«Eine der grössten Errungenschaften des modernen Zionismus»
Vor wenigen Monaten hat Ron Huldai, Jahrgang 1944, seine dritte, fünfjährige Kadenz als Bürgermeister von Tel Aviv-Yafo angetreten. Weil die Stadt keine Amtszeitbegrenzung für diesen Posten kennt, ist Huldai seit der Gründung von Tel Aviv vor 100 Jahren erst der neunte Bürgermeister der Stadt. «Stellen Sie sich vor», meinte der Mann, der sich als Kampfpilot in den Kriegen von 1967 und 1973 einen Namen gemacht hat, «in den Jahren, die ich bisher an der Spitze von Tel Aviv stehe, habe ich bereits sechs israelische Regierungen kommen und gehen sehen, und Transportminister Shaul Mofaz ist bereits der elfte Inhaber dieses Amtes, den ich als Bürgermeister begrüssen dürfte.» Mit dem Patt-Ergebnis der kürzlichen Knessetwahlen ist Huldai, der unter anderem an der Tel Aviv Universität Geschichte studiert hat und Rektor des prestigeträchtigen Herzlia-Gymnasiums war, nicht zufrieden: «Was ich schon vor 25 Jahren gesagt habe, erwies sich einmal mehr als richtig: Das Wahlsystem muss geändert werden. Ein Premierminister muss regieren und entscheiden können. Nicht-Entscheidungen sind schlimmer als schlechte Entscheidungen.»
Der Krise trotzen
Spätestens seitdem er 1996 auf der Liste der Arbeitspartei vergeblich versucht hatte, in die Knesset einzuziehen, konzentriert Ron Huldai sich voll auf die städtische Politik und verfolgt das Geschehen auf der nationalen Bühne nur noch als engagierter Beobachter. Das bevorstehende 100-Jahr-Jubiläum der Stadt hält ihn voll auf Trab. In diesem Zusammenhang wollten wir von ihm wissen, wie wohl Meir Dizengoff, der erste Bürgermeister von Tel Aviv, reagiert hätte, würde er sich heute in seiner Stadt umsehen können. «Er wäre sehr zufrieden mit dem Erreichten und gleichzeitig sehr erstaunt», meint Huldai. «Vielleicht wäre er der Stadt aber auch böse, dass sie sein Haus am Rothschild-Boulevard 16 dem Staat verkauft hat, anstatt es in ein Tel-Aviv-Museum zu wandeln.» In dem Haus ist bekanntlich Israels Unabhängigkeit verkündet worden. Dizengoff entstammte, wie Huldai betont, dem Mittelstand und war ein überzeugter Verfechter des freien Unternehmertums und der liberalen Marktwirtschaft. «Dizengoff und seine Leute legten den Grundstein für die in allen Aspekten heute moderne Stadt Tel Aviv.» Die Nachkommen der 66 Gründerfamilien fallen heute, so Huldai, wirtschaftlich und politisch nicht mehr auf, doch würden sie grossen Wert auf ihren «Jichus», die quasi-adlige Abstammung, legen.
Was die wirtschaftliche Entwicklung von Tel Aviv angeht, sieht der Bürgermeister über die derzeitige Krisenstimmung hinaus. Zwar sei die Stadt nicht abgekapselt vom Geschehen in Israel und dem Resten der Welt, doch die Wachstumschancen seien trotz Krise intakt. «Wenn es mit der High-Tech-Industrie aufwärts geht, verspüren wir in Tel Aviv das zuerst, und auch im Banken- und Finanzsektor sind wir führend, beherbergt unsere Stadt doch 50 Prozent aller Bankangestellten des Landes, obwohl nur gut fünf Prozent der Landesbevölkerung in Tel Aviv leben. Zudem finden 70 Prozent der israelischen Theaterkultur in Tel Aviv statt.»
Eine verjüngte Bevölkerung
Ron Huldai darf mit Fug und Recht als jemand bezeichnet werden, der Wachstumschancen gezielt sucht und meistens auch findet: «Wir können durch Hinzufügung von Wohnraum im Norden von Tel Aviv und in der Gegend des Flughafens Sde Dov (dieser wird irgendwann einmal aufgehoben, was hochkarätiges Baugelände frei macht, Anm. d. Red.) noch gut 150 000 Menschen in unserer Stadt ansiedeln. Vor zehn Jahren litten wir noch unter negativer Bevölkerungsstatistik; vor allem Junge wanderten ab. Seit 2000 aber hat dieser Trend sich klar gewendet, und bis zur Erreichung der 400 000er-Marke dürfte es nicht mehr lange dauern. Dass wir im Jahr 2007 über 25 und im vergangenen Jahr gar 30 neue Kindergärten in Tel Aviv eröffneten, sagt viel aus über die Verjüngung unserer Bevölkerung. Mit 34 Jahren liegt das Durchschnittsalter in Tel Aviv zwar immer noch über dem israelischen Gesamtdurchschnitt, doch die Tendenz ist fallend.» Die Frage, ob junge Ehepaare am Anfang ihrer beruflichen Karriere sich eine Wohnung im Zentrum von Tel Aviv überhaupt leisten können, beantwortet Huldai wie folgt: «Eigentlich darf ich so etwas gar nicht laut sagen, aber ich mache es doch: Wo erfüllen junge Leute vom nationalen Standpunkt aus betrachtet eine wichtigere Aufgabe, in Beerschewa und im Galil, oder im Zentrum von Tel Aviv? Natürlich in Beerscheewa und im Galil, doch die Rückwanderung hat inzwischen eingesetzt, und unsere Bevölkerung wächst.»
Eine politisch heisse Kartoffel
Auch die Spannungen und Klüfte zwischen sozial verschiedenen Schichten in seiner Stadt versucht der Bürgermeister gar nicht zu verniedlichen: «In einer Stadt wie Tel Aviv, einer Stadt der Extreme – Alleinerziehende, Homosexuelle, Reichste und Ärmste – wird es diese Kluften immer geben. In den letzten Jahren haben wir allerdings grosse Investitionen im Dienstleistungssektor getätigt: Parkanlagen, Kindergärten, Spielplätze, Gemeindezentren, Fahrradwege und so weiter. Das baut Spannungen ab, und im Gegensatz etwa zur Situation vor 30 Jahren müssen wir heute kaum noch Unruhen registrieren.» Auch der in Städten wie Bne Berak oder Jerusalem stets vorhandene Konfliktherd zwischen Religiösen und Säkularen spielt in Tel Aviv eine untergeordnete Rolle. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass religiöse Bürgerinnen und Bürger höchstens 15 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen und im 31-köpfigen Stadtrat nur mit vier Abgeordneten vertreten sind. Anders verhält es sich mit den fast 50 000 Gastarbeitern von Tel Aviv, von denen sich rund 30 000 illegal in der Stadt aufhalten: «Wir ignorieren ihre Existenz nicht und sind bestrebt, ihre Bildungs- und sozialen Bedürfnisse zu decken. Effektiv handelt es sich hier aber um eine politisch heisse Kartoffel im Kompetenzbereich des Staates, der, je nach seinen aktuellen Interessen, diese Leute mal verfolgt und ausweist, und dann wieder in Ruhe lässt.»
Ron Huldai, der sich, wenn seine gesundheitlich-intellektuelle Verfassung und die politischen Umstände es zulassen, gerne für eine vierte Amtsperiode zur Verfügung stellen wird, sieht seine Aufgabe als etwas Langfristiges: «Alles, was ich heute entscheide, wird sich in 30 Jahren auswirken.» Schon heute kann er aber mit Bestimmtheit sagen, dass Tel Aviv «eine der grössten Errungenschaften des modernen Zionismus» ist, die dem, was Herzl in seinem «Altneuland» geschrieben hat, in Vielem nahekommt.