Eine Frage der intellektuellen Glaubwürdigkeit
tachles: Sie sind sowohl Präsident als auch Geschäftsführer der Novartis-Stiftung für nachhaltige Entwicklung. Worin sehen Sie die Hauptaufgaben dieser in ihrer Art einzigartigen Stiftung im privaten Sektor?
Klaus M. Leisinger: Wir setzen uns auf verschiedene Weise für eine nachhaltige Entwicklung mit menschlichem Antlitz ein. Zum einen agieren wir als Denkfabrik, die wissenschaftliche Beiträge zur Debatte um die gesellschaftliche Verantwortung multinationaler Unternehmen liefert. Dabei greifen wir Themen sehr früh auf und versuchen, einen Ausgleich zwischen den Perspektiven, Rollen und Möglichkeiten des Privatsektors und den gesellschaftlichen Erwartungen zu finden. Zum anderen wirken wir durch Netzwerke und organisierte Dialoge als Brückenbauer zwischen für uns wichtigen Interessengruppen und Akteuren und dem privaten Sektor. Und schliesslich tragen wir durch konkrete Programme und Projekte zur Gesundheitsentwicklung armer Bevölkerungen bei. So haben wir zum Beispiel in Tansania ein Ausbildungszentrum für Gesundheitsfachkräfte auf- und ausgebaut mit dem Ziel, ein Spitzeninstitut mit medizinischer Ausrichtung für Afrika zu schaffen, ein Wissenszentrum, das künftig finanziell unabhängig von Schweizer Geldern agieren kann. Andere Schwerpunkte sind die weltweite Bekämpfung der Lepra, die psychosoziale Unterstützung von Kindern, die von HIV und Aids betroffen sind, und die Verbesserung des Zugangs zu Basis-Gesundheitsdiensten im ländlichen Raum armer Länder und vieles mehr.
Welches sind die bisher bedeutendsten Erfolge, die die Stiftung erzielt hat?
Heute werden wir international als eine der massgeblichen Stimmen und als Vordenker in der Debatte um die gesellschaftliche Verantwortung multinationaler Unternehmen wahrgenommen. Unsere Meinung findet auch in wichtigen Gremien der Uno Gehör. Ferner ist es mit unserer Hilfe und in Zusammenarbeit mit anderen in den vergangenen sechs Jahren gelungen, mehr als viereinhalb Millionen Leprakranke zu heilen. Wir sind der Ansicht, dass die biblische Krankheit Lepra in den nächsten Jahren bis auf wenige Fälle Medizingeschichte sein wird. Generell ist es unser Ziel, in einen Qualitäts- und nicht in einen Quantitätswettbewerb mit anderen zu treten. Wir wollen in überschaubaren Projekten Lösungsansätze entwickeln, die dann von anderen auf breiter Basis nachvollzogen werden können. So haben wir in Mali zum Beispiel ein Modell für eine ländliche Krankenkasse für die sozial Schwächsten entwickelt. Dieses Modell läuft erfolgreich an, es schreibt bald schwarze Zahlen und könnte idealerweise in anderen Ländern adaptiert werden, um den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen zu verbessern. Weitere Beispiele sind Projekte mit Aids-Waisen oder Telemedizin.
Welche Themen liegen Ihnen im Hinblick auf die Entwicklungszusammenarbeit mit den Ländern der «Dritten Welt» am meisten am Herzen?
Uns liegt vor allem an einer Basis-Gesundheitspolitik, die vermeidbare Sterblichkeit und Invalidität reduziert. Jährlich sterben weltweit 12 bis 14 Millionen Kinder an Krankheiten, an denen zum Beispiel in der Schweiz kein einziges Kind sterben muss. Nur wenn die teilweise noch sehr hohe Kindersterblichkeit gesenkt wird, haben Eltern einen Anreiz zur Familienplanung - und nur dann kann eine Überlastung der Umweltressourcen, der Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur und letztlich auch des Arbeitsmarktes vermieden werden. Aus meiner Sicht muss insgesamt mehr mit Müttern gearbeitet werden - sie sind der Schlüssel zu Lösungen der Kindergesundheit; ihr Wohlbefinden ist die zentrale Voraussetzung, den durch Armut verursachten Gesundheitsproblemen entgegenzuwirken.
Inwieweit können und sollen global agierende Unternehmen soziale und ethische Verantwortung übernehmen? Welche Möglichkeiten haben sie?
Ethisch verantwortungsvolles Handeln ist für Unternehmen eine Frage der Integrität und der gesellschaftlichen Akzeptanz. Unternehmen haben die Ressourcen, in Ländern, in denen die soziale und ökologische Gesetzgebung Lücken aufweist, exemplarische Standards zu setzen. Wenn Schweizer Unternehmen sich an die hiesigen Gesetze halten, sind 99 Prozent der Probleme, die heute im Kontext der Unternehmensverantwortung erörtert werden, gelöst. In vielen Entwicklungsländern ist die Gesetzeslage jedoch nicht auf dem Niveau, das unsere Erwartungen erfüllen würde. In solchen Fällen gehört es zur Verantwortung integerer Unternehmen, überall dort durch freiwillige Selbstbindung Verantwortung zu übernehmen, damit Missstände nicht nur erkannt, sondern im eigenen Einflussbereich auch beseitigt werden.
Stimmen Sie hier mit Max Frisch überein, der gesagt hat: «Wir sind auch verantwortlich für das, was wir nicht tun.»?
Selbstverständlich. Es reicht nicht aus, lediglich nichts Schlechtes zu tun, man kann auch durch Unterlassung «sündigen». Man muss aber auch die Grenzen der Möglichkeiten sehen. Ich wäre schon zufrieden, wenn weltweit in allen Unternehmen Handlungsnormen erreicht würden, die dem entsprechen, was in etwa in der Schweiz in den neunziger Jahren als gute Praxis galt - dann könnten die ärgsten Kollateralschäden im sozialen und ökologischen Bereich vermieden werden.
Sie waren mehrfach als Berater für die Vereinten Nationen tätig. Welche Rolle spielt die Uno im Hinblick auf die globale Entwicklungspolitik?
In Abwandlung einer Feststellung von Winston Churchill könnte man sagen, die Uno sei die schlechteste Institution, ausgenommen alle anderen. Die Uno kann nur so gut sein, wie die Staaten im Sicherheitsrat es mit ihren vielen Eigeninteressen zulassen. Beispiele wie Ruanda oder Darfur haben gezeigt, dass in vielerlei Hinsicht Reformbedarf besteht. Dennoch ist die Uno immer noch die weltweit einzige Organisation, deren Vorgaben internationales Gewicht haben und über deren Unersetzbarkeit Konsens in der Völkergemeinschaft besteht. Ein politischer Reformprozess wäre allerdings bitter nötig. So sollte künftig zum Beispiel im Sicherheitsrat mit Mehrheitsentscheidungen entschieden werden, dann wäre der taktische Einsatz des Vetorechts vom Tisch.
Dass die Armut in zahlreichen Ländern nicht gelöst wird, liegt nicht an den weltweit zur Verfügung stehenden Ressourcen. Wo liegt aus Ihrer Sicht das eigentliche Problem?
Ich will das am Beispiel der Hungerproblematik erklären: Auf der Welt gibt es vielerorts Hunger, wo es von der Ressourcenlage her keinen Hunger geben müsste. Das liegt vorab an politischen und sozialen, aber auch an technischen Defiziten. In Indien zum Beispiel litten in den fünfziger Jahren Menschen in zweistelliger Millionenzahl Hunger; im Zuge der «grünen Revolution» wurden neue Saatsorten entwickelt, die die Produktivität erhöhten, zusätzlich wurde die Landwirtschaft politisch und technisch (vor allem Bewässerung) sinnvoll gefördert - dadurch hat man, obwohl heute noch immer armutsbedingt Menschen hungern, wesentliche Fortschritte erzielt. In Afrika aber hat bis heute ein solcher Prozess nicht stattgefunden. Aufgrund der aktuellen Preissteigerung der Nahrungsmittel ist das Interesse an der weltweiten Landwirtschaft wieder gestiegen. Es bleibt zu hoffen, dass national und international die Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, die für nachhaltige Erfolge bei der Produktivitätssteigerung erforderlich sind.
Was halten Sie von der Aussage, dass internationale Entwicklungspolitik ein unverzichtbarer Bestandteil der internationalen Friedenssicherung ist?
Ich hatte das Glück, in den späten achtziger Jahren mit Willy Brandt, von dem diese Aussage stammt, für die Nord-Süd-Konferenz zu arbeiten. Ich gehöre zu denen, die Entwicklungspolitik für die beste Friedenspolitik halten. Wenn Menschen über mehr Bildung verfügen und sich dadurch ein besseres Urteil bilden können sowie in materieller Hinsicht etwas zu verlieren haben, dann sind sie weniger verführbar für auf Gewalt basierende Scheinlösungen. Ein Mangel an Ressourcen bedeutet immer auch, dass Menschen nichts zu verlieren haben, weil sie schon den täglichen Kampf ums Überleben kaum gewinnen können. Zudem kommt es äusserst selten vor, dass demokratisch gewählte Regierungen Krieg anfangen.
Sollten Unternehmen selektiver handeln und sich vor allem in Ländern engagieren, in denen die politischen Voraussetzungen für Erfolg - wie die Wahrung der Menschenrechte oder ein fairer Handel - gegeben sind?
Wenn Sie das auf die Arbeit von Stiftungen wie der unsrigen beziehen, dann ist meine ganz persönliche Meinung hier eindeutig Ja. In Ländern wie Somalia, Simbabwe oder Kongo ist aufgrund der politischen Situation nur Nothilfe möglich. Man braucht jedoch auf politischer Ebene ein verantwortungsvolles Gegenüber, damit das Engagement nachhaltig Früchte tragen kann. Nur dann ist man vor Korruption und selektiver Bevorzugung einiger Weniger einigermassen geschützt, und nur dann kann gewährleistet werden, dass die gespendeten Gelder im Grossen und Ganzen ihr Ziel auch tatsächlich erreichen. Was das «normale» unternehmerische Engagement angeht, so gilt auch da, dass nachhaltig erfolgreich nur dort gearbeitet werden kann, wo «good governance» herrscht, das heisst Transparenz im Sinne der angemessenen und zuverlässigen Information über die Grundlagen der Politik und der gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse, Rechtssicherheit und ein unabhängiges, effizientes Justizwesen sowie andere Gegebenheiten, die Erwartungssicherheit beim unternehmerischen Handeln gewähren.
Sie haben sich einmal für einen umfassenden Kulturwandel ausgesprochen. Wie könnte dieser Ihrer Meinung nach aussehen?
Ich denke, dass in vielerlei Hinsicht ein Kulturwandel im Gang und eine weitere Entwicklung wünschbar ist. Das betrifft im privaten Bereich das Bewusstsein für fairen Konsum, im Mobilitätsverhalten die Verkleinerung des ökologischen Fussabdrucks und im Miteinander mehr Solidarität. Dass heisst nicht, dass die Menschen die Heizung herunterdrehen und im Winter im Pullover frieren müssen, um Öl zu sparen, aber es muss klarer werden, dass ein Mehr an Konsum nicht automatisch mit einer höheren Lebensqualität gleichzusetzen ist. Auf Unternehmensebene fände ich es wünschenswert, dass die soziale und ökologische Verantwortung künftig nicht als von aussen kommender Druck, sondern als positive Führungsherausforderung gesehen wird. Dies würde Anreize auf der Wettbewerbsebene schaffen, Unternehmensverantwortung kreativ und innovativ auszugestalten. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass sich nichts verändert, wenn nicht auf allen Ebenen entsprechend gehandelt wird - es reicht nicht aus, dass man «mal darüber geredet hat». Im Privaten haben viele Menschen klare Vorstellungen darüber, wie die Welt, in der ihre Kinder und Enkel einmal leben werden, am besten aussehen sollte - wenn letztlich alle durch konsequentes privates und berufliches Handeln jeden Tag konkrete Bausteine zu einer solchen Welt liefern, wäre das derjenige Kulturwandel, den ich meine.
Interview: Valerie Doepgen