Eine Frau mit eigenem Kopf
Rabbiner Jakob Teichman war zwei Jahrzehnte lang in Zürich und weit darüber hinaus ein Begriff für Gelehrsamkeit, Weisheit, Offenheit, Witz und warme Menschlichkeit. Wer ihn kannte, kennt seit jeher auch seine Frau Agnes, genannt Agi: herzlich, höflich, humorvoll. Am 27. Februar hätten die Teichmans ihren 65. Hochzeitstag feiern können, doch der Rabbiner Emeritus der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) starb 2001, bald nach seinem würdig gefeierten 85. Geburtstag.
Ein wechselvolles Leben
Agnes Teichman wird am 22. Juli 2009 ihren 90. Geburtstag feiern können. Ein guter Grund, um Rückblick zu halten, besonders, wenn das bisher gelebte Leben so wechselvoll war wie jenes von Agnes Teichman. Seit einem Unfall gehbehindert, aber sonst so temperamentvoll wie eh und je, lebt sie im Zürcher Seniorenzentrum Sikna. Sie äusserte gegenüber
einer Betreuerin den Wunsch, ihre Lebensgeschichte zu notieren, und die Suche nach geeigneter Hilfe begann. Direktor Micha «Miki» Kaufman wandte sich an Uriel Gast, Leiter der Dokumentationsstelle jüdische Zeitgeschichte im Archiv für Zeitgeschichte der ETH. Der Historiker konnte umgehend eine geeignete «Ghostwriterin» empfehlen – seine Frau, die Historikerin Christiane Uhlig Gast, die durch ihre Arbeit bereits grosse Erfahrung mit der Geschichte der ungarischen Juden besass.
Eigentlich sollten die Interviews und die Niederschrift nur ein paar Monate in Anspruch nehmen. Doch die Gespräche dauerten viel länger, und so entstand statt einer Geschichte für die Familie eine publikationsfähige Arbeit, ein relativ schmales Buch mit vielen Fotos und Dokumenten. Die Historikerin überzeugte Agnes Teichman davon, dass sie jedes einzelne Kapitel durch einen farbig unterlegten Abriss der entsprechenden Geschichtsepoche einleiten werde, der beim Lesen einen guten Hintergrund verschafft. Selbst dramatische Ereignisse sind nicht reisserisch dargestellt, sondern eher zurückhaltend wiedergegeben.
Optimismus und Durchsetzungskraft
Präsentiert wird die Lebensgeschichte einer Frau, die immer wieder neu anfangen musste und dies pragmatisch mit viel Optimismus und Durchsetzungsvermögen geschafft hat. Und die stets eine Möglichkeit gefunden hat, sich weiterzubilden und einer selbständigen Arbeit nachzugehen. «Als das Manusikript fertig war, war ich überrascht, wie offen ich gewesen war», gesteht Agnes Teichman rückblickend. «Erst war es eine Plauderei, dann wurde es plötzlich ein Buch.»
Als sie nicht studieren konnte, hütete sie Kinder und wurde folgerichtig Montessori-Kindergärtnerin, eine erste Grundlage für ihre spätere Tätigkeit, als sie Therapeutin für behinderte Kinder wurde. Die Geschichte der Agnes, geborene Porjes, gleicht vielen anderen Geschichten. Aufgewachsen in Kecskemét in angenehmen Umständen, geschah der erste Bruch, als der Vater starb und sich die Mutter das Gymnasium nicht leisten konnte. So musste das junge Mädchen die jüdische Mittelschule in Budapest besuchen und dort in einem jüdischen Waisenhaus leben, bis auch die Mutter in die Hauptstadt zog, weil die Frau ihres Onkels sie nicht um sich haben wollte, nicht einmal am Schabbat. Durch eine Freundin lernte sie Jakob Teichman kennen, der nach der Universität das Rabbinerseminar besuchte. Ein Bekannter der Mutter sorgte dafür, dass der junge Mann das Arbeitslager verlassen durfte. Das gut aussehende junge Paar beschloss zu heiraten. Während der Deportationen leitete Agnes Teichman die Küche für Gefangene und konnte Briefe hin und her schmuggeln. Jeden Abend war sie froh, Mann und Mutter wieder anzutreffen. «Ich war immer die Praktischere von uns beiden», erinnert sie sich.
Schon damals gab es einen Bezug zur Schweiz. Dank Schutzpässen von Konsul Carl Lutz konnten die Teichmans und die Mutter in ein überfülltes Haus ziehen, das unter Schweizer Schutz stand. Aber nur durch einen Trick, den sich die findige Agnes ausgedacht hatte, umgingen sie die langen Schlangen vor dem Eingang: Sie besorgten sich mühsam alle Zutaten, buken im Kachelofen viele Brote und verschafften sich als «Bäcker» zu dritt Einlass. Als auch für Ungarn der Krieg zu Ende ging und die kleine Familie das Schutzhaus verlassen konnte, lagen überall Leichen. Nun begann eine bizarre Phase, die Agnes Teichman noch heute im Gespräch als eine der ungewöhnlichsten in ihrem Leben bezeichnet:
«Anfang Woche wurden wir beide jeweils zum jüdischen Friedhof gefahren und am Freitag zurück gebracht. Mein Mann war einer der wenigen überlebenden Rabbiner; er musste alle Toten beerdigen, und ich musste die äusseren Merkmale notieren, damit sie vielleicht später identifiziert werden konnten. Es war Winter, wir hatten praktisch nichts zu essen, und nachts mussten wir uns in Särge legen, um nicht zu erfrieren – es war schrecklich. Wir kochten aus dürren Blättern Tee, um uns zu wärmen. Als uns jemand ein grosses Stück Brot schenkte, bewahrten wir es ein paar Wochen lang auf, um damit unseren ersten Hochzeitstag zu feiern …» Eines Morgens um drei wachten die beiden in ihren Särgen auf, weil sie Schofar blasen hörten. Es war kein Traum: Plünderer wussten offenbar, dass jüdische Familien Wertsachen oft in ihren Familiengräbern versteckten. «So fanden sie auch das Schofar», erzählt Agnes Teichman. «Das alles war nicht gefährlich», wiegelt sie ab, «es war nur ungewöhnlich.»
Von Israel in die Schweiz
Nach der Revolution von 1956 flüchtete die Familie mit dem ersten Sohn Jehuda nach Israel. Der Anfang war schwer. Mutter und Sohn mussten Hebräisch lernen, und Agnes Teichman, die herausgefunden hatte, dass Physiotherapeuten gesucht wurden, meldete sich und verschwieg einfach, dass sie dazu nicht ausgebildet war. Sohn Daniel kam zur Welt. Als sie sich gut eingerichteten hatten, suchte die ICZ einen Rabbiner. Jakob Teichman sehnte sich nach einer eigenen Gemeinde. Er meldete sich und wurde gewählt. Ein weiterer Neubeginn: Eine neue Sprache musste erlernt, die Mentalität der Schweizer erkundet werden. Der Rest ist Geschichte. Agnes Teichman unterstützte ihren Mann wie immer, aber sie war eine Frau mit einem eigenen Kopf und nie nur «Frau Rabbiner», obwohl sie auch diese Rolle ausfüllte, ein gastliches Haus führte, junge Mädchen unterwies und an Anlässen teilnahm. «Andere Rabbinersfrauen lassen das Essen kommen», lächelt sie, «aber ich habe für unsere Sukka mit Hilfe von Freundinnen alles selber gekocht und 300 Leute bewirtet.» Dennoch arbeitete sie in Kinderheimen, besuchte Weiterbildungen und studierte an der Universität Psychologie, um eine eigene Praxis einzurichten. Dachte Agnes Teichman während der Arbeit am Buch, das Christiane Uhlig Gast richtigerweise in Ich-Form schrieb, manchmal daran, was ihr Mann gesagt hätte? «Er hätte selber kein solches Buch geschrieben», wehrt die Erzählerin temperamentvoll ab. «Aber er hätte mich bei meinem eigenen unterstützt.»
Buchvernissage im Grossen Saal der ICZ, 15. März, 17.00 Uhr. Die Autorin Christiane
Uhlig Gast und der Kinderpsychiater Heinz Stefan Herzka, mit dem Agnes Teichman zusammenarbeitete, werden anwesend sein, ebenso an der Buchpräsentation im Archiv für Zeitgeschichte am Donnerstag, 19. März, 18.00 Uhr.