Ein Visionär und Vermittler
Der Anfang des freien Ölhandels war bescheiden. «Wir machten ein oder zwei Geschäfte mit Tunis», erinnert sich Marc Rich. Der Gewinn lag bei etwa 60 000 Dollar. Das war zwar nicht überwältigend, zeigte den Chefs aber das Potenzial, das im Ölhandel steckte. Ludwig Jesselson, der Chef von Philipp Brothers, und Henry Rothschild, Richs Lehrmeister, standen dem Geschäft zwar prinzipiell wohlwollend gegenüber. Sie wollten aber konservativ vorgehen und mahnten immer wieder zur Vorsicht. Sie sahen die Risiken, die im kapitalintensiven Ölgeschäft steckten. Ein missglücktes Geschäft konnte eine Firma an den Rand des Ruins bringen. Marc Rich aber verfolgte einen Plan, der sich als genial herausstellen sollte und Philipp Brothers innerhalb kurzer Zeit zu einem Machtzentrum im Ölhandel machte. Es war ein raffinierter Plan, der viel über ihn und seine Erfolge aussagt. Er wollte zwei Parteien als Handelspartner zusammenbringen, die offiziell nichts miteinander zu tun haben wollten. Es war ein streng geheimes und politisch hoch brisantes Geschäft, über das bis heute geschwiegen wird.
Ich hörte erstmals davon, als ich in Madrid frühere hochrangige Mitarbeiter von Rich interviewte. Wie hatte es Rich eigentlich geschafft, so schnell im Ölhandel gross zu werden, wollte ich von ihnen wissen. Mit einem von ihnen verstand ich mich besonders gut, weil wir die Liebe zu Afrika teilten. Wir diskutierten eben, ob der Kontinent eine Chance habe, der Armut und dem Elend zu entwachsen. Wir kamen zu dem Schluss, dass Afrika das nur aus eigener Kraft und nicht durch Entwicklungshilfe schaffen könne. Plötzlich machte er eine Bewegung mit dem Zeigefinger, als würde er auf den Tisch klopfen, und bat mich, das Aufnahmegerät abzustellen. Dann erzählte er mir, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, eine fast unglaubliche Geschichte. Die Geschichte einer iranisch-israelischen Öl-Pipeline, die von Eilat, dem Zugang Israels zum Roten Meer, nach Ashkelon am Mittelmeer führte. Dank dieser Pipeline – und dank einer Kooperation mit dem Iran und Israel – konnte Marc Rich gross in den Ölhandel einsteigen.
Die geheime Pipeline in Israel
Die iranische Beteiligung an dieser Ölpipeline ist – bis heute – ein Staatsgeheimnis Israels. Das grösste strategische Problem des jüdischen Staates, von dem sein Überleben abhing, war die Versorgung mit Erdöl, die ihm die arabischen Nachbarn verwehrten. Es gibt diesen alten israelischen Witz: Moses durchwanderte vierzig Jahre lang den Nahen Osten – und liess sich ausgerechnet am einzigen Ort nieder, an dem es kein Erdöl gibt. Bis zu neunzig Prozent der israelischen Ölimporte kamen bis Ende der 1970er-Jahre aus dem (nicht-arabischen) Iran, der das schwarze Gold ab Mitte der 1950er-Jahre unter grösster Geheimhaltung lieferte. Im Sommer 1965 besuchte die israelische Aussenministerin (und spätere Ministerpräsidentin) Golda Meir den Schah Reza Pahlevi in Teheran. Sie schlug ihm vor, gemeinsam eine Ölpipeline auf israelischem Territorium (von Eilat nach Ashkelon) zu bauen und zu betreiben, die mit iranischem Erdöl gespeist werden sollte. Das Treffen war streng geheim, denn offiziell erkannte Persien Israel nicht an. Der Schah verfolgte regionale Machtinteressen und wollte es sich mit der arabischen Welt nicht verscherzen. Israel war ein Paria und wurde von den arabischen Ländern boykottiert. Trotzdem gab der Schah, den die Israelis auf den Decknamen «Landlord» tauften, grünes Licht für geheime Verhandlungen. Die persische Seite war mit der National Iranian Oil Company (NIOC) vertreten. Auf der israelischen Seite war neben hochrangigen Regierungsvertretern auch der Geheimdienst Mossad beteiligt.
Dies unterstreicht die eminente strategische Bedeutung des Projekts. Die Wende in den Verhandlungen kam aber erst nach zwei Jahren, nach dem Sieg Israels im Sechstagekrieg. Die damalige Schliessung des Suezkanals durch Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser überzeugte den Schah davon, dass die Pipeline auch in seinem strategischen Interesse sein würde. Reza Pahlevi realisierte, dass die wichtigste Route von iranischem Öl nach Europa bedroht war, wurden doch drei Viertel der iranischen Ölexporte durch den Suezkanal transportiert. Das hätte Pahlevis Vision, zur dominierenden Ölmacht der Region aufzusteigen, zunichte machen können. Der Schah wollte ein Gegengewicht zu Nasser bilden, der ihm mit seinen panarabischen Bündnissen in nächster Nachbarschaft in die Quere kam. Mit der Pipeline, so realisierte der Schah, konnte er seine Abhängigkeit von Ägypten und dem Suezkanal aufheben.
Israel und der Iran vereinbarten ein 50:50-Joint-Venture und gründeten dazu in der Schweiz die Gesellschaft Trans-Asiatic Oil Ltd. Die Beteiligung der Iraner musste auf Geheiss des Schahs völlig geheim gehalten werden. Offiziell würde Irans Antwort immer die gleiche sein: «Wir verkaufen Israel kein Öl.» Die Trans-Asiatic betrieb die Pipeline, Ölterminals und -container in Eilat und Ashkelon und hatte sogar eine eigene Tankerflotte für den Transport.
1969 war die 254 Kilometer lange Pipeline mit einem Durchmesser von 106 Zentimetern fertig und wurde im Dezember in Betrieb genommen. Im ersten Jahr flossen zehn Millionen Tonnen Öl aus dem Iran durch die israelische Pipeline. Drei Millionen Tonnen kaufte Israel für seinen eigenen Bedarf, der Rest wurde auf dem Weltmarkt verkauft. Das Öl war so gut geschützt wie kaum ein anderes: Die iranische Marine bewachte die Tanker von den Verladehäfen bis zur Strasse von Hormuz, die israelische Marine sicherte die Einfahrt in den Golf von Aqaba bei der Strasse von Tiran.
Die Erdölleitung war, was die Spieltheorie eine Win-Win-Situation nennt: eine Lösung, bei der alle Beteiligten einen Nutzen erzielen. «Dank der Pipeline konnte der Schah allmählich die Ölmultis ausstechen und zu einer Macht im Ölhandel werden», sagte mir ein Beteiligter. Zum ersten Mal konnte die NIOC Öl frei verkaufen. Der Schah, der einen äusserst verschwenderischen Lebensstil führte, verdiente gutes Geld damit. Zudem war die Pipeline ein nützliches Element in seinem Bestreben, grössere Kontrolle über die Ölfirmen zu gewinnen. Israel auf der anderen Seite verdiente an den Transportgebühren und sicherte sich eine dauerhafte Versorgung mit Erdöl.
Handel mit dem Schah von Persien
Rich wollte mit dem Schah von Persien ins Geschäft kommen. Er wollte für das Öl, das aus dem Iran kam und durch Israel floss, Kunden finden. Das war eine gewagte Idee, die zum grossen Erfolg wurde. Ohne dieses Geschäft sei der kometenhafte Aufstieg von Marc Rich nicht zu verstehen. Es sei der eigentliche Grundstein für Richs Ölgeschäft gewesen, sagte mir ein sehr gut informierter Insider.
Was ebenfalls nur wenigen bekannt ist: Ohne Pincus Green hätte Marc Rich nicht zum grössten unabhängigen Ölhändler der Welt aufsteigen können. Green ist massgeblich für den Erfolg von Rich verantwortlich. «Marc ist der Visionär, Pinky der Macher. Der eine ist ohne den anderen nicht denkbar», so ein Freund, der beide seit Langem sehr gut kennt. Das hat vor allem, aber nicht nur mit seinen Fähigkeiten als Traffic-Manager zu tun. Es war «Pinky», der die entscheidenden Kontakte in den Iran knüpfte, Basis für die spätere Marc Rich + Co AG. Der Iran spielte eine derart wichtige Rolle in Greens Leben, dass er seinem Family Office, das er nach seiner Pensionierung aufbaute, einen Namen auf Farsi gab: Yeshil Management AG. Yeshil ist das persische Wort für grün.
Pincus Green wurde 1983 wegen der identischen Delikte angeklagt wie Marc Rich. Er wurde wie Rich 2001 von Präsident Bill Clinton begnadigt. Trotzdem schaffte er es, kaum in die Schlagzeilen zu geraten. Wenn man seinen Namen in der Internetsuchmaschine Google.com eingibt, findet man 16 100 Einträge – Marc Rich kommt auf 131 000 Einträge. Selbst seine Gegner finden fast nur gute Worte über ihn. «Pincus Green wäre der perfekte Nachbar», sagte mir Ken Hill. Als U.S.-Marshal hat er die beiden Händler vierzehn Jahre lang gejagt. In den 1960er-Jahren handelte Green für Philipp Brothers vor allem mit Chromeisenerz, das zur Härtung von Stahl verwendet wird, und mit Kupfer.
Beide Metalle kamen in Persien vor. Green reiste darum oft von New York in den Iran und freundete sich dort mit Ali Rezai an. Die Familie Rezai war eine der mächtigsten und politisch einflussreichsten Familien. Sie besass und betrieb Chrom- und Kupferminen. Ali, der wegen der ausgedehnten Industriebeteiligungen seiner Familie «Mister Steel» genannt wurde, war später ein Mitglied des Majlis, des iranischen Senats. Vor allem aber: Er war ein Freund von Schah Reza Pahlevi. «Pinky war sehr, sehr eng mit Ali Rezai bekannt», erzählte mir ein Kenner des Landes.
Dank Rezai öffneten sich ihm die Türen zur wirtschaftlichen und politischen Elite des Landes. Sie führten ihn bis ganz nach oben, zum persischen Pfauenthron: Über Ali Rezai kam Pincus Green mit dem Schah in Kontakt. «Dieser Kontakt erlaubte es Pinky, mit der National Iranian Oil Company Geschäftsbeziehungen zu knüpfen», sagt Marc Rich. Rich selbst traf den Schah Jahre später in St. Moritz.
Zur entscheidenden Figur für Richs Ölgeschäfte wurde schliesslich Parviz Mina. Als ihn Rich kennenlernte, war er im Verwaltungsrat der NIOC für die internationalen Beziehungen verantwortlich. Mina galt als ausserordentlich intelligent und in Sachfragen sehr kompetent. Mina hatte an der University of Birmingham in Grossbritannien Petroleum Engineering studiert und mit einem Doktortitel abgeschlossen. Seit 1953, also seit dem Sturz des nationalistischen Premierministers Mohammed Mossadegh, arbeitete er in der iranischen Ölindustrie. Er hatte beste Kontakte zu anderen Öl produzierenden Ländern und war zwei Jahre lang Mitglied der strategischen Planungsgruppe der OPEC.
Der verschwiegene Vermittler
Als ich Marc Rich auf das Pipelinegeschäft anspreche, schaut er mich einen Moment wortlos an. Es scheint so, als überlege er, ob er mir dieses Geheimnis anvertrauen solle oder nicht. Dann bestätigt er: Ja, es sei ein Meilenstein in seiner Karriere gewesen, «ein sehr, sehr wichtiges Geschäft». Dank Öldirektor Parviz Mina und «Mister Steel» Ali Rezai startete er es 1973. Wie viel Öl es war, das er anfangs handelte, kann Rich nicht mehr sagen. Er weiss aber noch genau, dass er das Geschäft über die Jahre stetig ausweitete, bis es sich auf acht bis zehn Millionen Tonnen pro Jahr belief (rund 60 bis 75 Millionen Barrel). «Die Leute zögerten, die Pipeline zu benutzen, weil sie durch Israel führte», erzählt Rich. Wer offiziell mit Israel Geschäfte machte, ging das Risiko ein, von den arabischen Ländern auf die Schwarze Liste gesetzt zu werden. «Aber die Pipline existierte. Ich erkannte, dass sie ein attraktives Geschäft war, und begann sie sukzessive zu nutzen.»
Das politisch heikle Öl lieferte Rich heimlich über das Mittelmeer vor allem nach Spanien, seiner Wahlheimat. Den Transport übernahmen zum Teil israelische Tanker. Um die Herkunft des Öls zu verschleiern, machten die Tanker mitunter zuerst in Rumänien Halt. Das kommunistische Land, das seit 1965 von Diktator Nicolae Ceausescu beherrscht wurde, war der einzige Ostblockstaat, der seine diplomatischen Beziehungen zu Israel nach dem Sechstagekrieg nicht abgebrochen hatte. Die Diskretion hatte ihren Grund. Der faschistische Staatschef von Spanien, Francisco Franco, hatte sich, wie bereits erwähnt, stets geweigert, Israel anzuerkennen. An Öl war er aber sehr interessiert. Sein Land brauchte nach der Industrialisierung und dem sogenannten «Spanischen Wunder» in den 1960er-Jahren so viel Öl wie nur möglich. In solchen Situationen siegt die Pragmatik meist über die Ideologie. «Spanien kaufte das Öl – obwohl es keine diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhielt», sagt der Insider, der mir die Geschichte der Pipeline verriet. «Das ist Politik!» Weil das Öl verhältnismässig günstig war, konnte Rich kompetitive Preise anbieten und billiger verkaufen als die Konkurrenz. Das war für manchen Kunden, der sich wegen der israelischen «Quelle» Sorgen machte, ein entscheidender finanzieller Anreiz. «Wir hatten einen grossen Preisvorteil», so Rich.
«Das Öl war wegen der viel niedrigeren Frachtkosten günstiger. Es war bedeutend billiger, das iranische Erdöl durch die Pipeline fliessen zu lassen, als es um ganz Afrika herumzuschiffen.» Eine Tonne Öl aus Iran kostete in Eilat 21 Dollar. Musste man sie über das Kap der Guten Hoffnung nach Europa transportieren, kostete die Tonne 28 Dollar. Und der Weg durch den Suezkanal war zur damaligen Zeit ja nicht möglich, weil ihn Ägypten seit dem Sechstagekrieg 1967 bis 1975 für die Schifffahrt blockierte.
Rich fand über seinen Freund, den Ökonomen Alfredo Santos Blanco, Zugang zu Francos Regierung. «Er war sehr hilfsbereit», berichtet Rich, «er kannte jeden und jeder kannte ihn. Dank ihm konnten wir Kontakte mit der spanischen Regierung und mit spanischen Raffinerien knüpfen, die schliesslich zu unseren Kunden wurden.» Santos Blanco, ab 1974 spanischer Industrieminister, trat schliesslich, nachdem er den Staatsdienst quittiert hatte, sogar für mehrere Jahre in die Firma von Marc Rich ein und liess als PR-Verantwortlicher seine Kontakte spielen. Rich errang das Privileg, den spanischen Staat mit Erdöl zu beliefern, weil er ein Problem zwischen Spanien und Ägypten lösen konnte. Ägypten schuldete Spanien viel Geld aus einem Kredit, das es nicht zurückzahlen konnte. Rich schaffte es, ägyptisches Öl für Spanien zu kaufen und zum Teil mit diesem ausstehenden Kredit zu bezahlen. «Als Belohnung teilte mir die spanische Regierung einen Teil der Staatsquote zu, um sie mit Öl zu beliefern», erzählt Rich. Sie kontrollierte nämlich – wie viele Regierungen – einen bestimmten Prozentsatz allen Erdöls, das von Spanien importiert wurde.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Innerhalb dieser Regierungsquote von dreissig Prozent der Importe konnte Rich der spanischen Regierung während vielen Jahren das Öl aus der Pipeline verkaufen. «Ja, die Pipeline war sehr wichtig für mich», wiederholt Rich, wie um das Thema abzuschliessen. Diese Geschichte zeigt, wie eng Rich mit dem Iran, Israel und Spanien zusammenarbeitete. Sie unterstreicht auch Richs Beziehungen zum Mossad, dem legendären israelischen Geheimdienst. Die Pipelinegeschäfte prägten Rich wie kaum etwas sonst. Sie zeigten ihm, dass er seinen Instinkten vertrauen konnte. Er war, einmal mehr, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen und hatte die richtige Entscheidung getroffen. Das Risiko war wegen der politischen Kontroverse um Israel nicht gering gewesen, doch es zeigte sich, dass es kontrollierbar war. Und vor allem: Es hatte sich ausgezahlt, dieses Risiko einzugehen. Philipp Brothers wurde Anfang der 1970er-Jahre fast über Nacht zu einem der grössten Ölhändler der Welt. Und Rich schuf die Anfänge des Spotmarkts im Ölhandel, den er später mit seiner eigenen Firma perfektionieren würde. Er verkaufte das Öl mehrheitlich nach Spanien, aber auch nach Italien und an mittelgrosse Ölfirmen in den USA. Es war eine Novität: Jetzt konnte eine Firma kurzfristig Öl kaufen, ohne langfristige Verträge oder andere Verpflichtungen mit Konzernen oder Ölscheichs eingehen zu müssen.
Es würde zu Richs Markenzeichen werden, Partner zusammenzubringen, die offiziell nichts miteinander zu tun haben wollten. Er würde in Zukunft seinen Kunden immer wieder als verschwiegener Vermittler dienen. Das war, wie sich stets von Neuem zeigen sollte, ein lukratives Geschäft. Gerade für einen eminent strategischen Rohstoff wie Öl waren Regierungen in Krisenzeiten seit jeher bereit, eine Extraprämie zu bezahlen. So fand Rich gleich von Anfang an eine Nische, in der er mit dem Ölhandel viele Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen konnte. Kontakte zu Ländern, die es ihm schon bald erlauben würden, mit Philipp Brothers zu brechen und eine eigene Firma zu gründen: Dank Israel, Spanien – und natürlich dem Iran – würde Rich bald zum «King of Oil» aufsteigen.
Daniel Ammann: «The King of Oil», Orell Füssli Verlag, Zürich 2010.