Eine eigene Sprache finden
Angesichts von Tod, Verzweiflung und Entmenschlichung betrieben die Juden des Wilnaer Ghettos ein Theater, ein Orchester und sogar ein Kabarett. Bis zu den letzten Tagen, als die Nazis das Ghetto liquidierten und die überlebenden Insassen in Vernichtungslager überstellten, fanden die Vorstellungen vor vollem Hause statt, was dem Publikum einige Stunden des Vergnügens und der Normalität vermittelte. Sogar im Ghetto von Lodz in Polen, das dem Film «Jakob, der Lügner» als Vorbild diente, gab es Kulturprogramme, Vorlesungen und eine Untergrund-Bibliothek.Die Schauspieler im Wilnaer Ghetto demonstrierten oft einen subtilen Humor, oft sogar in der Gegenwart von Nazi-Offiziellen. Sie setzten damit die älteste und oft einzige Waffe gegen ihre Unterdrücker und nicht selten auch gegen sich selbst ein. In seiner Anthologie über jüdischen und israelischen Humor fragt Henry Bulawko: «Würde man den Juden die Macht nehmen, über ihr eigenes Elend zu lachen, was würde dann von ihnen übrig bleiben?»
Hollywood benutzte in den frühen 40er Jahren diese Waffe, um das grandiose Auftreten der Nazis lächerlich zu machen. Das gilt vor allem für Chaplins «Der grosse Diktator», oder für Ernst Lubitschs «To be or not to be». Das war aber, bevor die Welt das Ausmass des Holocausts erkannt hatte. Die Filmemacher benötigten einige Zeit, um Humor, Absurdität, Fantasie und Fabeln in Holocaust-Themen zu integrieren und Juden als etwas anderes darzustellen als leidende Opfer oder hin und wieder als heroische Widerstandskämpfer. Auf der Bühne wurden diese Tabus früher gebrochen. In seinem Stück «Resort 76» (1962) benutzte der Autor Shimon Wincelberg sowohl beissenden Humor als auch Frömmigkeit. In dem Drama tritt sogar eine Person auf, die, ähnlich Robin Williams in «Jakob der Lügner», die Moral ihrer Umgebung aufrechtzuerhalten versucht, indem sie Nachrichten von alliierten Siegen erfand. Einen noch dunkleren durchdringenderen Humor benutzt der israelische Autor Joshua Sobol in «Ghetto», indem er eine kaum für möglich gehaltene Szene einschliesst, in der ein Ensemble in Wilna zum Vergnügen des jazzverrückten SS-Kommandanten «Swanee» auf Jiddisch vorführt. Viel Zeit verging, bis diese von einigen Leuten als Sakrileg verschriene Darstellungsweise ihren Weg auf die Filmleinwand fand. Der Oscar-gekrönte Film «Life is Beautiful», eine teilweise im KZ spielende Tragikomödie des Italieners Roberto Benigni, gilt dabei gemeinhin als der erste Streifen, der dieses Tabu gebrochen hat. Effektiv war «Jakob, der Lügner» vor dem italienischen Film fertig, wurde aber zurückgehalten, und «Train de Vie» (Frankreich) läuft in den USA erst im November an.
Es dürfte die Vermutung zutreffen, dass die drei Werke eine neue Phase in der künstlerischen Verarbeitung des Holocausts eingeläutet haben. Peter Kassovitz, Regisseur und Co-Autor von «Jakob» - selber ein Jude, der den Holocaust als Kind überlebt hat - meint, das Publikum hätte seinen Film vor 20 Jahren noch nicht akzeptiert. «Es war eine gewisse Zeitspanne nötig, bis man den Holocaust nicht mehr in mythologischen, sondern in menschlichen Dimensionen sehen konnte.»
Die drei Filme weisen Ähnlichkeiten, aber auch klare Unterschiede auf. Sowohl Benigni in «Life is Beautiful» als auch Williams im «Jakob» sind Durchschnittsmenschen, die eigentlich gegen ihren Willen zu Helden werden. Beide sehen das Verheissene Land, erreichen es aber nicht. Der wichtigste Unterschied liegt darin, dass «Jakob» sich in der Wirklichkeit hätte abspielen können. Jurek Becker, der das Buch schrieb, hat selber das Ghetto Lodz und Konzentrationslager überlebt. «Life is Beautiful» demgegenüber ist eine Fabel, einfühlsam und manchmal witzig geschrieben, aber eine Fabel. «Train de Vie» geht noch weiter, indem die Geschichte der Juden eines russischen Schtetls erzählt wird, welche die heranrückenden Nazis übers Ohr hauen, indem sie sich selber in einem alten Zug «deportieren», wobei sich einige der Dorfbewohner als deutsche Wachen verkleiden.
Die Regisseure aller drei Filme waren sich im Klaren darüber, dass sie sich auf dünnem Eis bewegten. Schon alleine die Benutzung von Humor und Absurdem, oder noch schlimmer eines geschmacklosen Fehltritts, provozierte zu Vorwürfen, die grosse jüdische Tragödie des Jahrhundert trivialisieren zu wollen. Diese Proteste hatte es schon im Wilnaer Ghetto gegeben, als Gegner der Theatervorführungen auf jiddischen Plakaten erklärten: «Oyf a Beis Oilem schpilt men nit keyn Theater» (auf einem Friedhof spielt man nicht Theater).
Die Angst vor einer Trivialisierung des Holocausts ist vor allem unter den Juden Amerikas verbreitet, die den Massenmord aus zweiter Hand, vor allem durch Bücher und Filme, miterlebt hatten. Wer dem Geschehen näher steht, vor allem Überlebende, ist oft eher bereit, den Eigenheiten ihrer Mitleidensgenossen gegenüber eine grosszügigere Haltung einzunehmen. Gleichzeitig hat sich die Erinnerung an den Holocaust bei vielen US-Juden fast zu einer Art Religion entwickelt. Für diese Juden, aber auch für andere, wird «Jakob der Lügner» die Diskussion zur Fragen erneuern, welches nun die künstlerisch adäquaten Kriterien für die Darstellung des Holocausts sind, und wo die Grenze zwischen Kunst und Holo-Kitsch zu ziehen ist.
Die Erinnerung an den Holocaust wird überdauern, doch die künstlerischen Grundsätze und Perspektiven bei dessen Interpretation werden sich im Laufe der Jahre verändern. Jede Generation muss, wie Regisseur Mihaileanu (Train de Vie) es ausdrückt, ihre eigene Sprache finden.
JTA