Eine bedrohliche Liaison

von Douglas Davis, October 9, 2008
Im sich entwickelnden Friedensprozess im Nahen Osten, der international starke Beachtung erfährt, tauchen verstärkt Ängste vor einer möglichen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen der Türkei und dem Iran auf. Der sich anbahnende Konflikt zwischen den beiden nichtarabischen Nationen, der Türkei, Israels engstem regionalen Verbündeten, und dem Iran, Israels bitterstem Widersacher, dreht sich um ein kleines Territorium, das an die Türkei, den Iran und den Irak grenzt.
Das umstrittene Gebiet: Der Grenzkonflikt an der türkischen Nordgrenze beeinflusst Israels Position in Nahost. - Foto Reuters

Israels militärische Analysen und Strategien drehen sich nun um die Frage, ob Israel sich aus einem Konflikt zwischen der Türkei und dem Iran heraushalten könnte, falls dieser sich zu einem Krieg ausweiten würde. Gemäss der Türkei, die das Gebiet letzten Monat zweimal bombardiert hat, gehört das fragliche Territorium in die westlich geschützte Zone im Nordirak, die nicht von den Irakis überflogen werden darf und seit dem Golfkrieg 1991 langsam vom Iran okkupiert wurde. Laut türkischen Aussagen ist das Gebiet heute ein von den Iranern geschütztes Gebiet, in dem die separatistische kurdische Arbeiterpartei (PKK) ihre Trainingscamps hat. Der Iran, der die türkischen Angriffe auf das schärfste verurteilt hat, besteht darauf, dass das umstrittene Gebiet stets iranisch gewesen sei, und behauptet, türkische Truppen hätten das Territorium besetzt.Die in London beheimatete pro-arabische Presse kann sich nicht entscheiden, welches der beiden Übel das weniger schlimme ist: die pro-israelische Türkei oder der revolutionäre Iran. Sie äussert jedoch Bedenken, dass die zwei Staaten einen «verheerenden Krieg» entfesseln könnten. Die Spannungen sind gestiegen, seit Ankara letzte Woche dem Iran vorgeworfen hat, die Iranis hätten das umstrittene Gebiet besetzt und Teheran beschuldigt, die kurdischen Rebellen zu unterstützen. Die in London beheimatete und saudisch finanzierte «al-Hayat» hat berichtet, dass der türkische Präsident Suleyman Demirel den Iran gewarnt hat, Ankaras Geduld nicht mit Schwäche zu verwechseln. Länder, so Demirel, die sich mit der Türkei anlegten, sollten sich der Stärke des Landes bewusst sein, und es sei nicht im Interesse des Irans, die Wut der Türkei zu unterschätzen.
Damit spielte er klar auf militärische Drohungen Ankaras gegenüber Syrien im letzten Jahr an, die sich auf Aktivitäten der PKK auf syrischem Territorium und damit verbunden den Aufenthalt von Parteichef Öcalan bezogen. Die Türkei forderte damals Syrien auf, die Aktivitäten der PKK auf syrischem Territorium zu unterbinden und Öcalan auszuweisen. Syrien hat unter dem Druck reagiert, und türkische Kommandos konnten Öcalan in Kenia verhaften.
Demirels Bemerkungen waren die Antwort auf ein Statement des iranischen Kommandanten der Bodentruppen, Brig. Gen. Abdolali Pourshasb, die iranischen Militärübungen letzte Woche seien Teil der Vorbereitung, «jene zu vertreiben, die iranischen Luftraum und internationale Grenzen verletzten.» Der Iran hat die Türkei angeklagt, sowohl den Luftraum als auch die Grenzen in zwei Fällen verletzt zu haben. Bei einem Luftangriff am 18. Juli an der Grenze nahe der hauptsächlich von Kurden bewohnten Stadt Piranshahr seien fünf Menschen getötet und elf verletzt worden. Ankara hat mit einer Gegenklage geantwortet und dem Iran vorgeworfen, den PKK-Rebellen Unterschlupf zu gewähren - eine Anklage, die von Teheran sofort verneint wurde. Der türkische Luftwaffenchef Huseyin Kivrikoglu hat laut türkischen Medien verneint, dass Kriegsflugzeuge Ziele auf iranischem Territorium angegriffen hätten, sondern dass Einsätze gegen PKK-Stellungen im Nordirak geflogen worden seien. Kivrikoglu, eine der wichtigsten Personen im letztjährigen Streit mit Syrien, sieht in den PKK-Aktivitäten im Iran eine neue Bedrohung. «Weder der Irak noch der Iran können das Gebiet kontrollieren», wurde er zitiert. «Wir wissen, dass die PKK Basen im Iran unterhält. Von dort aus gelangen sie über den Irak in die Türkei», so Kivrikoglu weiter. Dieses Statement wird vom Chef der türkischen Luftwaffe, Gen. Ilhan Kilic, bestätigt. Gegenüber der türkischen Tageszeitung «Milliyet» sagte Kilic: «Unsere Flugzeuge haben PKK-Basen an der nordirakischen Grenze bombardiert. In diesen Camps waren auch iranische Offiziere, die starben.» Bezugnehmend auf die Studentenunruhen im Iran sprach Kilic von einer «chaotischen iranischen Aussenpolitik». «Ich kann mir vorstellen, dass es ihnen lieber ist, dass die Aufmerksamkeit auf einen anderen Gegenstand gelenkt wird - deshalb handeln sie so», sagte Kilic weiter.
Inzwischen hat der türkische Aussenminister Ismail Cem den iranischen Botschafter in der Türkei, Mohammad Hussein Lavasani, getroffen und die unverzügliche Freilassung von zwei türkischen Grenzsoldaten gefordert, die laut Teheran letzte Woche während eines türkischen Militäreinfalles in das umstrittene Gebiet gefangen genommen worden seien.
Abderrahman Rashed, Verleger einer anderen in London stationierten saudischen Tageszeitung, «Asharq al-Awsat», hat gewarnt, dass während die weltweite Anti-PKK-Kampagne der Türkei vielleicht gerechtfertigt sei, ein Krieg jedoch für beide Seiten unermessliche Kosten mit sich bringen könnte. Die Ereignisse, so Rashed weiter, entwickelten sich immer mehr auf einen kriegerischen Konflikt zwischen der Türkei und dem Iran zu. Eine Möglichkeit, die von einigen in Teheran durchaus in Kauf genommen würde. Damit wollen diese Kräfte von den innenpolitischen Spannungen im Iran ablenken. Sowohl für die Türkei als auch für den Iran, die beide über ein breites Waffenarsenal verfügten, das es ihnen im schlimmsten Fall für eine Dekade erlaubte, einen Krieg zu führen, wäre ein solcher Krieg jedoch vernichtend, warnte Rashed. Die Türkei, so Rashed weiter, sei entschlossen, bis zum Äussersten gegen die kurdischen Rebellen zu kämpfen, und habe erklärt, die Separatisten weltweit zu jagen - sei dies im Iran, in Syrien oder auch in Afrika und Europa.
Die heutige Türkei ist auf der Suche nach einer neuen Rolle in der Ära nach dem Kalten Krieg, eine Zeit, in der die Wichtigkeit der Türkei auf ihre geopolitische Lage an der südlichen Flanke der UdSSR zurückzuführen war. Der verstorbene türkische Präsident Turgut Özal hat sich vermehrt der arabischen Welt geöffnet. Aber nach seinem Tod 1993 hat Ankara eine engere militärische Bindung zu Israel aufgebaut. Diese Entscheidung wurde, so Analysten, im Glauben gefällt, dass dies die schwächer werdende Rolle der Türkei in der Nato kompensieren würde und zu einer starken regionalen Rolle führen könnte, welche die Türkei seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches verloren hatte.