Eine Frage des Glücks
Ruth* wuchs in Zürich auf und hegte den Wunsch, zum Judentum überzutreten, als sie vier Jahre alt war. Mit zwölf rief sie erstmals in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) an, um sich betreffend eines Übertritts zu informieren. Damals wurde sie mit der Begründung abgewiesen, sie sei noch zu jung. Im dritten Anlauf, mit 22 Jahren, machte Ruth schliesslich den Giur. Begleitet wurde sie vom damaligen ICZ-Rabbiner Zalman Kossowsky, der Übertritt erfolgte am Bet Din der ICZ. Vor dem Übertritt lebte sie ein halbes Jahr in Israel, um in einer Midrascha Hebräisch zu lernen und sich auf den Giur vorzubereiten.
Politische Probleme
Danach zog Ruth definitiv nach Israel. Dass ihr Giur je ein Problem darstellen würde, konnte sich die junge Frau nicht einmal in den kühnsten Träumen ausmalen, da ihr auch in Israel mehrfach bestätigt wurde, ihr Übertritt sei in bester Ordnung. «Ein Rabbiner der Rabbanut Jerusalem sagte mir, falls es trotzdem Probleme geben sollte, seien diese ausschliesslich politischer Natur.» Damals massen Ruth und ihre Adoptiveltern, die sie während des Giurs begleiteten, dieser Aussage keine grosse Bedeutung zu. Die Probleme tauchten auf, als Ruth heiraten wollte. Heute sagt sie: «Wir waren sehr naiv, hätten wir gewusst, welche tragischen Ereignisse auf uns zukommen würden, hätten wir wahrscheinlich alles anders gemacht.»
Ruths Pflegevater ist ein angesehener Mann, er ist Vorsteher eines religiösen Lerninstituts («rosch kolel»). Ihr zukünftiger Ehemann stammt aus einer Rabbinerdynastie. Der Albtraum begann, als sich Ruth und ihr Verlobter an die Rabbanut in Jerusalem wandten. «Ohne Grund wurde ich von den anwesenden Rabbinern beschimpft und fertiggemacht», erinnert sie sich. Die Rabbiner hatten ihrem Mann vorgeworfen, er habe wahrscheinlich seit seiner Bar Mizwa keine Synagoge von innen gesehen. «Und mir sagten sie: Wer will ein Stück Dreck wie Dich denn überhaupt heiraten. Meinen Pflegevater traf fast der Schlag. Wir konnten nicht glauben, dass das wirklich passiert.» Später sei ihr klar geworden, dass ihr Giur von dieser Rabbanut nicht anerkannt worden war, weil die Rabbiner ihres Bet Din, ihr Mann und sie dem nationalreligiösen Spektrum angehören, während die Jerusalemer Rabbanut chassidisch geprägt ist. «Nun verstanden wir, was der Rabbiner mit den ‹politischen Problemen› gemeint hatte», sagt sie rückblickend.
Die Rabbanut verlangte schliesslich, dass Ruth den Giur wiederhole. Man einigte
sich schliesslich darauf, dass sie «lediglich» einen «giur
lechumra» machen müsse, d.?h. nochmals Eintauchen in die Mikwa –
ohne Segensspruch. Ruth und ihre Familie wandten sich in ihrer Verzweiflung
an das Oberrabbinat, warteten aber vergebens auf eine Antwort innnert nützlicher
Frist. «Ich dachte ans Aufgeben und sagte meinem Zukünftigen, ich
wolle nicht mehr heiraten. Er liess nicht locker und meinte, dies alles sei
für ihn kein Grund, mich aufzugeben», erinnert sich Ruth.
Reine Schikane
Schliesslich gab sie nach und ging mit ihrer Adoptivmutter in die Mikwa nach Jerusalem, um den Vorgang zu wiederholen. Die Zustände in der Mikwa seien unzumutbar gewesen. «Das Wasser war algengrün, die Wände schimmlig, die Duschvorhänge schwarz, die Böden voll braunem Wasser.» Sie musste sich überwinden, das rituelle Tauchbad zu wiederholen, «obwohl ich wirklich keinen Grund dafür sah. Ich wurde einfach schikaniert. Nachdem dieser Albtraum vorüber war, setzte sich meine Adoptivmutter mit ihren Kleidern ins Wasser und fing an zu weinen. Sie erlitt einen Schock und ich explodierte innerlich fast.» Tags darauf erhielt Ruth die Bestätigung vom israelischen Oberrabbinat, sie müsse nicht nochmals in die Mikwa gehen. «Da war es aber leider schon zu spät.»
Heute ist Ruth 33 Jahre alt und seit bald neun Jahren verheiratet, sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Grossraum Jerusalem. «Dieses Erlebnis werde ich zeit meines Lebens nicht vergessen können. Lange Jahre musste ich mich beim Anblick eines schwarzen Hutes regelrecht übergeben. Das war oft schwierig für mich, da ein Teil der Familie meines Mannes solche Hüte trägt.» Als sie sich später bei der Jerusalemer Rabbanut über das erniedrigende Verhalten und die schrecklichen Zustände in der Mikwa beschwerte, erhielt sie einen kurzen Brief. «Alle Vorwürfe wurden zurückgewiesen und ich als Lügnerin dargestellt», sagt sie tachles.
Rückblickend meint Ruth etwas zynisch, Jerusalem sei wohl nicht der geeignete Ort um zu heiraten. «Die Rabbanut macht einem nicht nur betreffend Giurim Probleme.» Es sei kein Wunder, dass sich säkulare Paare dies nicht antun wollen und für eine Trauung nach Zypern fahren. Ruth weiss, dass es viele Fälle gibt, in denen keine Probleme auftauchen: «Ich hatte einfach Pech, grosses Pech.»Rachel Manetsch
*Name der Redaktion bekannt.