Eine Demokratie macht Fortschritte

von Neri Livneh, May 19, 2009
Maguy Kakon ist als Tochter eines wohlhabenden Ehepaars in der marokkanischen Stadt Marrakesch aufgewachsen. Heute führt sie in Casablanca ein Immobilien-Beratungsbüro, ist politisch tätig und hätte es unlängst fast ins marokkanische Parlament geschafft. Maguy Kakon fühlt sich in Marokko zu Hause und findet, die Demokratie des Landes mache unter dem jungen, liberalen König Mohammed VI. enorme Fortschritte.
MOHAMMED VI. MAROKKOS KÖNIG (r.) im Gespräch mit dem US-Sonderbeauftragten im Sahara-Konflikt, Christopher Ross

Maguy Kakon lebt in Casablanca, Paris, Florida und manchmal auch in Israel. Sie hat einen Chauffeur, eine Sekretärin und ein Büro im Zentrum von Casablanca, von wo aus sie ihr erfolgreiches Immobilien-Beratungsgeschäft führt. Ihr um 13 Jahre älterer Gatte, Aimé Kakon, ist einer der bekanntesten Architekten von Marokko. Das Paar hat vier Kinder, von denen drei in Florida und Paris etabliert sind, während der jüngste Sohn noch zu Hause wohnt. Obwohl es ihr an nichts fehlt, beschloss Maguy Kakon vor drei Jahren – im Alter von 52 Jahren und bereits Grossmutter –, sich als erste marokkanische Jüdin an Parlamentswahlen in ihrem Land zu beteiligen.

Politisches Engagement

Das Buch, das sie über ihre Wahlkampagne schrieb, ist ein Bestseller in Marokko. TV-Stationen aus aller Welt entsandten Reporter, um sie zu interviewen. Wie viele ihrer muslimischen Freunde war sogar der Reporter von al-Jazirah überrascht, dass in Marokko Juden an Wahlen teilnehmen dürfen. Kakon war an erster Stelle aller weiblichen Kandidatinnen, doch weil die von ihr gegründete Partei, das Soziale Zentrum, die Mindestklausel von sechs Prozent nicht erreichte, gelangte sie nicht ins Unterhaus, dessen 325 Mitglieder in direkten demokratischen Wahlen erkoren werden. Maguy Kakon gibt aber nicht auf und geht demnächst ins Rennen als Kandidatin in den Kommunalwahlen von Casablanca. Inzwischen treibt sie ihre feministisches Politik voran, wobei sie ihre jüdische Identität keineswegs verbirgt. Beide Elemente sind in einem muslimisch-arabischen Land keine Selbstverständlichkeit.
Rund acht Prozent der marokkanischen Parlamentsmitglieder sind Frauen. Eine Anzahl Frauen stehen an wichtigen Positionen im Königtum, obwohl dessen Rechtssystem das weibliche Geschlecht stark diskriminiert. Kakons Aktivität konzentriert sich auf die Fortschritte der Frauen aller Glaubensbekenntnisse in Marokko. «Juden», so erklärt sie, «halten sich in Marokko eher in Distanz zur Politik.» Das Land sei vor der Thronbesteigung des heutigen Königs Mohammed VI. viel weniger demokratisch gewesen. «Juden, die offizielle nationale Ämter versahen, waren nicht gewählt, sondern wurden durch den König ernannt.» Das galt beispielsweise für André Azoulay, einen hohen Berater des Königs, der mit Kakons Gatten verwandt ist. Im Gegensatz zu sonstigen Gepflogenheiten in Marokko unterhält Maguy Kakon aber keine besonderen Beziehungen zum Königshof.
Sie erwähnt Juden, die in der Vergangenheit in Opposition zur Monarchie gestanden haben. Zu diesen Personen gehört Abraham Sarfati, ein Kommunist, der gegen König Hassan II. eingestellt war. Er verbrachte 17 Jahre im Gefängnis und musste weitere acht Jahre ins Exil gehen. «Der heutige König dagegen ist jung und liberal, und heute geniessen wir eine viel grössere Presse- und Redefreiheit in Marokko.»

Muslimische Freunde

Kakon hat viele Verwandte in Israel, wie etwa ihre Cousine, die Schauspielerin Ruby Porat Shoval, die in Marrakesch aufgewachsen ist, unweit des Geburtshauses von Maguy Kakon. Kakons jüngere Schwester lebt in Holon und Florida, doch sie selber wollte sich nie in Israel niederlassen. «Die Juden, die in Marokko blieben, hatten viel Geld», sagt sie und zeigt auf den ummauerten Hof des grossen Hauses von Joe Levy, einem wohlhabenden Innenarchitekten, der mit ihr zusammen die Wahlen bestritt.
Einige von Maguy Kakons Bekannten sind jüdisch, doch die meisten sind Muslime. Zu den letzteren zählt Mohammed Ar-koun, ein auf Orientalistik spezialisierter Soziologieprofessor an der Sorbonne in Paris. Er ermutigt Kakon, in ihren Bemühungen fortzufahren, und sagt, eines der grössten Probleme Marokkos bestehe darin, dass die Juden in der offiziellen Historiografie praktisch nicht existieren. Viele alte Marokkaner erinnern sich zwar noch voller Emotionen an ihre jüdischen Nachbarn, doch in Büchern findet man sie nicht.
Heute leben in Marokko nur noch rund 3500 Juden, die Hälfte von ihnen in Casablanca. Kakon verweist auf ihre muslimischen Freundinnen: «Ich kenne sie schon seit 40 Jahren, und sie sind wie Schwestern für mich. Unsere Eltern lehrten uns stets, es spiele keine Rolle, welcher Religion unsere Freunde angehörten.»

Rückkehr nach Marokko

Maguy Kakon – ihr ofizieller Name lautet Marie-Yvonne Kakon – ist die dritte Tochter von sechs Kindern von David und Dina Gabay, einem sehr wohlhabenden Paar aus Marrakesch. Der Vater, ein Industrieller, der viele Muslime beschäftigte, musste während des Zweiten Weltkriegs seine Hochschulstudien unterbrechen, als die eleganten französischen Schulen jüdische Studenten vor die Tür stellten. Den Eltern kam es nie in den Sinn, sich in den fünfziger Jahren den vielen marokkanischen Juden anzuschliessen, die nach Israel auswanderten. 1971, als der Vater in Pension ging, übersiedelten sie nach Paris. Maguy folgte ihnen und schrieb sich an der juristischen Fakultät ein. Sie war damals bereits mit Aimé Kakon verlobt, den sie in Marokko kennengelernt hatte. «Nach einigen Monaten in Paris bekam mein Vater es plötzlich mit der Angst zu tun, dass wir Nichtjuden heiraten würden. Nur aus diesem Grund beschloss er, nach Israel zu immigrieren.» Nach einem Monat in Israel heiratete sie Aimé in Tel Aviv und zog dann mit ihm nach Casablanca.Juden lebten in Marokko völlig sicher, betont Maguy. Zwar dürfen sie nicht im Staatsdienst, in Banken oder in Stadtverwaltungen arbeiten, aber sie können in Stadträte gewählt werden. Nur einmal habe sie Antisemitismus erlebt, und zwar als ihr Sohn David, heute ein Banker in Paris, im Alter von 15 Jahren die Meisterschaft im Golfclub von Casablanca gewann. Der Verlierer schimpfte ihn einen «dreckigen Juden». Auf Betreiben des Bürgermeisters und des Innenministers sprach der Golfclub kurz darauf eine Entschuldigung aus.

Die Rolle der Frau

Neben ihren bürgerlichen Aktivitäten schreibt Maguy Kakon derzeit an zwei Büchern, mit denen sie, so hofft sie, den Glanz vergangener Zeiten hinaufbeschwören kann: «La Cuisine juive du Maroc de mère en fille» («Die marokkanisch-jüdische Küche, von der Mutter an die Tochter vererbt») und «Traditions et coutumes des Juifs du Maroc» («Traditionen und Sitten der Juden Marokkos»). Die französischen Ausgaben dieser Bücher sollten in etwa einem halben Jahr auf den Markt gelangen.
«Marokko ist das einzige arabische Land, in dem Juden ein normales und gutes Leben leben», bekräftigt Maguy. «Wenn die Reformen des gegenwäritgen Königs andauern und wenn mehr Menschen, mehr Frauen mit liberalen Ansichten in die Politik gehen, wird Marokko zum führenden Land in Afrika werden. Schliesslich sind wir Europa so nahe. Mentalitätsmässig gibt es wenige Unterschiede zwischen Marseille und Casablanca. Was den Fortschritt in Marokko behindert, ist die Diskriminierung der Frauen. Deshalb verlässt die junge Elite Marokko, und die Universitäten sind in einem schrecklichen Zustand. Wir müssen das ändern.»