Eine Frau im Kampf gegen Rechts
Zusammen mit dem ehemaligen Staatsschützer Bernd Wagner betreibt Anette Kahane ein feines Netz von Initiativen, die bürgerliche Zivilgesellschaft als Weg gegen Rechtsextremismus aufzeigen. Eine bunte Koalition, die von Lodenjackenträgern bis zu Exponenten der linken Szene reicht, unterstützt die Anliegen von Anetta Kahane’s Truppe. Die dynamische rothaarige Powerlady gilt als grosse Integrationsfigur in Deutschland. Am 9. November hätte die Bürgerrechtlerin bei der grossen Kundgebung gegen Rechtsextremismus in Berlin sprechen sollen. Die Partei der «deutschen Leitkultur» CDU war dagegen.
In der Chausseestrasse im Osten Berlins befindet sich die Amadeu-Antonio-Stiftung, benannt nach dem ersten Todesopfer rassistischer Gewalt in Deutschland nach dem Fall der Mauer. Zahlreiche Projekte und die Förderung lokaler Initiativen, vornehmlich in Ostdeutschland prägen die Tätigkeit der Stiftung. Vom Büro durch Städte und Dörfer rastlos mit ihrem Auto in die Peripherie hetzend, dirigiert Kahane eine kleine Gruppe von Mitarbeitern, meist per Handy.
Seit der Wende gab es in Deutschland 138 Tote rassistischer Gewalt. In den letzten Monaten häuften sich die Anfragen der Politiker an Anetta Kahane. «Es herrscht viel guter Wille von führenden Politikern, jedoch oft grosses Beharrungsvermögen seitens der Beamtenschaft bei der Vergabe der Geldmittel im Kampf gegen Rechtsextremismus», resümiert Anetta Kahane die Erfahrungen der letzten Monate. Ihr Mitstreiter Bernd Wagner, Kriminologe, entwickelt gerade ein Aussteigerprogramm für Nazis, das bereits in Schweden unter dem Namen «Exit» läuft. «Die Anfragen an Bernd Wagner häufen sich, der Druck auf die Nazis wächst, es sind einige zum Aussteigen gewillt», berichtet die engagierte Verfechterin der Zivilgesellschaft und verweist bereits auf erste Erfolge. Die Zeitschrift «Stern» stellte für das Projekt 1,5 Mio. Mark zur Verfügung, somit öffnen Wirtschaftsbosse und Hightechpioniere ihre Herzen und Brieftaschen für den Kampf gegen Rechts. Die Nazi-Täter sind nicht das Hauptaugenmerk der Initiative Anetta Kahanes. Es geht ihr eher um die «Opferperspektive», wie eines der Projekte heisst. Betroffene sollen eine Adresse in ihrer Nähe haben, an die sie sich wenden können, wenn sie angegriffen werden, Beratung und Hilfe bekommen. So hat ein britischer Journalist erstaunt bemerkt, dass er, als er von Neonazis ausserhalb von Berlin angegriffen wurde, die Polizei sich eher um ihn kümmerte, als um die Täter. Die Polizei stritt anfangs diese Tatsachen ab. «Opferperspektive» hat den Fall an die Öffentlichkeit gebracht. Im Zentrum für Demokratische Kultur, einer weiteren Einrichtung, die dem Netzwerk angehört, werden Meinungsbilder und Pädagogen geschult, um eine Stärkung der Zivilgesellschaft und eine Bekämpfung des Rechtsradikalismus zu ermöglichen. Es sind Politiker, die anfangs gar nicht wahrhaben wollten, dass sich fremdenfeindliche Übergriffe in ihrem Ort ereignen oder Nazis teilweise Kontrolle über ganze Stadtbezirke übernommen haben. Der Journalist Frank Janssen vom Berliner «Tagesspiegel» schilderte bei der Konferenz der Amadeu-Antonio-Stiftung einen Fall in einer kleinen ostdeutschen Stadt, wo ein vietnamesisches Lokal angezündet wurde und der Bürgermeister nichts bemerkt haben will. Dabei liegt das Lokal 50 Meter Luftlinie von seinem Büro entfernt. Die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und Teile der Bevölkerung zu stärken, gegen Fremdenfeindlichkeit aufzutreten, ist ein Ziel, dem regionale Arbeitsgruppen für Ausländerfragen nachkommen. Diese von Anetta Kahane mitgetragene Einrichtung führt auch ein breit angelegtes Archiv, das Vorfälle Übergriffe und Medienberichte sammelt. Mit Fragen der Ausländerpolitik beschäftigte sich Anetta Kahane schon in der zerfallenden DDR. So kam sie auch zum «Runden Tisch», doch einige der damaligen Mitstreiter gingen Anetta Kahane verloren: Die «feindliche Übernahme» und «Abwicklung» bestimmter Segmente des ostdeutschen Wirtschaft- und Geisteslebens hat viel Verbitterung hinterlassen. «Es scheint, dass ein Teil der Generation der Wende sich zurückgezogen hat - ihr Engagement fehlt uns jetzt», meint sie mit besorgter Miene. Ihr Judentum spielt für Anetta Kahane scheinbar keine grosse Rolle, wenn es um diesen Einsatz geht. Der erste Eindruck täuscht jedoch: Über ihre Tochter Chava, die als Teenager schon seit einigen Jahren in die jüdische Schule geht, entdeckte die Kosmopolitin Kahane, die schon zu DDR-Zeiten viel in der Welt herumkam, immer mehr ihre Beziehung zum Judentum.