausstellung über die Cochin-Juden wieder zugänglich gemacht und ist seither ein beliebtes Ziel für Touristen. Galia Hacco, eine Malabari-Jüdin, die in Chendamangalam aufgewachsen ist, sagte dazu: «Die Eröffnung des Synagogenmuseums in Chendamangalam im Jahr 2006 hat mir Mut imd Hoffnung gegeben, dass die Renovation anderer Synagogen in Kerala noch zu meinen Lebzeiten möglich wird. Es ist meine Leidenschaft, das Erbe meiner Gemeinde zu erhalten.»
Renovierte Synagogen als Tourismusmagnet
Dieses Jahr hat die Regierung Keralas, ausgestattet mit einer entsprechenden Beihilfe der indischen Zentralregierung, den Wiederaufbau der Synagoge von Parur in Angriff genommen, welche ebenfalls von den Cochin-Juden besucht wurde, bevor sie Alija machten. Der letzte Auswanderer verliess die Gemeinde in den 1970er-Jahren. Danach bestand die Gemeinde gerade noch aus einer Handvoll Menschen. Die Synagoge wurde seither nicht mehr benützt. Die Wiederherstellungsarbeiten schreiten in einem derartig hohen Tempo fort, dass der projektverantwortliche Architekt Benny Kuriakose davon ausgeht, dass sie bereits Ende dieses Jahres abgeschlossen sein werden. Dieses vom Bundesstaat wie von der Zentralregierung durchgeführte Projekt könnte Signalwirkung für andere Länder haben, die bislang bezüglich der Erhaltung des jüdischen Erbes nur Lippenbekenntnisse gemacht haben.
Benny Kuriakose hat alles daran gesetzt, die frühere Struktur der Synagoge zu bewahren, und er nimmt beim Versuch, verloren gegangene Eigenheiten des Gebäudes nachzubauen, viel Arbeit auf sich. So etwa bei der zerfallenen Treppe, die einst mit dem zweiten Eingangsgebäude der Synagoge verbunden war, in dem zwei quadratische Abstellräume liegen, an die sich der überdachte Durchgang zur Frauenempore anschloss. Um eine authentische Rekonstruktion bauen zu können hat er sich an Mitglieder der Gemeinde gewandt und sie um Zeichnungen der einstigen Treppe gebeten. Ein anderes Beispiel dafür ist die Eingangstüre zum Torhaus, wo das ursprüngliche Erdgeschoss Fenster mit hölzernen Gittern aufwies. Heute befinden sich an diesen Fenstern nur noch Rollläden. Auch die neu rekonstruierte Lade wird ein wahres Kunstwerk. Ihre Vorgängerin, kunstvoll vergoldet und innen in der traditionellen jüdischen Art Keralas bemalt, wurde in den 1990er-Jahren nach Israel überführt, wo sie heute im frisch renovierten Israel-Museum in Jerusalem bewundert werden kann.
Die in Parur geborene Tirza Lavi, die mittlerweile Kuratorin am Heritage Center for Cochin Jews im südlich von Beersheva gelegenen Nevatim ist, sagte: «Es hat mich sehr bewegt, zu hören, dass die Regierung Keralas die Synagoge in Parur renoviert und ihr wieder den Glanz der alten Tage verleiht. Wir hoffen, dass Parur zu einem Vorzeigeprojekt für die jüngere Generation wird, das die reiche und interessante Geschichte unserer Gemeinde nacherzählt. Ich bin sicher, dass die Cochin-Juden in Israel gerne einen Beitrag leisten und ihre Kenntnisse und Erinnerungen zur Verfügung stellen werden.»
Das Muziris Heritage Project
Der Wiederaufbau der Synagoge von Parur ist nur ein kleines Steinchen im Mosaik eines riesigen Vorhabens namens Muziris Heritage Project, in dessen Rahmen spannende archäologische Grabungen durchgeführt und weitere historische Monumente der Region wie Tempel, Kirchen und Moscheen wiederhergestellt werden. Die Idee dahinter ist, Touristenströme zu generieren, die ausgehend von der alten Hafenstadt Muziris, heute Kodungallor, Cochin, Parur und andere nahe gelegene Orte besuchen. Damit soll der bereits vorhandene Touristenboom weiterentwickelt werden. Kerala nimmt unter den weltweit beliebtesten Tourismusdestinationen heute den achten Platz ein.
Muziris war im ersten Jahrhundert v. d. Z. eine quirlige Hafenstadt, welche Handelsbeziehungen mit Rom, Griechenland, China und dem Nahen Osten pflegte. Frachtschiffe aus Westasien, dem Mittelmeerraum und Ostafrika pflegten hier vor Anker zu gehen. Vom Apostel Thomas glaubt man, dass er den Boden Keralas im Hafen von Muziris zum ersten Mal betreten hat. In Muziris sind auch Indiens erste christliche Kirche, Mar Thoma, und die erste Moschee, Cheraman Juma Masjid, entstanden. Das Entwicklungsprojekt schliesst ein neu entstehendes Seefahrtsmuseum sowie weitere Museen ein, die der Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien und dem Erbe des syrischen Christentums, des Islam und des Judentums gewidmet sind.
Die Entdeckung des antiken Hafens von Muziris, nur einen Kilometer von der Parur-Synagoge entfernt, hat ein verstärktes Interesse der Wissenschaftler Keralas geweckt, die nun Spekulationen über den Zusammenhang zwischen dem Handelshafen und der alten jüdischen Siedlungstätigkeit in der Region anstellen. Der Forscher P.J. Cherian, seit 2007 Direktor des archäologischen Forschungsinstituts von Pattanam, zeigt sich optimistisch, Beweise für jüdische respektive nahöstliche Handelsverbindungen finden zu können. «Einer der interessanten Funde der letzten Grabungssaison waren», wie er sagte, «die Töpferwaren mit türkisfarbener Glasur westasiatischen Ursprungs in den vorrömischen Schichten. Wir erwarten den diesbezüglichen Analysebericht und hoffen, dass er helfen wird, den frühen jüdischen Verbindungen mit der Malabar-Küste nachzugehen.»
Die gegenwärtige Synagoge wurde im 17. Jahrhundert errichtet, steht aber vermutlich auf einer älteren Struktur, die auf das 12. Jahrhundert zurückgeht. Jay Waronker, ein amerikanischer Architekt, erklärt dazu: «Wie es auch bei anderen Cochin-Synagogen der Fall ist, besteht diese Synagoge nicht lediglich aus einem Gebäude, sondern aus einer Ansammlung verschiedener baulicher Elemente, die gemeinsam einen deutlich erkennbaren Komplex bilden. Parur ist dadurch bemerkenswert, dass es über die grösste Anzahl noch vorhandener miteinander verbundener Räume verfügt, wenn diese auch zerfallen sind. Die Synagoge ist auch durch die Art einzigartig, in der ihre Teile formell angeordnet und axial und zeremoniell miteinander verbunden sind. Die gleiche Organisation kann auch in einigen Hindu-Tempeln Keralas und späteren Kirchen in der Region beobachtet werden.»
Indien – ein sicherer Hafen
Marian Sofaer, Projektleiterin der Ausstellung, welche 2006 in der renovierten Synagoge von Chendamangalam vorgestellt wurde, fasst zusammen: «Die Synagogen in Kerala schaffen die Gelegenheit, den Indern das jüdische Leben und die jüdische Kultur im Zusammenhang mit ihrer eigenen Geschichte und Kultur näherzubringen, aber gleichzeitig bereichern sie auch die Vielfalt der Ökotourismus-Rundreise innerhalb des Muziris Heritage Project und rufen uns in Erinnerung, dass Indien für die Juden in den 2000 Jahren jüdischen Lebens in diesem Land immer ein sicherer Hafen war.» In der Tat ist die jüdische Geschichte Indiens eine der Koexistenz mit Anhängern anderer Religionen. Trotz einer kurzen Periode unter portugiesischer Herrschaft litten die indischen Juden nie unter Antisemitismus. Der Wiederaufbau der Parur-Synagoge wirft ein Schlaglicht auf die aussergewöhnlich guten Beziehungen, über welche sich Juden sowie Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften, einschliesslich der Muslime, der Christen und der Hindus, in Südindien erfreuen konnten.
Die Hautfarbe der Malabari-Juden unterscheidet sich von jener der meisten anderen Juden. In Israel verneinen sie heute vehement, dass dieser Umstand ihrer Integration in Israel abträglich gewesen sei. Die Vertreter der jüngeren Generation haben innerhalb der eigenen Gemeinschaft nur wenig Auswahl an Ehepartnern, und sie verheiraten sich mit Juden aller möglichen anderen Abstammungen. Derzeit leben in Israel ungefähr 8000 Cochin-Juden, an der Küste Malabars jedoch nur noch ungefähr deren 30. Unglücklicherweise ist der Vorsteher ihrer kleinen Gemeinde vor einigen Wochen gestorben. Man kann nur hoffen, dass dies nicht das Ende einer weiteren kleinen, einzigartig ausgeprägten Diasporagemeinde bedeutet. ●
Shalva Weil ist Forscherin an der Hebrew University und hat sich auf das indische Judentum spezialisiert. Sie ist Vorsitzende und (gemeinsam mit dem Dirigenten Zubin Mehta, der als Präsident amtet) Gründungsmitglied des Israelisch-indischen Kulturvereins. Sie ist Co-Kuratorin der Ausstellung über Cochin-Juden in der Synagoge von Chendamangalam.