Eine Art «Mutter Teresa»

von Uriel Heilman, May 18, 2010
Seit Jahren geht der amerikanisch-jüdische Arzt Rick Hodes seiner lebensrettenden Arbeit in Äthiopien nach, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Dessen ungeachtet hat er eine loyale Gefolgschaft.
EIN JÜDISCHER ARZT IN ÄTHIOPIEN Rick Hodes im März 2005 mit einer Patientin

Angefangen bei ärztlichen Fachleuten aus den ganzen USA, die Patienten, die der Arzt Rick Hodes behandelt, unentgeltlich berät und manchmal auch gratis operiert, bis zu den Volontären, die mit ihm regelmässig die Missionen für Sterbende und Arme von Mutter Teresa in Addis Abeba besucht haben, wird Hodes seit Langem schon als Lebensretter für hoffnungslose, kranke Kinder in einem der ärmsten Länder der Welt angesehen.

Vor zweieinhalb Jahren geriet der für das American Jewish Joint Distribution Committee arbeitende Hodes ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, als ihn CNN zum Finalisten für die Sendung «CNN Hero» auswählte. Jetzt erregt Hodes erneut die Aufmerksamkeit durch einen über ihn gedrehten Film und ein Buch, das seine Tätigkeit würdigt. Davon werden wahrscheinlich einige schwer kranke Äthiopier mit Krankheiten wie Krebs, rheumatischen Herzbeschwerden oder Rückgrat-Tuberkulose profitieren. Laut Hodes haben sich bereits Spender aus Kalifornien und New Jersey gemeldet. Sie wollen Operationen für Patienten finanzieren. In einem Krankenhaus, in dem Hodes arbeitet, kostet eine Operation 13 000 Dollar pro Person, verglichen mit rund 250 000 Dollar in den USA.

Ein ungewöhnliches Leben

Hodes lässt sich durch diesen Rummel aber den Kopf nicht verdrehen. So hat er noch nicht einmal seine eigene, im April publizierte Biografie «This Is a Soul: The Mission of Rick Hodes» (Harper Collins, 2010) von Marilyn Berger gelesen. Das Buch zeichnet die Arbeit und den Lebensweg des Arztes bis zu seiner jetzigen Station auf: Ein assimilierter Jude aus Long Island, der zum Arzt in Äthiopien und zu einem orthodoxen Juden wurde. In Addis Abeba adoptierte er eine Reihe äthiopischer Kinder, die krank und vernachlässigt waren. Er machte sie gesund und schenkte ihnen auf diese Weise ein neues Leben – etwas, wovon man in Äthiopien in der Regel nur träumen kann. Der 25-minütige Dokumentarfilm «Making the Crooked Straight» von Susan Cohn Rockefeller, der am 14. April seine Erstaufführung erlebte – die Kommentare stammen alle von Hodes selber –, erlaubt einen Einblick in dieses mehr als ungewöhnliche Leben. Eine Szene etwa zeigt eine typische Schabbatmahlzeit im Haus des Arztes: Alle, angefangen beim einbeinigen muslimischen Krebspatienten, der Hodes «Dad» nennt, bis zu den christlich orthodoxen Söhnen, die er formell adoptiert hat, halten sich an der Hand, singen «If I had a Hammer» und sprechen über das, wofür sie für die vergangene Woche dankbar sein wollen. Dann schiebt Hodes seine Brille zurück, hält ein Gebetbuch dicht vor die Augen und rezitiert den Kiddusch – übrigens die einzige religiöse «Pflichtübung» im ökumenischen Haushalt des Arztes.

Leben retten

Der Haushalt des jüdischen Amerikaners lässt sich nur schwer beschreiben: Abgesehen von Mohamed, dessen Chemotherapie für Knochenkrebs nach einer Beinamputation auf der zu Hodes’ Haus führenden Treppe begann, ist da noch Mesfin, ein ausgesetztes Waisenkind, das Probleme mit seinen Wachstumshormonen hat. Bayelign, einer früherer Kindersoldat, der mit 13 Jahren zu einem «professionellen Killer» wurde, ist heute ein ausgebildeter Krankenpfleger und wie ein älterer Bruder für die anderen Kinder im Haus. Bewoket, den Hodes in einem überfüllten äthiopischen Spitalzimmer kennenlernte – der Junge hatte damals schwere Atembeschwerden –, hatte ein Herz, das doppelt so gross wie üblich war. Seine Lebenserwartung lag bei zwei Monaten. Heute ist Bewoket ein gesunder junger Mann. Sein Bruder Adissu, einst ein Analphabet aus einem Dorf auf dem Land, besucht heute die zwölfte Schulklasse in einem Internat in Ohio. In den drei Heimen des Arztes in Addis Abeba leben heute über 20 Menschen. Hodes hat fünf Kinder formell adoptiert, die gesetzliche Maximallimite in Äthiopien.

Bemerkenswerter Einsatz

Hunderte weiterer Äthiopier verdanken Hodes ihr Leben. Den Grossteil seiner knappen Freizeit verbringt der Arzt damit, per E-Mail Fotografien und Daten seiner Patienten an Kollegen in der ganzen Welt zu schicken, in der Hoffnung, den richtigen Spezialisten, die angebrachte Behandlung und natürlich auch die nötige Finanzierung zu finden. Hodes führt auch die Kliniken des JDC in Gondar für Tausende von potenziellen Immigranten, die nach Israel gelangen möchten. Zudem hat er ein Projekt begonnen, in dessen Rahmen in ländlichen Gegenden von Äthiopien Schulen gebaut und Brunnen gegraben werden.

Rick Hodes betrachtet das Buch und den Film vor allem als zwei weitere Wege, die seinen Patienten Hilfe vermitteln können. «Jedes Jahr», so betont er, «kommen zu uns in Addis Abeba 300 Patienten mit der Hodgkins-Krankheit. Dank dem Medikament ABVD können wir 80 Prozent der Fälle heilen, vorausgesetzt, wir haben das nötige Geld.» Einen Patienten aus irgendeinem Grund zurückzuweisen, ist für Rick Hodes keine praktikable Lösung.