Eine besondere Weltpremiere

Von Jacques Ungar, March 4, 2011
Mit dem erfolgreichen Ersteinsatz des neuen, gegen Anti-Tank-Raketen gerichteten israelischen Systems Windbreaker dürfte sich das Kräfteverhältnis zwischen den israelischen Streitkräften einerseits und der Hamas und Hizbollah andererseits wesentlich zugunsten der israelischen Truppen verschieben.
ISRAELISCHE TANKS ALS ZIELSCHEIBE Sukzessive sollen alle Tanks mit dem Windbreake ausgerüstet werden

Eine Weltpremiere ganz besonderer Art konnten die israelischen Streitkräfte (IDF) diese Woche melden. Gleich bei seinem ersten operationellen Einsatz nämlich verzeichnete das von der Rüstungsfirma Rafael entwickelte aktive Tank-Abwehrsystem Windbreaker am Dienstag einen im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagenden Erfolg. Als palästinensische Aktivisten auf ihrer Seite der Grenze unweit des Kibbuz Nir Oz und der Palästinenserstadt Khan Yunis eine raketengetriebene Granate (RPG) gegen einen sich ebenfalls auf palästinensischem Gebiet befindlichen israelischen Merkawa-Tank abfeuerten, trat das radargesteuerte Windbreaker-System in Aktion und zerstörte die RPG rechtzeitig.
Das neue System ist erst vor wenigen Monaten auf eine Anzahl israelischer Tanks montiert worden, und sein Einsatz im Ernstkampf wurde für die Grenzregion des Gazastreifens beschlossen, nachdem die Terroristen vor knapp drei Monaten einem Merkawa-Tank mit einer modernen Anti-Tank-Rakete vom Typ Cornette – auch die Hizbollahmiliz benutzt diese in Südlibanon – erheblichen Schaden zugefügt hat. Wie durch ein Wunder explodierte damals die Rakete nicht im Tank, und die IDF-Soldaten blieben verschont.

Historischer Erfolg

Israelische Armeekreise sprechen von einem «historischen» Erfolg im Bereich der aktiven Verteidigung der eigenen Tankflotte. Das Kräfteverhältnis zwischen Israels Truppen einerseits und der Hamas in Süden beziehungsweise der Hizbollah im Norden dürfte sich dank des neuen Systems wesentlich zugunsten Israels verschieben. Allerdings rechnet man damit, dass die Gegenseite nichts unversucht lassen wird, um den Windbreaker-Einsatz mit elektronischen Mitteln zu erschweren. Die Armee arbeite daher, wie ein Sprecher von Rafael gegenüber Radio Israel betonte, laufend an Verbesserungen des Systems.
Obwohl das Aufsetzen von Windbreaker bei jedem Tank rund 200 000 Dollar kostet, ist die israelische Armee derzeit damit beschäftigt, sukzessive alle seine Tanks mit diesem offensichtlich sehr wirksamen System auszurüsten. Dass die Anti-Tank-Geschosse des Gegners es in der jüngsten Vergangenheit besonders auf israelische Tanks abgesehen hatten, zeigte sich drastisch während des zweiten Libanon-Kriegs. Rund 500 Raketen hatte die Hizbollah damals gegen israelische Tanks abgefeuert, unter ihnen auch zahlreiche Exemplare der bereits genannten Cornette. Etwa 40 Prozent der Geschosse war es gelungen, in Tanks einzudringen und beträchtliche Opfer unter der israelischen Besatzung zu fordern.

Tank besiegt Rakete

Die Zeitung «Yediot Achronot» schrieb am Mittwoch: «Vor 37 Jahren besiegte im Jom-Kippur-Krieg die erste Sagger-Rakete einen israelischen Tank. Heute kann man sagen, dass zum ersten Mal in der Geschichte ein Tank die Rakete besiegt hat.» Im Ausland scheint man sich der Bedeutung der israelischen Entwicklung bewusst zu sein. Zahlreiche Staaten, vor allem solche, die gegen Terroristen und andere irreguläre Kampfverbände zu kämpfen haben, haben bereits ihr Interesse an Windbreaker bekundet.

Flexiblere Strategie

Auf der politischen Bühne scheinen sich die Erfolge für Israel nicht so einfach einzustellen wie im Bereich der Rüstungsindustrie. Nachdem Premierminister Binyamin Netanyahu während Monaten stur am Vorhaben festgehalten hatte, innerhalb eines Jahres eine endgültige Regelung mit den Palästinensern zu erzielen, scheint er nun doch eine flexiblere Strategie zu verfolgen. Weil die Palästinenser vor dem Hintergrund der Unruhen in der arabischen Welt nicht in der Lage oder nicht gewillt seien, ihm die Hand zu einer definitiven Regelung zu bieten, soll Netanyahu nun die Möglichkeit eines Palästinenserstaats in provisorischen Grenzen im Rahmen eines Interimsfriedensabkommens in Erwägung ziehen. «Wir wollen einer definitiven Regelung nicht aus dem Wege gehen», liess das Büro des Premierministers gegenüber «Haaretz» verlauten, «doch ein Interimsabkommen ist der Weg, um dorthin zu gelangen.» Während Aussenminister Avigdor Lieberman Interimsvereinbarungen der genannten Art ausgesprochen positiv gegenübersteht, weil er der Ansicht ist, eine definitive Regelung mit den Palästinensern sei auch in zehn bis 20 Jahren nicht erreichbar, haben die Palästinenser Zwischenlösungen bisher stets rundweg abgelehnt. Von einer grundlegenden Meinungsänderung bei Präsident Mahmoud Abbas war bis jetzt nichts zu hören.

Kritik an der Regierung

Nicht in allen Kreisen des israelischen Polit-Establishments stossen Netanyahus Manöver auf Gegenliebe. So liess sich der erfahrene Diplomat Ilan Baruch – er war zuletzt israelischer Botschafter in Südafrika – aus Protest gegen die Politik der Regierung, vor allem jene von Aussenminister Lieberman, vorzeitig pensionieren.  Diese Politik würde, wie Baruch in seinem Rücktrittsbrief schreibt, Israels internationales Ansehen schädigen. «In den letzten zwei Jahren», erklärte der Diplomat, «haben die Stimmen an Lautstärke gewonnen, welche die Möglichkeit einer Wiederaufnahme von Verhandlungen für einen Regionalfrieden in Frage stellen oder welche diese Möglichkeit ganz unter den Teppich kehren wollen.» Das zweite Kabinett Netanyahu würde wie das erste trotz der sogenannten Bar-Ian-Rede des Premiers (damals sprach er sich zum ersten Male verklauselt für eine Zweistaatenlösung aus, Anm. der Red.) am Status quo festhalten und diplomatische Bemühungen für eine dauerhafte Lösung vernachlässigen.