Ein Virtuose auf vier Saiten
Seine Finger tanzen zu Johann Sebastian Bach, sein Bogen streicht zu Peter Iljitsch Tschaikowsky. Doch in einem rasanten Tempo, das einen fast die Luft anhalten lässt. Diese Interpretation von klassischer Musik ist Mischa Maiskys Visitenkarte. Er spielt seine Musik mit vollem Herzblut, ist ein Virtuose, dessen graue Locken nur noch durch die Luft wirbeln, kaum setzt er zum ersten Ton an. Zusammen mit seinem Cello bildet Maisky eine Einheit, unzertrennlich sind der Musiker und sein Instrument, sogar im Flugzeug. Es erhält seinen eigenen Sitz, eingetragen auf den Namen Mrs. Cello Maisky.
Was unsereins womöglich zum Schmunzeln veranlasst, ist für den Musiker mit lettischem Ursprung oberste Maxime seines Schaffens. «Mit meinem Instrument pflege ich eine enge Beziehung wie in einer Partnerschaft. Sie hält schon über 37 Jahre. Das eine längere Zeit als die meisten Ehen dauern», sagt Maisky lachend, der aber selbst verheiratet und Vater von vier Kindern ist. Doch mit seinem Cello soll es Liebe auf den ersten Ton gewesen sein, «denn gute Musiker und gute Instrumente müssen einfach passen». Da ist der Vergleich mit einer menschlichen Beziehung auch gar nicht so weit hergeholt. Maiskys erste Begegnung mit dem Cello, auf dem der heute 63-Jährige spielt, fand 1973 statt. Er gab in der New Yorker Carnegie-Hall sein Debut, allerdings auf einem geliehenen Instrument. «Ich hatte damals noch nicht das nötige Geld, um mir ein eigenes Instrument kaufen zu können», erinnert er sich. Nach dem Konzert kam ein älterer Herr zu ihm und stellte sich ihm vor. Der Mann war kein Musiker, doch ein grosser Liebhaber klassischer Musik, und hatte offenbar davon Wind bekommen, dass Maisky kein eigenes Instrument besass. Um, wie Maisky sagt, «in Frieden sterben zu können», schenkte ihm der Mann ein Cello, das ihm gehörte – ein kleiner symbolischer Preis gehörte jedoch dazu. Jemand aus New York übernahm den Kredit und erst nach vielen Jahren zahlte Maisky das Instrument ab. Es war ein Montagnana-Cello aus dem 18. Jahrhundert, auf dem Maisky bis heute noch spielt.
Karrierestart auf Umwegen
Doch sein Weg auf die grössten Konzertbühnen der Welt war nicht ganz so hell und leuchtend, wie es das Scheinwerferlicht so oft vermuten lassen mag. Im Alter von acht Jahren nahm Maisky zum ersten Mal ein Cello in die Hand. Unterricht bekam er unter anderem am Konservatorium der lettischen Hauptstadt Riga. 14-jährig wechselte er an das Konservatorium von Leningrad. Nur ein Jahr später wurde er in die Meisterklasse von Mstilaw Rostropowitsch am Moskauer Konservatorium aufgenommen. Als 18-Jähriger gewann er 1966 am international renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb den sechsten Platz.
Als seine Schwester sich 1969 entschied, nach Israel auszuwandern, traf das auch den jungen Mischa. Er wurde zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. Nach seiner Haft überwies ihn ein befreundeter Arzt in eine Nervenheilanstalt, um ihm damit den Dienst in der Roten Armee zu ersparen. Ein amerikanischer Gönner kaufte ihn schliesslich aus der Sowjetunion frei und ermöglichte ihm die Auswanderung nach Israel. Nur wenige Monate später hatte er seinen Wohnsitz bereits nach Brüssel verlegt, wo er auch heute noch wohnt. Im Jahr 1973 gewann er die Gaspar Cassadó International Cello Competition in Florenz. Auf Vermittlung seines ehemaligen Meisters in Moskau wurde Maisky 1974 Meisterschüler von Gregor Piatigorsky und ist damit der einzige Cellist weltweit, der von beiden Koryphäen des Cellospiels unterrichtet wurde. Anfang der achtziger Jahre begann er für das renommierte deutsche Schallplatenlabel Deutsche Grammophon zu spielen. Seine erste Aufnahme fand unter der Leitung des weltberühmten Dirigenten
Leonard Bernstein statt.
Musik als Religion
Mischa Maisky ist heute einer der führenden Cellisten weltweit und auf den grossen internationalen Konzertbühnen zu Hause respektive überall dort, wo das Publikum für klassische Musik sensibel genug ist und diese liebt. Darum ist es für ihn auch schwierig, auf die Frage zu antworten, wo er sich denn wirklich zu Hause fühle: «Ich lebe in Belgien, spiele auf einem italienischen Cello mit deutschen Saiten und einem französischen Bogen, trage eine indische Kette und fahre ein japanisches Auto. Also bin ich doch ein Kosmopolit», und er fügt hinzu, der wandernde Jude wäre wohl auch eine passende Bezeichnung, dies aber nur mit einem kleinen Lächeln.
Fast schüchtern wirkt der Musiker in dem Augenblick, in dem er nicht mehr nur über seine Musik spricht. Denn die Musik ist seine Religion, und was der Rest der Welt unter Religion versteht, ist ihm suspekt und macht ihm Angst. Vor allem dann, wenn sie fanatisch und extrem gelebt wird. Toleranz und offenes Denken seien ihm wichtig: «Von allen unterschiedlichen Religionen und Ideologien, die es gibt, sollten wir doch einfach nur profitieren und uns nicht davon bedrohen lassen», findet er. Doch das ist einfacher gesagt, als getan. Deshalb hüte er sich auch vor politischen Aussagen. «Ich mische die Musik nicht mit der Politik», so sein Statement. Dennoch sei es ihm ein Anliegen, Hoffnungen und Ideen über seine Musik zu transportieren. «Würden die Menschen mehr Interesse an den schönen Sachen im Leben wie Musik, Kunst oder Natur zeigen, hätten wir wohl weniger Konflikte.» Davon ist Maisky überzeugt.
Bach ist modern
Über die Musik zu sprechen, mache ihm doch am meisten Freude. Er fühle sich bescheiden neben all den grossen Komponisten, sei nur ganz klein neben Johann Sebastian Bach oder Wolfgang Amadeus Mozart. «Ihre Musik ist wie eine Geschichte zu erzählen. Doch geht alles noch viel tiefer und weiter. Die Musik fängt gerade da an, wo die Worte scheitern.» So sieht Maisky in der Musik auch eine Universalsprache, die er mit grossem Verantwortungsgefühl zu sprechen versucht. «Mir war es stets wichtig, das, was ich kann, auch gut zu tun», sagt er. Deshalb habe er nie grosse Ambitionen gehabt, Konzerte moderner Komponisten zu spielen und meint augenzwinkernd, Bach sei doch bis heute hochmodern.
Doch der humorvolle Musiker weiss ganz genau, was die Welt heute unter moderner Musik versteht. So habe er auch grossen Respekt davor. «Wer Stücke kontemporärer Musik spielt, muss noch besser spielen als diejenigen, die die klassischen Werke spielen. Und das Urteil des Publikums ist scharf», gesteht er. Abgesehen davon hat der vielgereiste Musiker auch kaum Zeit. Er fliegt von Konzert zu Konzert und er macht regelmässigen Halt in Israel, wo sowohl sein Bruder als auch seine Schwester leben. Brüssel habe er jedoch als Wohnort gewählt, weil es so schön zentral liege – eine Aussage, die wohl nur von einem Kosmopoliten stammen kann. Wer in den Genuss seines Cellospiels kommen möchte, dem sei empfohlen, das Muttertagskonzert von Mischa Maisky in Luzern zu besuchen.
Sonntag, 8. Mai, 11.00 Uhr, KKL, Europaplatz 1, Luzern.
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bildlegende
Cellist Mischa Maisky «Musik ist meine Religion»