Ein weitsichtiger Kurzsichtiger

von Walter Labhart, October 9, 2008
Er hatte mit seinen Augen grosse Probleme, hatte sie aber offener für alles Neue als seine Berufskollegen&#059; er schrieb Bücher, schrieb aber vor allem wie kein Zweiter europäische Kunstgeschichte: Herwarth Walden (1878-1941) ist auf das Engste mit der Entwicklung der modernen Kunst verbunden, für die er sich als Kritiker und Galerist, als Herausgeber der Zeitschrift «Der Sturm» und als Sammler sowie als Organisator von Wanderausstellungen mit provozierender Radikalität einsetzte.

Bis zum 6. September zeigt in Norddeutschland die Städtische Galerie Delmenhorst (Haus Coburg) die Ausstellung «Der Sturm im Berlin der 10er Jahre», zu der ein vorbildlich dokumentiertes Katalogbuch erschien. Nachdem seit der letzten «Sturm»-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie mehr als vierzig Jahre verstrichen sind, ist es jetzt an der Zeit, an die Pioniertat jenes jüdischen Kunstvermittlers zu erinnern, der so bedeutende Künstlerpersönlichkeiten wie Alexander Archipenko, Marc Chagall, Oskar Kokoschka und Franz Marc den Weg bereitete und bis zu seiner Übersiedlung nach Russland (1932) für sie und unzählige weitere Maler und Plastiker eintrat.
Am 16. September 1878 in Berlin als Sohn eines Arztes geboren, bildete sich Georg Lewin, wie er ursprünglich hiess, nach dem Besuch des Leibniz-Gymnasiums beim Liszt-Schüler Conrad Ansorge pianistisch und kompositorisch aus, bevor er sich mit der Gründung des «Vereins für Kunst» 1904 der Förderung der zeitgenössischen Dichtkunst zuwandte. Seit 1901 mit der Lyrikerin Else Lasker-Schüler verheiratet, die ihm zum Namenswechsel riet, war er vom neuen Ton in der deutschsprachigen Dichtung dermassen fasziniert, dass er in seinem «Verein für Kunst» bald Abende mit Schriftstellern organisierte wie Peter Altenberg und Thomas Mann, Max Brod und Alfred Mombert, Alfred Döblin und Jakob Wassermann, Karl Kraus und Frank Wedekind, Adolf Loos, Rainer Maria Rilke, Paul Scheerbart, Herny van de Velde und zahlreichen weiteren.Kaum hatte er als Redaktor diverser Literatur- und Theaterzeitschriften die nötigen Erfahrungen gesammelt, als Herwarth Walden am 3. März 1910 die erste Nummer jener Zeitschrift in Berlin herausgab, die ihn berühmt machen sollte. «Der Sturm» begann als Wochenzeitschrift im Zeitungsformat und zählte in den ersten Jahrgängen Theodor Däubler, Alfred Döblin, Albert Ehrenstein, Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Mynona (Salomon Friedländer) und Oskar Kokoschka zu den ständigen Mitarbeitern. Bald kamen Joseph Adler, Rudolf Blümner und Blaise Cendrars hinzu, als herausragende Entdeckung Herwarth Waldens der Berliner Wortkünstler August Stramm, ferner Claire und Iwan Goll, Kurt Heynicke, Jakob van Hoddis, Alfred Lichtenstein, Walter Mehring, Urmuz, Paul Zech und der Dadaist Kurt Schwitters. Mit den Jahren wechselte nicht nur das Format, sondern auch die inhaltliche Ausrichtung und die Erscheinungsweise. «Der Sturm» war Monatszeitschrift mit zunehmend linksorientierten Beiträgen und schwarzweissen Reproduktionen, welche den zahlreichen Originalgrafiken der ersten Jahrgänge wichen. Unter jenen fallen etliche Meisterwerke des Expressionismus auf, in erster Linie Holzschnitte von Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc und Karl Schmidt-Rotluff, später grafische Arbeiten der den Kubismus weitertragenden Holländerin Jacoba van Heemskerck - auch sie, zusammen mit Maria Uhden und Georg Schrimpf als den Vertreter der «Neuen Sachlichkeit» – zu den grossen Entdeckungen Waldens zählend, zu Beginn der zwanziger Jahre konstruktivistische Linolschnitte von Lajos Kassak, Laszlo Moholy-Nagy und anderen ungarischen Avantgardisten.
Von der von Franz Pfemfert gleichzeitig herausgegebenen expressionistischen Zeitschrift «Die Aktion» unterschied sich der von 1910 bis 1932 erschienene «Sturm» grundsätzlich dadurch, dass er ein allen Künsten gegenüber offenes, internationales Forum war, das alle wichtigen künstlerischen Strömungen seiner Zeit in ihrem Frühstadium erkannte und mit originalen Beiträgen ihrer Träger vorstellte, um vor allem die jungen Künstler und den dichterischen Nachwuchs zu fördern. Dank dem Spürsinn Herwarth Waldens für neue Tendenzen und ausserordentliche bildnerische Qualitäten wurde «Der Sturm» zu einem unvergleichlichen Sammelpunkt, in welchem sich die zukünftigen Klassiker der Moderne, Marc Chagall, Wassily Kandinsky, Paul Klee und viele weitere mit eigenen Arbeiten vorstellen und durchsetzen konnten. Grundlegende Aufsätze wie derjenige von Robert Delaunay «Über das Licht» in der Übersetzung von Klee (1913) oder Kurt Schwerdtfegers «Reflektorisches Lichtspiel» (1924) wurden ebenso über den «Sturm» verbreitet wie die futuristischen Manifeste Marinettis, die suprematistischen Bildideen von Malewitsch oder die auf die konkrete Poesie der fünfziger Jahre vorausweisenden experimentellen Dichtungen von Otto Nebel.

Einzigartiges Forum

Als Herwarth Walden 1912 mit der Durchführung von Kunstausstellungen begann - «Der Blaue Reiter», Kokoschka und weitere Expressionisten bildeten den Auftakt -, der Zeitschrift ausserdem einen gleichnamigen Kunstbuchverlag, eine Sprechbühne und eine Buchhandlung folgen liess und schliesslich die von ihm vertretenen oder zumindest geförderten Künstler auf Wanderausstellungen in ganz Europa und sogar in Tokio präsentierte, glich «Der Sturm» einem weit über den deutschen Sprachraum ausstrahlenden «Gesamtkunstwerk», hinter dem ein einziger Initiant und Verantwortlicher stand, das geniale Eigenschaften aufweisende Multitalent Georg Lewin alias Herwarth Walden. Als unermüdlicher Förderer der neuen Kunst war er damals in bester Gesellschaft mit jüdischen Kollegen wie Daniel-Henry Kahnweiler, der sich um Picasso und die Pariser Kubisten verdient machte, der für die Fauvisten eingetretenen Galeristin Berthe Weill, dem Modigliani- und Soutine-Entdecker Léopold Zborowski, der um Matisse bemühten Galerie Bernheim-Jeune oder mit Paul Cassirer und Albert Flechtheim in Deutschland. Unter den jüdischen Künstlern, denen Walden mit Ausstellungen oder Reproduktionen im «Sturm» eine Lanze brach, figurieren nebst Archipenko, Chagall und Moholy-Nagy nicht nur Henryk Berlewi, Sonja Delaunay-Terk, Otto Freundlich, Ludwig Meidner und Hugo Scheiber, sondern auch der Amerikaner Albert Bloch, Marcelle Cahn, Alexandra Exter, der Schwede Isaac Grünewald, der Prager Otto Gutfreund, Richard Janthur, der Pole Louis Marcoussis (Markus), der Rumäne Jules Pascin, Man Ray, Arthur Segal, der nach Palästina ausgewanderte Jacob Steinhardt, Stanislaus Stückgold und die Russen David Sterenberg und Ossip Zadkine. Um Internationalität bemühte sich Herwarth Walden auch in der Wahl wichtiger Architekten, indem er nebst Ludwig Hilbersheimer und Erich Mendelsohn osteuropäische Baukünstler zu Worte kommen liess und seinem Freund Wsewolod Meyerhold, einem der einflussreichsten Theaterrevolutionäre nicht nur Russlands, breiten Raum zur Darstellung seiner bahnbrechenden Theorien zur Verfügung stellte.

Der Erste Deutsche Herbstsalon

Nach kleineren Einzelausstellungen von Jankel Adler, Gabriele Münter, Franz Marc, dem «Modernen Bund» (mit Arp, Gimmi, Helbig, Klee, Lüthy) aus der Schweiz, Gino Severini und weiteren Malern wenige Monate zuvor präsentierte «Der Sturm» in Berlin nach dem Vorbild der Pariser «Salons d\'Automne» vom September bis zum Dezember 1913 den mit rund 360 Werken von mehr als 80 Künstlern bestückten «Ersten Deutschen Herbstsalon», ein in der modernen Kunstgeschichte einzigartiges Unterfangen. Hatten schon im ersten Jahrgang der Zeitschrift «Der Sturm» die gleichsam unter die Haut gehenden, von der Wiener Psychologie Freudscher Prägung inspirierten Federzeichnungen von Oskar Kokoschka zu dessen Drama «Mörder, Hoffnung der Frauen» (1910) für Aufruhr gesorgt, so taten dies jetzt erst recht die expressionistischen, futuristischen und kubistischen Exponate von so markanten Persönlichkeiten wie Hans Arp, Umberto Boccioni, Marc Chagall, Lyonel Feininger, Natalia Gontscharowa, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Michail Larionow, August Macke, Franz Marc, Piet Mondrian, Francis Picabia, Gino Severini und Marianne von Werefkin. Die überforderte Presse reagierte auf die Ausstellung mit grösstenteils vernichtender Kritik und Ausdrücken wie «Bunthäutige Tölpel», «Gemalter Wahnsinn», «Züchtung des Allerhässlichsten» und «Horde farbenspritzender Brüllaffen».
In seiner Vorrede zum «Ersten Deutschen Herbstsalon», der ausserdem eine Henry (Rousseau gewidmete Gedenkausstellung und asiatische Reisbilder einschloss, schrieb Walden, es handle sich um einen «Überblick, der zugleich das Blickfeld der Zeitgenossen erweitern wird. Der grösste Teil der Zeitgenossen ist zu stolz auf seine Augen, mit denen er nicht einmal sehen gelernt hat. Er verlangt vom Bildwerk die Wiedergabe des eigenen optischen Eindrucks, der nicht einmal sein eigener ist. Hätte er ihn, so wäre er schon künstlerisch. Künstler sein heisst eine eigene Anschauung haben und diese eigene Anschauung gestalten können. Die Einheit von Anschauung und Gestaltung ist das Wesen der Kunst, ist die Kunst». Zu den heute bekanntesten Gemälden in jener einmalig informativen Ausstellung gehören Franz Marcs «Turm der blauen Pferde» und die im Krieg beschädigten, von Klee restaurierten «Tierschicksale» - heute in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel (Kunstmuseum), ferner Chagalls Bild «Russland, den Eseln und den Anderen». Aus dem Vorbesitz des Ehepaares Nell und Herwarth Walden gelangte nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem «Viehhändler» (1912) eines der bedeutendsten Werke von Marc Chagall ins Basler Kunstmuseum.
Nach seiner Trennung von Else Lasker-Schüler heiratete Herwarth Walden 1912 die schwedische Musikerin Nell Roslund, die mit Übersetzungen und Klavierstunden zur finanziellen Sicherung des «Sturm» in dessen stürmischsten Zeiten beitrug und als sensible Lyrikerin und abstrakte Malerin auf einigen Seiten der von Anfang an interdisziplinären Zeitschrift und in diversen Ausstellungen erschien. Ihren Gatten, der während Stalins Terror in Moskau festgenommen worden war und am 31. Oktober 1941 in Saratow umkam, überlebte die von ihm seit 1924 getrennte Künstlerin um rund drei Jahrzehnte in der Schweiz, wo sie nacheinander in Ascona, Schinznach Dorf, Seengen und Bern ansässig war. Über ihre erste Begegnung mit dem weltstädtischen Intellektuellen Herwarth Walden schrieb sie später: «Ich war von seiner Erscheinung betroffen. Eine blonde Musikermähne, weisses Gesicht mit blauen, kurzsichtigen, bebrillten Augen, sehr gute Musikerhände, schmächtig von Gestalt, wohl an sich hässlich, strömte von ihm eine ungeheure Vitalität und Intensität aus.» Kaum ein Maler hat die Gesichtszüge dieses bis zuletzt engagierten Kämpfers für die moderne Kunst dermassen präzise wiedergegeben wie sein vertrauter Wiener Mitstreiter und Freund Oskar Kokoschka im «Bildnis Herwarth Walden» von 1910, das heute der Staatsgalerie Stuttgart gehört und die nervöse Geistigkeit des physisch kurzsichtigen, in künstlerischen Dingen jedoch ungemein weitsichtigen Porträtierten plastisch zum Ausdruck bringt.

Ausstellung und Katalogbuch

In Delmenhorst, wo der 1916 und 1918 im «Sturm» ausgestellte Maler Fritz Stuckenberg zu Hause war, erinnert eine von Barbara Alms zusammengetragene und grosszügig dokumentierte Ausstellung mit rund 100 Werken in der Städtischen Galerie (Haus Coburg, Sammlung Stuckenberg) an den von Herwarth Walden in entscheidendem Masse mitgetragenen Aufbruch in die Moderne nach 1910. Zur eigentlichen Re-Vision jener stark vom Ersten Weltkrieg geprägten Epoche tragen zusammen mit hervorragenden Bildern, Zeichnungen und Skulpturen u. a. von Archipenko, Balla, Campendonk, Chagall, Feininger, Jawlensky, Kandinsky, Klee, Kokoschka, Leger, Macke, Marc, Meidner, Molzahn, Muche, Münter, Schwitters, Stuckenberg, Topp und Wauer im «Sturm» erschienene Künstlerpostkarten und Ausstellungskataloge bei. Von speziellem Interesse (und künstlerischem Wert) sind die verschiedenen Jahrgängen entstammenden Originalausgaben der in jeder Hinsicht revolutionären Zeitschrift «Der Sturm», enthalten doch viele von ihnen eigens dafür geschaffene Holz- und Linolschnitte von damals wegweisenden Künstlern. Vorträge und Kunstabende begleiten die Ausstellung, zu der ein 280 Seiten zählendes Katalogbuch (Verlag H. M. Hauschild, Bremen) vorliegt, das alle Exponate farbig wiedergibt, etliche Originalbeiträge über Herwarth Walden und seinen «Sturm» mit den Kurzbiografien der Künstler verbindet und während der Ausstellung DM 48.- kostet.