Eine apolitische Solidaritätsaktion
Bis vor wenigen Monaten war die Strasse 443 äusserst beliebt. Nicht nur hatten verschiedene Regierungen sie in den letzten Jahren stark ausgebaut, verbessert, und palästinensische Dörfer auf dem Weg durch Umfahrungen rechts oder links liegen gelassen. Hinzu kommen die landschaftlichen Reize der Route sowie die Tatsache, dass sie vor allem Bewohnern Nord-Jerusalems die Durchquerung des ständig verstopften Nadelöhrs der Strasse Nummer 1 beim Eingang nach Jerusalem ersparte und erst noch 12-15 km kürzer als der «normale» Weg war.
Schlagartig verändert
Der Ausbruch und die Eskalation der el Aksa-Intifada haben die Situation auf der Strasse 443 schlagartig verändert. Zuerst kam es zu vereinzelten Zwischenfällen, in denen Palästinenser israelische Autos mit Steinen und anderen Wurfgeschossen bewarfen. Dann aber griffen sie zu Feuerwaffen und begannen, vorbeifahrende Israelis unter Beschuss zu nehmen. Im Laufe der Wochen starben drei Passanten; weitere wurden verletzt. Die einst viel befahrene Strasse wurde zum Geisterweg. Heute nehmen die meisten Privat- und Taxifahrer den 20-30 Minuten längeren Umweg über die Strasse Nummer 1 in Kauf, und auch die Autobusse der Egged verkehren nur noch tagsüber, und auch dann nur, wenn die Lage nicht gefährlich ist. Das hat zum einen das Verkehrsaufkommen auf der ohnehin schon chronisch überlasteten Hauptstrasse noch erhöht. Zum anderen aber hat die Intifada dazu geführt, dass viele Bewohner von Siedlungen entlang der Strasse oft tagelang in ihren Ortschaften gefangen sind. Einladungen zu Barmizwa-Feiern oder Hochzeiten jenseits der «grünen Linie» werden nicht selten mit Bedauern und unter Hinweis auf die Situation zurückgewiesen, und Besuche in Theatern, Museen oder Kinos in der nächsten Grossstadt gehören für diese Menschen ebenso zu Ausnahmeerscheinungen wie ein Einkaufsbummel im Jerusalemer Shoppingzentrum von Malcha.
Lernbehinderte am schlimmsten betroffen
Besonders schlimm ist die Situation aber für Kinder und Jugendliche, die mitunter tagelang Schulen, Bibliotheken und Universitäten nicht besuchen können. Abgesehen von den schulischen Versäumnissen schlägt dieser Zustand den Kindern aufs Gemüt, fördert klaustrophobische und depressive Erscheinungen. Noch mehr als die «normalen» Kinder leiden Jugendliche mit Lernproblemen unter der monatelangen Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Für diese, Sonderschulen besuchenden Buben und Mädchen, gehört die Reise nach Jerusalem zur dringend notwendigen Erweiterung des Horizontes. Sie ist zugleich Therapie und Erlebnis. Viele dieser Jugendlichen besuchen seit Wochen ihre Schulen nicht mehr. Die Fahrt mit dem gewöhnlichen Auto ist zu gefährlich, der gepanzerte Autobus (Kosten pro Fahrzeug: 1 Million Shekel!) kommt kaum in die Siedlungen, und ein kugelsicherer Chevy-Minibus kostet 330 000 Shekel (ca. 135 000 Franken) - für die Eltern dieser Kinder ein nicht realisierbarer Traum.
Apolitische Solidarität
Im Jerusalemer Wohnviertel Ramot hat sich eine Gruppe von Männern und Frauen aus allen politischen Lagern im Bestreben zusammengetan, den in den erwähnten Siedlungen wohnenden Sonderschul-Kindern einen Minibus zu kaufen, der ihnen den ungestörten Besuch der Schule erlaubt. Rund 140 000 Shekel konnten bereits lokal aufgebracht werden; die Restsumme wird, so hoffen die Initianten, aus den USA und Europa kommen.
Israelische und palästinensische Politiker mögen sich noch monatelang die Hälse heiser reden, Soldaten und Demonstranten mögen sich noch weiss Gott wie lange in den Haaren liegen - aber Kinder, die ungewollt in eine Situation hineingeboren worden sind, sollen nach Möglichkeit nicht unter Vorstellungen und Beschlüssen leiden müssen, die sie nicht selber mitgeformt haben. Helfen Sie mit, diesen Kindern den regelmässigen Besuch ihrer Schule auch in schwierigen Zeiten zu ermöglichen.
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Aktion «Chevy-Minibus»
Die JR unterstützt den humanitären Aufruf der apolitischen Aktionsgruppe Ramot-Jerusalem. Für Kinder aus Siedlungen in der Umgebung der israelischen Hauptstadt, die eine Sonderschule in Jerusalem besuchen müssen, die seit Ausbruch der Intifada lebensgefährlich gewordene Fahrt aber kaum noch unternehmen können, soll ein kugelsicherer Chevy-Minibus gekauft werden. Zur Erreichung des Zieles fehlen noch fast 80 000 Franken.
Für Ihre grosszügige Überweisung auf das JR-Sonderkonto bei der Credit Suisse Nr. 0083-635065-01-1 (Stichwort: «Kindern lernen helfen») dankt Ihnen die JR im Namen der lernbehinderten Kinder schon zum Voraus herzlich.