Eine einzigartige Persönlichkeit
Der Besuch von Präsident Rau in Israel ist ein Markstein in den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel. Zum ersten Mal hat ein deutscher Politiker in der Knesset in deutscher Sprache gesprochen. Einige Abgeordnete verliessen zwar den Raum, aber die Mehrheit ist geblieben. Die Abgeordneten, die den deutschen Bundespräsidenten nicht hören wollten, haben offenbar nicht verstanden, dass Johannes Rau ein deutscher Politiker ist, wie es nur ganz wenige gibt. Nicht nur, dass er um Vergebung gebeten hat, ist wesentlich, sondern es geht hier um eine einzigartige Persönlichkeit.
Die meisten führenden deutschen Politiker hatten in den letzten Jahrzehnten, aus welchen Gründen auch immer, eine freundliche Einstellung gegenüber Juden und Israel. Bei vielen war das weniger menschlich bestimmt, sondern vor allem politisch, wobei Amerika gewiss keine geringe Rolle spielte. Bei Johannes Rau hingegen ist diese Einstellung anders motiviert. Mit Recht beklagen wir allzu oft, wie wenig die Kirchen sich wirklich mit Juden und Judentum verbunden fühlen, obwohl sie doch dem Judentum das meiste verdanken. Bei Johannes Rau ist es anders. Er stammt aus einer freikirchlichen Familie, die mit der Bibel lebte, und wer ihn näher kennt, spürt diese warme Ausstrahlung, deren Hintergrund eben die Bibel ist. In den vielen Jahren, in denen er Minister und Ministerpräsident in Düsseldorf war, hat er darüber hinaus auch das heutige Judentum kennengelernt, ist mit Juden umgegangen, war ein steter Besucher jüdischer Organisationen und Veranstaltungen, ein WIZO-Basar war ohne ihn nicht vorstellbar, und bei wichtigen B’nai B’rith-Anlässen sprach er ohne Manuskript zu den Anwesenden. Johannes Rau gehört daher zu den ganz wenigen deutschen Politikern (und wahrscheinlich sind sie in anderen Ländern ebenso selten), die ein ganz natürliches, geradezu brüderliches Verhältnis zu Juden haben. Er ist ein Mann, der verlässlich, vernünftig und warmherzig ist.
Johannes Raus Besuch in Israel hat zweifellos die Bande zwischen den beiden Ländern einmal mehr enger geknüpft. Dass er selbstverständlich auch palästinensische Gebiete besucht hat, ist eine politische Realität und hat auf andere Weise auch zum Erfolg der Reise beigetragen. Umso ungeheuerlicher ist es, dass gewisse Kreise im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen versuchen, die Integrität Raus zu beflecken. Einer seiner Vorgänger im Amt, Richard von Weizsäcker, hat am letzten Sonntag im Deutschen Fernsehen darüber das Nötige gesagt. Die problematischen Reisen, die Rau als Ministerpräsident seinerzeit mit der West-LB unternommen hat, waren keine Privatflüge und sind daher mit den verschiedenen Gesetzeswidrigkeiten der CDU in keiner Weise vergleichbar. Auch andere Ministerpräsidenten verbinden Dienstflüge mit Parteianlässen. Dass man nachher schlauer ist und sich mit einem fragwürdigen Flugunternehmen besser nicht hätte einlassen sollen, ist eine andere Sache. Richard von Weizsäcker hat dazu gemeint, man könne Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, und es sei abwegig, Rau auf die gleiche Stufe zu stellen wie jene, die die CDU in ihrer bisherigen Geschichte in einen einmaligen Misskredit gebracht haben.
Johannes Rau hat gerade in den letzten Jahren vor seiner Wahl manche Unbill erfahren. Es ist zu hoffen, dass er die jetzigen Unannehmlichkeiten stark und gesund übersteht und sie als Politiker für das begreift, was sie sind: die Beschmutzung eines integren Mannes, der in seinem Leben bewiesen hat, dass es auch als Politiker möglich ist, Anstand zu beweisen, der auf Andere ausstrahlt.