Einblicke in jüdisches Leben
Argentinien und Judentum: da denkt man vor allem an ein Exil für Juden nach 1933 und an einen Fluchtpunkt für Nazis nach 1945, man besinnt sich auf Adolf Eichmanns spektakuläre «Überführung» 1960 nach Israel und den verheerenden Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum Asociación Mutual Israelita Argentina (AIMA) in Buenos Aires 1984. Wer aber hat schon von Moisesville gehört, dem 1889 gegründeten Stetl? Und wer weiss schon, dass in Argentinien derzeit die grösste spanischsprachige beziehungsweise sechstgrösste jüdische Diaspora-Gemeinschaft der Welt lebt? Daher bemüht man sich allenthalben hervorzuheben, dass «die argentinischen Juden heute – 200 Jahre nach der Staatsbildung – ein untrennbarer Bestandteil der pluralistischen und demokratischen Gesellschaft Argentiniens sind». So heisst es offiziell.
Namhafte jüdische Autoren
Im Museum Judengasse, der Dependance des Jüdischen Museums Frankfurt am Börneplatz wurde am Vorabend der Buchmesse die bemerkenswerte Ausstellung «Juden in Argentinien – Porträts zum zweihundertjährigen Jubiläum» eröffnet. Sie läuft bis zum 9. Januar 2011. Thematisiert werden Einwanderung, Tango, Integration, neuer Exodus, Erinnerungskultur und Militärdiktatur. Dazu steuerte der Mandelbaum-Verlag aus Wien die Präsentation zweier Bücher bei. Der Sammel- und Bildband «Verlorene Nachbarschaft. Jüdische Emigration von der Donau an den Rio de la Plata», herausgegeben von Alexander und Barbara Litsauer, dokumentiert das Ergebnis eines Projekts von 2008. Damals war es anlässlich des 70. Jahrestags der Reichspogromnacht durch eine Wiener Initiative zu einer zweiwöchigen Gedenkveranstaltung in Buenos Aires gekommen. Versammelt sind Texte namhafter österreichischer und argentinischer Autoren wie Erich Hackl, Doron Rabinovici und Robert Schindel einerseits und Alfredo Schwarcz und Alfredo Bauer andererseits. Schon die Namen der beiden letztgenannten spiegeln den Versuch der Integration wieder, ohne die jüdischen Wurzeln in Europa zu vergessen. Porträts von in Argentinien lebenden Ex(il)-Österreichern sind zu lesen, Aufsätze über deren Flucht, die schwierige Existenzgründung und über das Leben in Argentinien heute.
Nach Frankfurt wurde auch die argentinische Autorin Eva Eisenstädt eingeladen. Sie zeichnet in ihrem Buch «Zweimal Überleben. Von Auschwitz zu den Müttern der Plaza de Mayo. Die Geschichte der Sara Rus» (ebenfalls Mandelbaum-Verlag) den Lebens- und Leidensweg einer polnischen Jüdin auf. Mit zwölf war sie ins Ghetto Lodz geraten, von dort nach Auschwitz deportiert und in Mauthausen befreit worden. Rus’ Hoffnung, im fernen Argentinien eine gute neue Heimstatt gefunden zu haben, fern von Unterdrückung, Folter, Mord, machte die Militärdiktatur zunichte: 1977 verschwand ihr Sohn Daniel. Mit den Müttern der Plaza de Mayo begann sie ihren Kampf für die Aufklärung der Schicksale von rund 30 000 Verschwundenen und Ermordeten.
Krimis auf Erfolgskurs
Kriminalromane haben im Klima Argentiniens besondere Konjunktur. Es sind meist mehr oder weniger geglückte Versuche, die sieben Jahre der Militärdiktatur vom Putsch am 24. März 1976 bis zum Beginn der Redemokratisierung im Herbst 1983 zu thematisieren. Eine zaghafte juristische Untersuchung der Verbrechen endete 1986/87 erst einmal mit einem sogenannten Schlusspunktgesetz. Später folgten weitere Amnestiegesetze. Opferangehörige, Menschenrechtsgruppen, transnationale Strafverfolgung von Menschenrechtsverletzungen und damit einhergehender internationaler Druck führten schliesslich 2005 zur Aufhebung der Amnestiegesetze in Argentinien. Der Roman «Der Tote von der Plaza Once» von Ernesto Mallo (Aufbau-Verlag) versucht einen Rundumschlag. Barrio Once war und ist das jüdische Viertel in Buenos Aires. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte dort die Hälfte der damals in Argentinien ansässigen 50 000 Juden. Übrigens ist auch AMIA seit jeher in diesem Viertel angesiedelt. In dem Krimi geht es jedenfalls um den Mord an einem Juden, die Verschleppung Missliebiger, die Zwangsadoption der Kinder von Verschleppten, die Kollaboration der Kirche mit der Junta, die Verstrickung der Justiz in alle diese dunklen Machenschaften.
Drang zur Aufarbeitung
Das Bonmot, es gebe drei Arten von Ländern: Industrieländer, Entwicklungsländer und Argentinien, gilt schon lange nicht mehr. War Argentinien 1910 achtreichstes Land der Welt, so belegt es 2010 mit seinen 41 Millionen Einwohnern nurmehr Platz 57. Michi Strausfeld, die wohl beste Kennerin lateinamerikanischer Literatur im deutschsprachigen Raum und Herausgeberin der Sammlung «Schiffe aus Feuer – 36 Geschichten aus Lateinamerika» (S. Fischer Verlag), hält den magischen Realismus, der die Generation von Jorge Luis Borges und Gabriel García Márquez auszeichnete, für abgelöst: «Der Drang zur Aufarbeitung ist in Argentinien besonders stark», erklärte sie in einem Interview, «die Kinder der Verschwundenen erheben die Stimmen.» Argentinien ist mehr als ein Tango und nicht bloss mit Namen wie Evita Perón, Che Guevara, und Diego Maradona zu assoziieren, wie die gegenwärtige Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, die natürlich nach Frankfurt kam, glaubt.
Grössere Erleuchtung versprechen da der 1923 in Fürth geborene und seit 1937 in Buenos Aires beheimatete Roberto Schopflocher sowie der ebendort 1966 geborene Marcelo Birmajer. Von Schopflocher zum Thema besonders lesenswert: «Fernes Beben. Erzählungen aus Argentinien» (Suhrkamp-Verlag) und «Weit von wo. Mein Leben zwischen drei Welten» (Langen-Müller-Verlag). Birmajer publizierte zuletzt in Deutsch «Das argentinische Trio» (Verlag C.H. Beck). Eine Rarität von 1910 legt aktuell Hentrich & Hentrich auf, den argentinisch-jüdischen Klassiker «Jüdische Gauchos», herausgegeben von dem argentinischen Publizisten Alberto Gerchunoff (1883–1950) und von Liliana Ruth Feierstein, die zur Buchmesse anreiste. Dieser Text gilt sozusagen als «Gründungstext» der jüdisch-lateinamerikanischen Literatur und handelt von Immigranten, die von Pogromen vertrieben in Argentiniens Pampa ein neues Leben anfingen – nicht ahnend, dass 1919 dort ein Pogrom geschehen würde.
Aussenseiter und Sündenböcke
2001 steckte Argentinien in einer dramatischen Finanzkrise, die wieder einmal zu heftigen Anfeindungen gegen die jüdische Bevölkerung führte. Ariel Magnus lebt in seinem Roman «Ein Chinese auf dem Fahrrad» (Verlag Kiepenheuer & Witsch) eine verdrehte antisemitische Fantasie aus, in der die argentinischen Juden die argentinischen Chinesen einer Weltverschwörung bezichtigen. In einem Land der Einwanderer – zu den grössten ethnischen Minderheiten gehören neben den lateinamerikanischen Immigranten Italiener, Chinesen und Juden – wurden die jüdischen Mitbürger als Aussenseiter und Sündenböcke definiert. Die Auswanderung nach Israel war für einen Teil die einzige Option. Zwei, die Argentinien auf sehr unterschiedliche Weise den Rücken kehrten: die Schriftstellerin und Dichterin Alejandra Pizarnik (1936–1972) – ihr Werk erschien im leider aufgegebenen Amman-Verlag – ruht auf dem jüdischen Friedhof von La Tablada. Der Lektor und Autor Alberto Manguel, Jahrgang 1948, lebt inzwischen hauptsächlich in Paris.
Einer der bemerkenswertesten Romane über den «schmutzigen Krieg», den die Militärjunta gegen die eigenen Bürger führte, stammt übrigens von dem New Yorker Schriftsteller Nathan Englander. 2008 erschien bei Luchterhand sein Roman «Das Ministerium für besondere Fälle». Der Blick von aussen, überbordende Fantasie, jüdischer Witz und sichere Stilistik kommen argentinischer Realität und jüdischer Spurensuche nahe wie kaum etwas.