Eine ganz gewöhnliche Heldin
Sie sei keine Heldin, sie stehe nur am Ende einer langen Reihe von guten Holländern, die damals das Gleiche taten wie sie. Das sind Miep Gies’ Eingangsworte in ihrem Buch «Meine Zeit mit Anne Frank». Die einzige noch lebende Helferin, die Anne Frank persönlich gekannt hat, war während des Kriegs stets bereit, ihre Hilfe anzubieten – «soweit ich es vermochte». Heute lebt die 100-jährige Holländerin mit österreichischem Pass in guter körperlicher und geistiger Verfassung in der Nähe von Amsterdam und wird immer noch an viele Anlässe zu Ehren Anne Franks eingeladen. «Sie ist eine wunderbare Frau mit viel Humor», sagt Buddy Elias, der Cousin von Anne Frank. Seine Familie steht auch heute noch in regelmässigem Kontakt mit Miep Gies. So wird der in der Basel lebende Schauspieler sie anlässlich ihres 100. Geburtstags in Amsterdam besuchen.
Keine Ahnung vom Marmeladekochen
Miep Gies wurde am 15. Februar 1909 in Wien als Hermine Santrouschitz geboren und wuchs in armen Verhältnissen auf. Ihre Eltern schickten sie im Rahmen eines Projekts zur Unterstützung unterernährter Kinder 1922 ins holländische Leiden. Dort lebte sie in einer Gastfamilie, mit der sie ein gutes Verhältnis pflegte. 1922 zog sie mit dieser Gastfamilie, die ihr auch den Namen Miep gab, nach Amsterdam. Im Jahr der Machtergreifung Hitlers bewarb sich Miep Gies bei Otto Frank als Sekretärin. In seiner Firma, die das Marmeladengeliermittel Opekta herstellte, erhielt Gies eine Anstellung. «Otto Frank reichte mit ein Blatt Papier. ‹Hier ist das Rezept. Und jetzt kochen Sie Marmelade!› Damit liess er mich allein in der Küche zurück», erinnert sie sich. Sie sei «schön in der Patsche» gesessen, schliesslich habe sie noch bei ihrer Adoptivfamilie gelebt und vom Kochen keine grosse Ahnung gehabt. Aber innert kürzester Zeit wurde sie zu einer routinierten Marmeladenköchin. Dabei blieb es aber nicht. Miep Gies wurde zur rechten Hand Otto Franks. Sie nannte ihn Herr Frank und er sie Fräulein Santrouschitz, «denn Mitteleuropäer unserer Generation pflegten sich nicht mit Vornamen anzureden», schreibt sie. Doch sie habe sich ihm gegenüber bald so vertraut gefühlt, dass sie die Förmlichkeit ausser Acht gelassen und ihn gebeten habe, sie Miep zu nennen.
Gegnerin der Hitler-Politik
Es entwickelte sich eine herzliche Freundschaft zu Otto Frank, seiner Frau Edith und den Töchtern Anne und Margot. In den folgenden Jahren stieg die Gefahr durch die Nationalsozialisten, und das im Krieg unabhängige Königreich der Niederlande wurde 1940 von deutschen Truppen besetzt. Gies war eine Gegnerin der Hitler-Politik und sprach darüber auch offen mit Otto Frank. Da sie sich geweigert hatte, sich einer holländischen Nazipartei für Frauen anzuschliessen, wurde ihr österreichischer Pass kurzerhand für ungültig erklärt. Sie wurde aufgefordert, nach Österreich zurückzugehen. So bemühte sie sich, eine Ehe mit einem Holländer einzugehen, denn das war ihre einzige Möglichkeit, im Land zu bleiben. Innerhalb der ihr verbliebenen drei Monate schaffte sie es, die benötigte Geburtsurkunde aus Österreich zu beschaffen. Am 16. Juli 1941 heiratete sie Jan Gies, der in Annes Tagebüchern Henk genannt wird, und erwarb so die niederländische Staatsbürgerschaft. Ihre romantische Liebesgeschichte habe Annes Phantasie wohl sehr beschäftigt: «Sie behandelte uns fast wie zwei Filmstars und nie wie zwei ganz gewöhnliche Menschen, die schlicht und einfach geheiratet hatten», heisst es in ihrem Buch, das in den achtziger Jahren erschienen ist.
Erfolgloser Bestechungsversuch
Als die Gefahr für die jüdische Bevölkerung auch in den Niederlanden zunahm, informierte Otto Frank Miep Gies über seine Pläne, mit der gesamten Familie unterzutauchen. Trotz der Gefahr, die auch für sie dadurch entstand, sagte sie Otto Frank ihre Hilfe zu.
Im Sommer des Jahres 1942 erhielt Margot Frank die Aufforderung, sich in einem Arbeitslager zu melden. Otto Frank beschloss daraufhin, seine Familie und sich selbst unverzüglich im Hinterhaus in der Prinsengracht 263 zu verstecken, was ursprünglich für einen späteren Termin geplant gewesen war. Später stiessen noch die Familie van Pels und Gies’ Zahnarzt Fritz Pfeffer dazu. In den folgenden zwei Jahren half Miep Gies den Familien Frank und van Pels sowie Fritz Pfeffer mit Lebensmitteln und Zeitungen, aber auch mit freundschaftlicher Zuneigung und Ermutigung. Diese Zeit gibt Anne in ihrem Tagebuch besonders detailliert wieder. Am 4. August 1944 wurden die Versteckten von der «Grünen Polizei» entdeckt und verhaftet. Miep Gies war ebenfalls anwesend, konnte aber einer Bestrafung entgehen, indem sie dem Kommissar Karl Josef Silberbauer erklärte, sie sei wie er auch aus Wien. Daraufhin sah er von einer Meldung ab. Er drohte ihr aber, sie aufzuspüren, falls sie fliehen sollte. Später versuchte sie, ihn mit Geld zu bestechen, um die Entlassung der Familien Frank und van Pels aus der Haft zu erreichen. Haft war gleichbedeutend mit Tod. Der Polizist wies den Bestechungsversuch allerdings zurück.
Miep Gies betrat noch am Nachmittag nach der Verhaftung das Hinterhaus und rettete die übriggebliebenen persönlichen Gegenstände der Familien, die später deportiert wurden, unter anderem auch die Tagebuchaufzeichnungen von Anne Frank. Diese übergab sie 1945 Otto Frank, der als einziger Überlebender nach Amsterdam zurückkehrte.
Mit 80 noch vor Gericht
Mit 80 Jahren trat Miep Gies in Hamburg noch als Kronzeugin in einem Prozess gegen den westdeutschen Neonazi Edgar Geiss auf. In einer beeindruckenden Erklärung widerlegte die 80-jährige Amsterdamerin die von Geiss in neonazistischen Flugblättern verbreitete Behauptung, Anne Franks Tagebücher seien eine Fälschung. Miep Gies wurde nach ihrer Aussage von Geiss scharf angegriffen. Auf seine Frage, ob sie beim Schreiben ihres Buchs nicht blind vor Hass gewesen sei, erwiderte sie: «Ich habe die Deutschen damals gehasst, aber heute nicht mehr.»
Ihre Geschichte handle von ganz gewöhnlichen Menschen in aussergewöhnlichen Zeiten, sagt Miep Gies. «Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals.»