Eine auf ewig verkorkste Liebesgeschichte?

Von Jacques Ungar, September 9, 2011
Mit der erzwungenen Herabsetzung der diplomatischen Vertretung Israels in der Türkei auf das Niveau des zweiten Sekretärs scheint eine 63 Jahre alte Liebesgeschichte zwischen Jerusalem und Ankara auf Grund gelaufen zu sein. Der Schaden ist zwar nicht irreparabel, doch künftig wird man kaum noch von Liebe oder Freundschaft sprechen können, sondern höchstens von korrekten Beziehungen. Aber auch dieses Ziel liegt wahrscheinlich in mehrjähriger Entfernung.
RECEP TAYYIP ERDOGAN Die jüngsten Schritte des Türkischen Ministerpräsidenten verschlechtern die Beziehung Türkei-Israel weiter

Man schrieb das Jahr 1951. Der israelische Regierungschef David Ben-Gurion sass alleine in seinem Büro und wartete auf den Piloten, dem er einen Spezialauftrag zu geben hatte. Als der Mann vor ihm stand, erklärte Ben-Gurion: «Pack deine Maschine voll mit allem, was wir zu geben haben und flieg in die Türkei. Sorg aber dafür, dass du vor den Amerikanern dort eintriffst.» Die Türkei war gerade von einem Erdbeben erschüttert worden, und Israel wollte Hilfe leisten. – Die Episode erinnert aber an mehr als nur an die humanitäre Einstellung des noch in den Kinderschuhen steckenden jüdischen Staates und daran, dass Ben-Gurion, wie manche andere israelische Staatsmänner auch, einen Teil seiner Studien in der Türkei absolviert hat: Die Liebesaffäre zwischen Türken und Israeli, die heute rettungslos verkorkst erscheint, hat 63 Jahre offizielle diplomatische und inoffiziell noch viel engere Beziehungen trotz zahlreicher Trübungen ununterbrochen überlebt. Für Freunde historischer Randbemerkungen sei erwähnt, dass von 1951–54 der Posten des 1. Sekretärs der israelischen Botschaft in Ankara von keinem anderen versehen wurde, als von Yohanan Meroz s.A., dem nachmaligen israelischen Botschafter in Bonn und Bern.

Mehr als eine «technische Herabsetzung»

Auch wenn Szenen wie die vom 16. Oktober 1949, als über 20 000 Türken dem neuen israelischen Generalkonsul in den Strassen von Istanbul einen begeisterten Empfang bereiteten, ebenso wie der Anblick israelischer Marinesoldaten, die auf der Istiqlal-Strasse der Stadt marschierten, wohl für immer der Vergangenheit angehören werden, rechnen israelische Kenner der Szene nicht mit einem völligen Abbruch der bilateralen Beziehungen. Nicht einmal die jetzt erfolgte Herabsetzung der israelischen Vertretung in der Türkei auf das Niveau des 2. Sekretärs ist eine Premiere. Im Februar 1981 griff Ankara zur gleichen Massnahme, und zwar als Protest gegen das ein halbes Jahr davor von der Knesset verabschiedete Jerusalem-Gesetz. Dieses Mal dauerte es nach den Worten Alon Liels – er musste damals während fünf Jahren den undankbaren Job des 2. Sekretärs bekleiden – anderthalb Jahre, bis die Türken ihre mannigfaltigen Drohungen nach der Enterung der «Mavi Marmara» in internationalen Gewässern des Mittelmeers und dem Tod fünf türkischer Aktivisten an Bord des Schiffs wahr machten. «Zwischen 1981 und 1985 gab es keine einzige offizielle Visite, weder von israelischer noch von türkischer Seite», erinnerte Liel sich diese Woche. Erst die Madrider Nahostkonferenz von 1990 erbrachte 1992 eine Normalisierung des Verhältnisses zwischen Ankara und Jerusalem. Allerdings musste Israel damals die parallele Eröffnung einer Repräsentanz der PLO in der Türkei in Kauf nehmen. Nach den Worten des versierten Türkei-Experten Liel handelt es sich beim jüngsten Schritt Ankaras um weit mehr als nur um eine «technische Herabsetzung».
Die Türkei unter Premier Recep Tayyip Erdogan ist offenbar in ihrem Sturmlauf an die regionale Spitze der politischen Pyramide durch nichts aufzuhalten. Die Allianz mit Israel wurde der neu-islamistischen Orientierung der Türkei ebenso radikal geopfert wie das Bündnis mit Syrien. An deren Stelle dürfte möglicherweise ein Schulterschluss mit dem nachrevoluti-onären Ägypten stehen, wo Erdogan am 12. September erwartet wird. Zwar ist noch nicht sicher, ob der türkische Politiker seine Absicht wahrmachen und von Ägypten aus dem Gazastreifen einen Besuch abstatten wird, was für Alon Liel einer «dramatischen Verschiebung in der Region» gleichkäme. Die Berichte von diversen möglichen Kooperationsabkommen zwischen Kairo und Ankara, einschliesslich einer militärisch-strategischen Allianz zwischen den zwei neuen Bundesgenossen, reichen aber schon aus, um rote Alarmlichter bei israelischen Entscheidungsträgern aufleuchten zu lassen. Hier fürchtet man nämlich, dass Erdogan in Kairo seinen Gastgebern nicht zuletzt Ratschläge hinsichtlich einer Herabsetzung diplomatischer Beziehungen mit Israel erteilen wird.

Eine einfache Entschuldigung?

Vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen wird in Israel immer wieder die Frage gestellt, ob Jerusalem nicht besser gefahren wäre, die von Ankara geforderte Entschuldigung für die Geschehnisse auf der «Mavi Marmara» zu leisten. Nicht aus einem schlechten Gewissen oder gar einem Schuldgefühl, sondern einzig aus staatspolitischen Erwägungen heraus. Niemand kann heute mit Bestimmtheit sagen, ob ein solcher Schritt Israel tatsächlich vor dem türkischen Scherbenhaufen hätte bewahren können. Sicher aber ist, dass das Schweigen der notorischen Anti-Entschuldigungs-Polterer mit Aussenminister Avigdor Lieberman, seinem Vize Danny Ayalon und Premierminister Binyamin Netanyahu an der Spitze in den ersten Tagen nach den türkischen Beschlüssen zumindest peinlich wirken muss. «Wo seid Ihr jetzt?», fragen manche rational denkenden israelischen Beobachter an die genannten Politiker gerichtet. Sie kritisieren Lieberman und Co. vor allem dafür, dass sie dann den Kopf in den Sand stecken würden, wenn Israel den internationalen Preis für sein Verhalten zahlen müsse. Diese Beobachter betonen auch, dass in den letzten Monaten mindestens zwei israelische Teams intensiv an der Formulierung einer auch für die Türken akzeptablen Entschuldigungsformel gearbeitet hätten. Einmal sei man einer Einigung sehr nahe gewesen, als Ankara einer Formel nicht abgeneigt war, gemäss welcher Israel sich für «Unregelmässigkeiten» entschuldigt hätte, falls solche sich auf dem Deck der «Mavi Marmara» tatsächlich zugetragen hätten. Die Politiker in Jerusalem hätten aber auch diese Minimalformel abgelehnt.

«Simplifizierender Quatsch»

Dass Erdogan, wie es auf Israels Strassen jetzt oft zu hören ist, ein «verlorener Fall» sei oder dass er «Israel hasst», bezeichnen Experten wie Alon Liel schlichtweg als «simplifizierenden Quatsch». Die Leute, die zuerst mit dem Bauch und dann erst vielleicht mit dem Kopf reagieren, haben in den letzten Jahrzehnten einfach ignoriert, dass die Türkei seit jeher einen direkten Konnex herstellt zwischen dem israelisch-palästinensischen Konflikt und den bilateralen Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem. Zur jetzt von Ankara eingeschlagenen Linie trage auch die seit zweieinhalb Jahren festzustellende Stagnation zwischen Israel und den Palästinensern bei.
Szenen der letzten Tage wie die unverhältnismässige Belästigung israelischer Passagiere durch Pass- und Zollbeamte auf dem Flughafen von Istanbul dürften sich ohne grundlegende Verbesserung des bilateralen Verhältnisses nach Alon Liels Meinung in absehbarer Zeit des Öfteren wiederholen. Israelische TV-Stationen strahlten dieser Tage immer wieder Interviews mit «Menschen wie du und ich» auf den türkischen Strassen aus, in denen im besten Fall eine Differenzierung zwischen der israelischen Regierung und der Bevölkerung des jüdischen Staates zum Ausdruck gebracht wurde, im ungünstigsten Falle aber eine durch Gesten des Halsabschneidens verdeutlichte Aversion gegen alle Juden. Wie die Stimmung in der Türkei effektiv ist, dürfte sich schon am 15. September zeigen, wenn das Fussballteam von Maccabi Tel Aviv in Istanbul gegen Bes˛iktas˛ anzutreten hat. Ungute Erinnerungen an 2009 werden wach, als der lokale Mob in Ankara das Basketballteam von Bnei Hasharon auf der Höhe der Militäraktion «Gegossenes Blei» im Gazastreifen mit Rufen wie «Tod den Juden» attackierte. Das Spiel wurde annulliert und mit einer Forfaitniederlage gegen das israelische Team (!) entschieden.