Eine Bewegung im Wandel
Die «Revolution vom 25. Januar» in Ägypten hat für die künftige Entwicklung des Nahen Ostens tiefgreifende Folgen. Ob sich das Land am Nil zu einer Demokratie entwickeln wird bleibt abzuwarten, doch einige jüngere Entwicklungen stimmen optimistisch. So wurde die ehemalige Regierungspartei Mubaraks kürzlich aufgelöst. Gegen den früheren Präsidenten und führende ehemalige Regierungsmitglieder wurden Haftbefehle erlassen. In einem Referendum vom 19. März, in dem das ägyptische Volk zum ersten Mal eine freie politische Wahl bestritt, wurden die Parlamentswahlen auf den kommenden September festgelegt.
Doch eine Tatsache bereitet westlichen Beobachtern Kopfzerbrechen. Mit dem Machtwechsel ist mit einem Schlag eine Bewegung ins Rampenlicht getreten, die unter Mubarak eine zweitklassige Rolle gespielt hatte: die Muslimbruderschaft, Al-Ikhwan Al-Muslimun. Die Meinungen über diese Bewegung sind gespalten. Trotz der Bekräftigungen ihrer ranghohen Mitglieder, sich an demokratische, pluralistische und rechtsstaatliche Grundsätze zu halten, vermuten viele Beobachter einen Wolf im Schafspelz. Die Muslimbrüder werden verdächtigt, nach aussen hin zwar einen moderaten Kurs zu predigen, in Tat und Wahrheit Ägypten jedoch in einen islamischen Gottesstaat ummodellieren zu wollen.
Die Muslimbruderschaft wurde 1928 von Hassan al-Banna, einem Lehrer und Imam aus dem nördlichen Nildelta, als spirituelle Erweckungsbewegung gegründet. Sie verstand sich von Anfang an als Reaktion auf die Verwestlichung der arabisch-islamischen Welt. Um ihre Gründungsgeschichte zu verstehen, müssen wir uns drei historische Trends vor Augen führen, die im Ägypten der zwanziger Jahre kursierten. Zum einen bestimmte die britische Besatzungsmacht seit 1882 die politischen Geschicke Ägyptens. In den 1920er Jahren arbeitete ¬al-Banna in Ismailia, einer Stadt im Nervenzentrum der Suezkanal-Zone. Der Kontrast zwischen den in üppigen Residenzen lebenden französischen Beamten der Suezkanal-Gesellschaft und den armen ägyptischen Arbeitern hatte einen starken Einfluss auf den jungen Imam. Vor allem die Präsenz britischer Truppen empfand al-Banna als eine ständige Erniedrigung. Die Kolonialisten übten eine absolute Kontrolle über das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben Ägyptens aus, ja selbst die Strassennamen des arabischen Quartiers Ismailias waren in französischer Sprache beschriftet, wie al-Banna in seinen Memoiren schreibt. Der Widerstand gegen den Imperialismus war ein Leitmotiv sowohl islamistischer wie auch säkular-nationalistischer Strömungen.
Zum anderen wandten sich die Muslimbrüder gegen die aus Europa importierten Ideen wie Nationalismus, Säkularismus und Konstitutionalismus. Solches Gedankengut war seit der 1798 erfolgten Landung der französischen Armee unter Napoleon Bonaparte nach Ägypten gelangt. Islamisten erblickten darin eine kulturelle Gefahr und beschuldigten den Westen der Korrumpierung islamischer Werte. Al-Banna war überzeugt, dass die Durchdringung islamischer Gesellschaften durch europäische Konzepte die spirituellen, moralischen und religiösen Glaubensgrundsätze des Islam bedrohte.
Drittens hatte die Niederlage des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg und die 1924 erfolgte Aufhebung des Kalifats in der gesamten islamischen Welt eine tiefe Glaubenskrise ausgelöst. Das Kalifat war die vom Propheten Mohammed vorgelebte ideale Regierungsform, da sie weltliche wie auch religiöse Macht in der Person des Kalifen vereinte. Der von den vier rechtgeleiteten Kalifen geführte Staat, wie er nach dem Tod Mohammeds für einige Jahre existierte, galt als die vollkommenste Repräsentation des Islam, sowohl als Glaube wie auch als System, und war der institutionelle Ausdruck muslimischer Einheit.
Neuinterpretation der Texte
Die Gründung der Muslimbruderschaft war aber nicht nur eine Reaktion auf äussere Einflüsse, sondern stand auch in einer ideologischen Kontinuität zur islamistischen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts. Angesichts einer zunehmenden Durchdringung der arabischen Welt durch westliches Gedankengut befassten sich diese frühen Reformdenker mit der Frage, wie der Islam auf die Anforderungen der modernen Welt reagieren solle. Einer der wichtigsten Intellektuellen dieser Zeit war Muhammad ‘Abduh (1849–1905). Er war der Überzeugung, dass die im Koran und der Sunna (den «Gewohnheiten» des Propheten) verankerten islamischen Grundprinzipien angesichts der Moderne neu interpretiert werden müssten. Den nationalistisch-säkularen Bewegungen seiner Zeit setzte er einen spezifisch islamischen Modernismus entgegen. Dieser besagte, dass die spirituellen und religiösen Werte des Islam durch die modernen Wissenschaften nicht untergraben, sondern bestätigt würden. Der Islam, so ‘Abduh, bilde nämlich ein «absolutes und totales System», das alle Ideen der modernen Welt (Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte, Kapitalismus) bereits erfasst habe. Aufgabe des Menschen sei es, die von Gott offenbarte Wahrheit durch eine Neuinterpretation («ijtihad») der islamischen Texte rational zu erschliessen und ihnen somit im modernen Zeitalter eine neue Relevanz zu verleihen.
Der intellektuelle Ansatz der Reformdenker des 19. Jahrhunderts erfuhr durch die Gründung der Muslimbruderschaft erstmals eine konkrete sozialpolitische Form. Das Programm, welches al-Banna vertrat, war zugleich traditionell und revolutionär, da es sich einerseits am «goldenen Zeitalter des Islam» orientierte, andererseits einen radikalen Wandel des institutionellen und praktischen Lebens implizierte. Al-Banna beabsichtigte dabei jedoch nicht etwa die Wiederinstandsetzung der sozialen und politischen Umstände des Arabiens des 7. Jahrhunderts. Vielmehr bezweckte er, einen legalen Rahmen zu schaffen, der sich am islamischen Scharia-Gesetz orientierte, gleichzeitig aber auch fähig war, sich den Bedingungen der Moderne anzupassen. Der Fokus der Muslimbrüder war demnach nicht eine Rückkehr zu einer atavistischen Gesellschaftsform, sondern die tiefer greifende Frage nach der Stellung des Islam im modernen Leben.
In den ersten Jahren beschränkten sich die Muslimbrüder hauptsächlich auf Missionsarbeit. Kleine, disziplinierte Kader propagierten ihre Ideen in Moscheen, Schulen und Kaffeehäusern, während sich lokale Aussenstellen auf dem Land auf Bildung sowie sozial- und gemeinnützige Arbeit beschränkten. Mit der Umsiedlung al-Bannas nach Kairo im Jahr 1934 wuchs die Bewegung stark an. Tausende neue Mitglieder aller Gesellschaftsschichten, von ranghohen Offizieren der Armee und Bauern aus dem Nildelta zu Angestellten der Bürokratie und Studenten der Al-Azhar-Universität, fühlten sich von der charismatischen Persönlichkeit al-Bannas und der Botschaft der Muslimbrüder angezogen.
Mit der Verschärfung der Situation in Palästina 1936 begann die Muslimbruderschaft ihren Wandel von einer spirituellen Erneuerungsbewegung zu einer politischen Organisation. Zahlreiche Brüder nahmen während der arabischen Revolte als Freiwillige im Kampf gegen die Zionisten teil. Gleichzeitig weitete sich ihr regionaler Einfluss aus. 1937 wurden Aussenstellen in Syrien und Libanon errichtet sowie 1945 in Jordanien und 1946 in Gaza. Das ursprünglich auf Ägypten beschränkte Programm nahm einen zunehmend panarabischen Charakter an, eine Entwicklung, die mit dem arabisch-israelischen Krieg von 1948 zusätzlichen Impetus erhielt. Dort eigneten sich die in Palästina kämpfenden Muslimbrüder erste Erfahrungen in Guerilla- und Terrortaktiken an. Nach ihrer Rückkehr nach Ägypten wurden die Beziehungen zwischen der Regierung und den Muslimbrüdern angespannter. 1949 verübte der geheime Sicherheitsapparat der Brüder einen Mordanschlag auf Premierminister Mahmoud al-Nuqrashi. Einige Tage darauf erschossen Regierungsschergen Hassan al-Banna auf offener Strasse. Tausende Mitglieder der Organisation wurden ins Gefängnis geworfen.
Kampf um Macht
1952 ergriffen die Freien Offiziere um General Ali Muhammad Nagib und Gamal Abdel Nasser in einem blutlosen Coup d‘État die Macht. Während des Krieges von 1948 hatten die Offiziere den Kampfeseifer der Brüder respektieren gelernt und wollten sie an der gewonnenen Regierungsmacht beteiligen. Die Geister schieden sich jedoch an der Frage nach Ägyptens Zukunft. Obwohl viele Freie Offiziere gläubige Muslime waren, fuhren sie einen strikt nationalistisch-säkularen Kurs und lehnten Forderungen nach einem islamischen Staat kategorisch ab. Die Spannungen erreichten im Januar 1954 einen Höhepunkt: Während einer Rede Nassers in Alexandrien feuerte ein junger Muslimbruder acht Schüsse auf diesen ab. Die Kugeln verfehlten ihn, und er wurde über Nacht zum Helden der Revolution. Nasser schaltete darauf sowohl seinen internen Rivalen Nagib als auch die Muslimbruderschaft aus. Er liess Tausende Mitglieder einkerkern und ihre Geschäftsstellen schliessen.
In den fünfziger Jahren wurde das Denken der Bewegung zunehmend von den Ideen Sayyid Qutbs geprägt. Qutb, ein Erzieher, Essayist und Literaturkritiker aus Oberägypten, trat der Bruderschaft im Jahr 1953 bei und avancierte schon bald zum wichtigsten Ideologen des «islamischen Erwachens». Seinen intellektuellen Beitrag beschrieb er in «Wegzeichen» («Ma‘alim fi al-Tariq»), in welchem er die Gewaltanwendung gegen despotische Regierungen theologisch rechtfertigte. Den Schritt dazu machte Qutb, indem er das aus der islamischen Tradition kommende Konzept der «jahiliyya» auf die politischen Verhältnisse seiner Zeit anwendete. «Jahiliyya» bedeutet «Ignoranz» und bezeichnet die Zeit der Götzenanbeterei auf der arabischen Halbinsel vor der Offenbarung durch den Propheten Mohammed. Qutb abstrahierte den Begriff von der historischen und geografischen Situation der vorislamischen Zeit und interpretierte ihn als einen Zustand, der zu jeder Zeit und überall auf der Welt, selbst unter islamischen Gesellschaften, herrschen könne. Indirekt bezichtigte er damit die Revolutionsregierung der vorislamischen Ignoranz, womit die Offiziere zu einem legitimen Ziel eines bewaffneten Jihads wurden. Qutb wurde aufgrund seiner radikalen Haltung 1966 zum Tode verurteilt und seine Ideen führten zu einer Spaltung innerhalb der Bruderschaft. Während die Mehrheit sich von seiner Ideologie entfernte, traten einige jüngere Mitglieder aus der Organisation aus und formten militante Gruppierungen.
Mit dem Machtantritt Anwar Sadats 1971 wurden die Muslimbrüder als Bewegung rehabilitiert. Sadat war ein frommer Muslim und hatte früher selber der Bruderschaft angehört. Um seine Machtstellung gegen die ihn opponierenden Nasseristen zu stärken, entliess er zahlreiche islamistische Aktivisten aus den Gefängnissen. Die Muslimbrüder hatten anfänglich grossen Respekt für Sadat. Viele sahen im arabischen Sieg während des Jom-Kippur-Krieges von 1973 einen Sieg für den Islam, der in der Artikulierung der politischen Ziele der Muslime einen neuen Höhepunkt erreichte. Die Beziehungen der Islamisten zu Sadat änderten sich aber nach dessen Besuch in Jerusalem 1977 und dem zwei Jahre später geschlossenen Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel. Nach einer erneuten Verhaftungswelle im Jahr 1981 wurde Sadat am 6. Oktober von einem Mitglied der islamistischen Gruppe Al-Jihad während einer Militärparade erschossen.
Schwelender Generationenkonflikt
Unter Hosni Mubarak wandelte sich die Bruderschaft zu einer modernen politischen Partei. Mit ihrer Eingliederung in das konstitutionelle System Ägyptens akzeptierte sie den säkularen Nationalstaat als gesetzliche Rahmenbedingung politischer Aktivität. Dies bedeutete eine historische Kehrtwende in der ideologischen Entwicklung des politischen Islam. Die Brüder bewiesen ihr politisches Geschick in verschiedenen Parlaments- und Gewerkschaftswahlen der achtziger und neunziger Jahre, als sie Wahlallianzen eingingen und trotz erneuter Repressionen politische Erfolge verzeichnen konnten. Den Höhepunkt erreichten sie in den Parlamentswahlen von 2005. Unter dem Druck der neokonservativen Demokratisierungsagenda von George W. Bush sah sich Mubarak dazu veranlasst, die Muslimbrüder als Unabhängige kandidieren zu lassen. Diese gewannen beeindruckende 20 Prozent der Sitze im ägyptischen Parlament. Nur ein Jahr später gewann die von Muslimbrüdern 1988 in Gaza gegründete, anti-israelische Partei Hamas die dortigen Wahlen mit überwältigender Mehrheit.
Die Revolution vom 25. Januar hat die politischen Bedingungen für die Muslimbruderschaft grundlegend verändert. Mit dem Abgang Mubaraks traten die Debatten verschiedenster islamistischer Couleurs erstmals in eine offene politische Zone. Diese interne Dynamik bestand jedoch bereits vor der Revolution. So führte beispielsweise die Wahl des obersten Führers der Bruderschaft, Mohamed Badi’, im Jahr 2010 zu einem Generationenkonflikt zwischen der alten Garde und den jüngeren Mitgliedern. Letztere richten sich zunehmend gegen den dogmatischen Kurs der älteren «Gefängnisgeneration» und befürworten einen modernen und offenen Islam, der sich den komplexen und vielschichtigen Gesellschaftsverhältnissen Ägyptens anpassen kann. Auch zweifeln die jungen Islamisten, denen die Revolution ein neues Selbstvertrauen gegeben hat, die Autorität der alten Generation immer stärker an.
Die Muslimbrüder – und somit der politische Islam – werden künftig einen weitaus grösseren Einfluss auf die ägyptische und arabische Politik haben als bisher. Seit den siebziger Jahren haben sie einen moderaten Kurs verfolgt. Allgemein scheinen die von Qutb geprägten Radikalen an Einfluss zu verlieren. Dies zeigte sich nicht nur in den demokratischen Forderungen der Jugendlichen während des «arabischen Frühlings», sondern auch in den relativ gemässigten Reaktionen auf den Tod Osama Bin Ladens. Zwar haben einige konservative Kleriker und Politiker (so auch der Premierminister der Hamas, Ismail Haniyya) Bin Laden als Märtyrer gepriesen, doch landesweite Massenproteste blieben weitgehend aus. Ob die Bewegung ihren moderaten Kurs beibehalten wird, dürfte jedoch auch vom weiteren Verlauf des Nahostkonflikts abhängen. Dieser hat seit jeher einen starken Einfluss auf die Haltung der Muslimbrüder gehabt. Neues Blutvergiessen zwischen Israeli und Palästinensern, etwa im Zuge einer einseitigen palästinensischen Unabhängigkeitserklärung im Herbst, könnte in den kommenden Parlamentswahlen den konservativen Elementen in der Muslimbruderschaft erneuten Auftrieb geben. ●
Victor J. Willi ist ein Fellow des World Economic Forum und arbeitet zurzeit an der Universität Oxford an seinem Ph.D. zu den Muslimbrüdern in Ägypten. Er spricht fliessend Arabisch und hat über zehn Jahre Erfahrung im Nahen Osten.