Eine breit angelegte Studie
Als Claude Longchamp, Institutsleiter der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung Bern (gfs), im Frühling 2007 seine in Zusammenarbeit mit tachles entstandene Antisemitismus-Studie präsentierte, legte er bereits den Grundstein zu einer noch breiter angelegten Nachfolge-Untersuchung.
Es gelte, nebst dem «Kernpotenzial des Antisemitismus» auch die Neuentwicklungen zu verfolgen, stellte er damals fest. An der Jahrestagung der gfs in Bern stellte er nun das Konzept für ein solches Rassismus-Monitoring vor. Seine Motivation, sich für dieses Thema zu engagieren, leitete der gebürtige Romand aus einem prägenden Kindheitserlebnis ab: Als er in Aarau zur Schule ging, wurde er als Franzose verspottet, der gelbe Hosen und grüne Finken trage und stinke. «Seither weiss ich, was Rassismus ist», so Politikwissenschafter Longchamp: «Die Wahrnehmung von Individuen aufgrund kollektiver Vorstellungen, wobei die imaginierten Eigenschaften des Kollektivs auf das Individuum übertragen werden.» Eine solche Verfälschung von Realitäten geschehe in der Absicht, «eine Hierarchie zwischen überlegener und unterlegener Rasse, Kultur oder Religion herzustellen, welche Diskriminierungen rechtfertigt».
Eine Informationsgrundlage
Nachdem der Bundesrat sich grundsätzlich für den Aufbau eines Rassismus-Monitorings entschlossen hatte und das Longchamps Institut 2008 damit betraut worden war, ein Konzept für eine solche regelmässige Bevölkerungsbefragung zu erarbeiten, steht eine Vorstudie inzwischen vor dem Abschluss. Die Grundlage dazu bildeten Gespräche mit 20 Bundesstellen, der Eidgenössischen Rassismuskommission sowie 100 Personen aus der Bevölkerung. Vorausgesetzt, dass die vorgesehene Finanzierung durch den Bund zustande kommt, soll ab 2010 alle zwei Jahre eine breit angelegte Befragung durchgeführt werden, welche den Antisemitismus, die Islamophobie, die Xenophobie und die Rassismussensibilität untersucht.
Zugleich sollen konkrete Massnahmen für den Umgang mit dem Phänomen aufgezeigt werden. «Das Rassismus-Monitoring wird Rassismen nicht verhindern», schreibt Claude Longchamp in seinem Blog. «Es soll aber eine zuverlässige Informationsgrundlage für Behörden, Parteien, Medien und Gesellschaft als Ganzes liefern, die Verantwortung tragen, dass sich Rassismus nicht ausbreitet.»
Verdeckter Rassismus
Vergleichbare Langzeitstudien im Ausland hätten oft den Nachteil mangelnder Systematik und Regelmässigkeit und seien zudem vielfach von direkt betroffenen – oft jüdischen – Organisationen veranlasst worden, erklärte Werner Bergmann, Professor an der Technischen Universität Berlin, in seinem historischen Abriss über Studien zum Antisemitismus. Ein Podiumsgespräch rundete die von gfs-Präsident Iwan Rickenbacher geleitete Tagung ab. Sowohl tachles-Chefredaktor Yves Kugelmann als auch Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz, betonten dabei, dass der Rassismus oft in verdeckter Form zum Ausdruck komme.