Eine ambivalente Geschichte

June 4, 2009
Amsterdam hebt den Philosophen Baruch Spinoza als leuchtendes Beispiel für die tolerante und multikulturelle Tradition der Stadt hervor. Aber einst lebte Spinoza in ständiger Furcht vor staatlichen und religiösen Autoritäten.
AMSTERDAM HEUTE Warum Spinoza die Stadt Ende der 1650er Jahre verliess, liegt im Dunkeln

In den letzten Jahren hat die Stadt Amsterdam keinen Aufwand gescheut, ihre besondere Beziehung zum grössten Philosophen der Niederlande zu feiern: Zum 375. Geburtstag von Baruch oder Benedictus de Spinoza (1632–1677) hielt Bürgermeister Job Cohen im November 2007 eine Rede vor 500 Verehrern des Philosophen in der Moses- und Aaron-Kirche an der Waterlooplein. Im vergangenen Jahr wurde Spinoza gemeinsam mit Anne Frank und Annie M. G. Schmidt in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten gestellt, mit denen die UNESCO Amsterdam als globale Bibliopolis oder «Weltbuchstadt» einführte. Dazu wurden eine grosse Konferenz über Spinoza in der ausverkauften Westerkerk und eine prachtvolle Ausstellung in der berühmten Bibliotheca Philosophica Hermetica veranstaltet. Obendrein enthüllte die Stadt eine grosse Statue des Philosophen an der Waterlooplein, nahe der Stelle, an der Spinoza im Jahr 1632 zur Welt kam.
Für Amsterdam lag es nahe, den Philosophen so zu würdigen. Zum einen erleben vor allem die Niederlande in den letzten Jahren ein erstaunlich starkes, neues Interesse am Leben und Werk Spinozas. Die 1897 gegründete holländische Spinoza-Gesellschaft (Vereniging Het Spinozahuis) ist heute die grösste philosophische Vereinigung des Landes, und neue Bücher über Spinoza wie die von Steven Nadler und Jonathan Israel finden starkes Interesse. Vor allem Israels «Radical Enlightenment» (2001) war ein ausserordentlich einflussreiches Buch und hat ein breites Publikum jenseits des feingeistigen Zirkels der Spezialisten für das 17. und 18. Jahrhundert erreicht.
Die derzeitige Begeisterung in Holland für das Vermächtnis eines derart schwierigen Philosophen wie Spinoza lässt sich vermutlich nur im Rahmen der atemberaubenden Entwicklung verstehen, in deren Rahmen sich die niederländische Gesellschaft von ihrer protestantischen (und im Süden ihrer katholischen) Vergangenheit verabschiedet hat. Die Nation hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte durchgreifend säkularisiert. Dies gilt vor allem für Amsterdam, das zu einer der tolerantesten Metropolen der Welt wurde. Einer derartigen post-konfessionellen Gesellschaft lag es nahe, einen im Wesentlichen säkularen Philosophen wie den von portugiesischen Juden abstammenden Spinoza in eine Ikone freizügiger Toleranz zu verwandeln. Überdies demonstrierten die hoch entwickelten, metaphysischen Überlegungen Spinozas zu Gott als Natur und dem Menschen als integralem Teil der Natur, dass «Atheismus» nicht unbedingt oberflächlich sein muss und dass die Möglichkeit besteht, einer profund moralischen Philosophie anzuhängen, ohne sich auf eine Religion einzulassen.
Nach «9/11» und den spektakulären Mordtaten am Politiker Pim Fortuyn
und am Filmregisseur und Kolumnisten Theo van Gogh in den Jahren 2002 und 2004 zitierten etliche holländische Meinungsmacher Spinoza plötzlich als Kritiker der Religion und als Befürworter einer strikten Trennung von Staat und Kirche. Dieses neue intellektuelle Interesse an Spinoza ging ganz offensichtlich auf
Bedenken wenn nicht sogar auf Ängste angesichts der zunehmenden Präsenz
des Islam in Europa zurück. Ayaan Hirsi Ali hat Israels «Radical Enlightenment» gründlich studiert und arbeitet derzeit mit «A Shortcut to Enlightenment» an einem neuen Buch, in dem sie auch auf Spinoza eingeht. Aber auch die Befürworter des «Multikulturalismus» berufen sich auf Spinoza, den sie als Anwalt der Toleranz verstehen.

Ein Leben im Schatten

Im 17. Jahrhundert war es dagegen fast überhaupt nicht möglich, die Philosophie Spinozas und deren politische Konsequenzen zu diskutieren. Die meisten seiner Zeitgenossen betrachteten sowohl seinen «Tractatus theologico-politicus» (1670), als auch seine «Ethik» (1677) schlicht als atheistisch und fatalistisch. An seinem Lebensende war Spinoza gezwungen, ein Leben im Schatten zu führen: Sein Werk «Ethik» konnte nur posthum erscheinen. Ohnehin hatte die im Allgemeinen «tolerante» Politik der Vereinigten Niederlande es zwar den jüdischen Eltern Spinozas erlaubt, sich in Amsterdam niederzulassen. Aber die Republik konnte den jungen Philosophen 1656 nicht vor seinem Ausschluss aus der portugiesischen Gemeinde bewahren. Die Trennung von Staat und Kirche sowie die Abwesenheit einer wirklichen Staatskirche der Vereinigten Niederlande liessen eine erstaunliche Vielfalt von Religionen entstehen und erlaubten es Verlegern und Buchhändlern, Ideen vorzustellen und zu diskutieren, die im übrigen Europa verboten waren. Diese offizielle Gleichgültigkeit der weltlichen Autoritäten den Überzeugungen ihrer Subjekte gegenüber erlaubte das Entstehen weitgehend autonomer Religionsgemeinschaften, die willens und fähig waren, ihre eigenen Mitglieder zu disziplinieren. Allerdings kam den Synoden der niederländisch-reformierten Kirche eine besondere Macht zu, da ihr die Mehrheit der Bevölkerung etwa in Amsterdam angehörte.
Bedauerlicherweise wissen wir immer noch viel zu wenig über die Motive der Parnassim (Gemeindevorsteher), Spinoza auszuschliessen. Auch über die Beweggründe Spinozas, Amsterdam Ende der 1650er Jahre zu verlassen, sind wir noch weitgehend im Dunkeln. Er zog zunächst in das Dorf Rijnsburg bei Leiden, ehe er sich in Voorburg und Den Haag niederliess, wo er 1677 verstarb. Seine letzten Lebensjahre fielen in eine Zeit dramatischer Ereignisse. Die Niederlande erlebten im 17. Jahrhundert ihr «goldenes Zeitalter» wirtschaftlicher Prosperität, aber im «Katastrophenjahr 1672» erklärten England, Frankreich, Köln und Münster der Republik den Krieg und marschierten mit starken Streitkräften im Lande ein. Dazu kamen innenpolitische Umwälzungen.
Wir wissen allerdings, dass Spinoza die Erinnerung an sein Leben in Amsterdam, der mit Abstand grössten und mächtigsten Stadt der Vereinigten Niederlande, zeitlebens teuer war. 1663 publizierte Spinoza mit einer Einführung in die Philosophie seines grossen Vorgängers René Descartes (1596–1650) sein Debut. Die Autorenangabe auf der Titelseite lautete: «B. de Spinoza, Amste-lodamensis». Etliche Jahre nach seiner Abreise aus der Stadt empfand er sich immer noch als «Amsterdammer». Weitere sieben Jahre später schrieb er in leidenschaftlichen Tönen über Amsterdam, «… das die Früchte dieser Freiheit geniesst und daraus einen beträchtlichen Wohlstand und die Bewunderung der Welt gewinnt. In diesem blühenden Zustand, dieser Stadt höchsten Ansehens, leben Menschen jeder Rasse und Sekte in vollständiger Harmonie. Und ehe sie einer Person ihr Eigentum anvertrauen, wollen sie über diese nichts weiter wissen, als ob sie reich oder arm ist und ehrlich oder unehrlich in ihren Geschäften gewesen ist. Was nun Religion oder Sekte angeht, so ist dies nicht von Belang, da derartige Fragen als irrelevant vor einem Gericht betrachtet werden.»

Der Kreis um Spinoza

Man kann sich nur wundern, wie ernst es Spinoza mit diesen Lobeshymnen auf Amsterdam war, denn 1668 hatte sich in Amsterdam ein entsetzlicher Fall von Zensur an einem Philosophen ereignet. Damals wurde Spinozas Freund Adriaan Koerbagh in den Kerker geworfen, wo er kurz darauf starb. Adriaan und sein jüngerer Bruder Johannes waren in Amsterdam aufgewachsen, ehe sie in Utrecht und Leiden studierten. Sie schlossen sich in den 1660er Jahren einer Gruppe von Freidenkern an, die als Spinozas «Kreis» bekannt wurde. Die Brüder Koerbagh waren besonders eng mit Abraham van Berkel befreundet, der Hobbes’ «Leviathan» übersetzt hatte. Adriaan hatte 1664 ein juristisches Wörterbuch und ein politisches Pamphlet veröffentlicht. 1668 folgte sein berühmt-berüchtigtes Werk «Bloemhof» (Blumenbeet). Damals wurden Adriaan und Johannes bereits wegen ihrer unordentlichen Lebensführung und ihrer «heretischen» Ansichten vom Amsterdamer Kirchenrat beobachtet.
Kurz darauf begannen die Autoritäten eine ernst gemeinte Untersuchung der Brüder Koerbagh. Der Anwalt und Arzt Adriaan wurde zunächst ignoriert, aber als protestantischer Theologe und angehender Pfarrer wurde Johannes wiederholt peinlich verhört. Als im Januar 1668 sein «Bloemhof» erschien, ein mit rebellischen und häufig sehr lustigen Erklärungen philosophischer und theologischer Begriffe und Konzepte geschriebenes Werk, alarmierte der Kirchenrat die Bürgermeister von Amsterdam. Diese liessen sämtliche Exemplare des Werkes in den Buchläden der Stadt beschlagnahmen. Adriaan floh. Doch im April erfuhren die Amsterdamer Behörden, dass er von einem Versteck aus die Publikation einer Fortsetzung von «Bloemhof» vorbereitete. Diese sollte den Titel «Een Ligt schijnende in duystere plaatsen» (Licht an düsteren Orten) tragen. Johannes war bereits wie beider Komplize Abraham van Berkel verhaftet worden.
Als der Amsterdamer Kirchenrat einen Vorabdruck des ersten Teils von «Een Ligt» beschlagnahmte, ergriff den Drucker Koerbaghs in Utrecht die Panik und er händigte sämtliche Exemplare aus. Diese wurden zusammen mit dem gesamten Manuskript nach Amsterdam geschickt. So konnte die Publikation des gesamten Werkes erfolgreich verhindert werden. Auch die Jagd auf Adriaan Koerbagh erreichte nun ihren Höhepunkt: Mit Perücke und einem falschen Bart hatte er sich in Leiden versteckt. Doch dort wurde er bald verraten und Amsterdamer Magistraten übergeben, die ihn zurück in die Stadt brachten. Adriaan nahm jede Verantwortung auf sich. Johannes und Van Berkel blieben zunächst ungeschoren. Sehr mutig, bestritt Adriaan überdies jede Beteiligung seines Freundes Spinoza an «Een Ligt» und erklärte sich allein verantwortlich für den Inhalt des Buches. Am 27. Juli 1668 wurde er auf Grundlage der Resolution gegen die Verbreitung «sozinianischer» Ansichten (eine im 16. und 17. Jahrhundert populäre Spielart der antitrinitarischen oder unitarischen Strömung der Reformation, die als Vorläufer der Aufklärung gilt) zu einer Geldstrafe von 4000 Gulden sowie zur Übernahme von Gerichtskosten von 2000 Gulden und einer zehnjährigen Haft im Amsterdam Rasp-huis verurteilt, der eine zehnjährige Verbannung aus Holland folgen sollte. Doch von den schweren Haftbedingungen gebrochen, starb Adriaan innerhalb weniger Monate im Gefängnis. Sein jüngerer Bruder folgte ihm drei Jahre später.
Spinozas Lob für die Freiheit in Amsterdam und den Niederlanden erscheint auch angesichts des Schicksals als fragwürdig, das seinen «Tractatus» ereilte. Im Jahr 1673 belegten die Vereinigten Niederlande sowohl Spinozas «Tractatus theologico-politicus», als auch das Werk «Philosophia S. Scripturae Interpres» seines engen Freundes Lodewijk Meyers mit einem Verbot. Die kirchlichen Autoritäten hatten beide Bücher in den schärfsten Tönen verdammt und beide Texte waren Zielscheibe zahlreicher Polemiken. Der holländische Gerichtshof bestätigte das Verbot 1674 und die «Bibliotheca Fratrum Polonorum» (eine Auswahl sozinianischer Texte) sowie Abraham van Berkels Übersetzung von Hobbes «Leviathan» wurden auf die Liste der verbotenen Bücher gesetzt. Nur vier Jahre später wurden auch Spinozas «Opera Posthuma» mit dem Bann belegt.

Verbotene Schriften

Der reformierte Kirchenrat von Utrecht hatte den «Tractatus» bereits im April 1670 auf seine Agenda gesetzt und binnen Wochen folgten die Räte von Amsterdam und Haarlem. Im Juli des gleichen Jahres nannte die Synode von Nordholland den «Tractatus» das blasphemischste Buch, das je geschrieben worden sei. Kurz darauf schloss sich die Synode von Südholland den Verbotsanstrengungen an und im April 1671 nahm das Gericht von Holland offiziell von den Beschwerden gegen den «Tractatus», den «Leviathan», die «Bibliotheca Fratrum Polonorum» und die «Philosophia S. Scripturae Interpres» Kenntnis. Aber Spinozas «eminent verleumderische» Abhandlung wurde eindeutig als der schlimmste dieser Texte betrachtet. Die Synode von Nordholland betrieb das Verbot energisch weiter, und als Ende 1673 neue Ausgaben des «Tractatus» mit falschen Titelseiten in Umlauf kamen, informierte der Leidener Kirchenrat die staatlichen Behörden von Holland unverzüglich. Diese hatten zu jener Zeit bereits eine Resolution erlassen, die dann auch prompt vom Gericht von Holland bestätigt wurde. Darin nahm das Gericht ausdrücklich Bezug auf seine 1653 veranlassten Massnahmen gegen die Verbreitung der sozinianischen Irrlehre und erklärte, dass die vier nun offiziell verbotenen Titel den Namen Gottes und seiner Attribute beleidigten. Dazu gehörten sowohl die essenzielle Dreieinigkeit als auch die Göttlichkeit und die Erfüllung seines Sohnes. Das Gericht erklärte überdies, der «Tractatus» untergrabe die Autorität der Heiligen Schrift. 1675 rief der Kirchenrat der reformierten Gemeinde in Den Haag seine Mitglieder zur Wachsamkeit auf, falls Spinoza es wagen sollte, weitere Bücher zu veröffentlichen. Und sobald die «Opera Posthuma» erschienen war, wurde das Gericht von Holland erneut auf den Druck der Gemeinden von Leiden, Den Haag und Utrecht aktiv. Am 25. Juni verhängten auch die Vereinigten Niederlande ein Verbot über Spinozas «Opera Posthuma».  Das Schicksal der Brüder Koerbagh und die Bannung der eigenen Bücher Spinozas sind als aussergewöhnliche Ereignisse interpretiert worden, die in keinster Weise repräsentativ für die ansonsten tolerante Geschichte der Vereinigten Niederlande sein sollen. Aber binnen Jahrzehnten fand in Amsterdam ein sehr ähnlicher Prozess statt, nachdem sich der zweite Teil des «Philopater» des überzeugten «Spinozisten» Johannes Duijkerius über sämtliche Richtungen der Reformation lustig gemacht hatte. Dank der fehlenden, starken Zentralregierung mag in den Vereinigten Niederlanden ein vielfältiges religiöses Leben geblüht haben. Aber damit ging eine rechtliche Impotenz einher, die lokalen Anstrengungen gegen radikale Philosophie und deren Einfluss auf die Reformation Vorschub leistete. Auch wenn die niederländische Zensur nur sporadisch zugeschlagen haben mag, so kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass die Philosophen des 17. Jahrhunderts gut beraten waren, sich in Vorsicht zu üben. Aus der frühen Korrespondenz Spinozas ist seine Furcht, von der Öffentlichkeit missverstanden zu werden, sehr deutlich abzulesen. Als er 1671 von den Plänen hörte, den «Tractatus» in holländischer Übersetzung zu publizieren, sorgte er dafür, dass diese beerdigt wurden. Spinoza befürchtete, dass eine holländische Version nur zur Bannung des Textes führen würde. So muss ihn die Tatsache sehr geschmerzt haben, dass das Buch dann doch verboten wurde. Wer heute die Werbetrommel für die Freiheiten rührt, die Spinoza angeblich an Amsterdam gerühmt hat, sollte sich an diese historischen Tatsachen erinnern.    ●

Wiep van Bunge, geboren 1960, ist Professor für Philosophiegeschichte und Dekan der philosophischen Fakultät an der Erasmus-Universität Rotterdam. Er ist zudem Vorsitzender der Vereniging Het Spinozahuis.