Ein virtuelles Wunder
Auch dieses Tu Bischwat treffen sich wieder Javatare aus aller Welt vor der Synagoge Temple Beit Israel in Nessus, um gemeinsam virtuell Früchte zu essen. Javatare, das sind jüdische Avatare – so die Bezeichnung für grafische Stellvertreter einer realen Person in der virtuellen Welt von Second Life – und Nessus ist eine fiktive Ortschaft.
Vor zwei Jahren, im Dezember 2006, lud Beth Brown, genauer gesagt ihr Avatar Beth Odets, zum ersten Mal zu Chanukka zu einem öffentlichen Kerzenanzünden in Second Life ein. Überrascht von dem Erfolg dieser ersten jüdischen Veranstaltung in der virtuellen Lebenswelt, beschloss die damals 23-Jährige Texanerin, jeden Freitag zum gemeinsamen Kerzenanzünden in «ihre» Synagoge einzuladen.
Faszination virtuelles Judentum
Brown, die auch heute noch erstaunt darüber ist, wie erfolgreich diese Kabbalat-Schabbat-Veranstaltungen sind, erklärt: «Es war so, als hätten alle nur darauf gewartet, dass jemand das Judentum nach Second Life bringt.» Jeden Freitag kommen jeweils Dutzende von sogenannten Second-Lifern aus aller Welt zu den fünf verschiedenen Zeremonien, die den Schabbatbeginn in den jeweiligen Zeitzonen von Israel über Europa bis hin zur amerikanischen Westküste markieren – und jeden Freitag finden sich neugierige Neulinge, die erkunden wollen, was es denn mit virtuellem Judentum so auf sich hat. «Ich hatte nie vor, eine jüdische Gemeinde zu gründen», gesteht die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, «ich wollte nur etwas für mich selbst kreieren, etwas, das meine jüdische Identität widerspiegelt.»
Angefangen hat die Second-Life-Pionierin, die seit 2005 in der virtuellen Welt unterwegs ist, mit TMA: die drei Buchstaben stehen für Tragically Misunderstood Artists («auf tragische Weise missverstandene Künstler») – einer Künstlerkolonie, in der sie ihre eigenen Bilder ausstellte und mit ihrer Band Fish Fry Bingo auftrat.
Erst im Sommer 2006 entstand Temple Beit Israel, der von aussen wie eine grosse Laubhütte aussieht. Schon bald, nachdem sie ihre virtuelle Synagoge im Verzeichnis von Orten in Second Life registriert hatte, kamen die ersten Besucher, die sich als jüdisch identifizierten und die wissen wollten, ob es hier irgendwelche Veranstaltungen gebe.
Ein jüdischer Ort entsteht
Inspiriert von dem Interesse an Temple Beit Israel entstand ein regelrechter jüdischer Bauboom in Second Life. Schon bald verfügte die virtuelle Welt über ihre eigene Klagemauer, ein Holocaust-Museum, verschiedene Synagogen sowie mit dem «2Life Magazin» – der Name ist ein Wortspiel der englischen Übersetzung des hebräischen «lchaim» («to life») und Second Life. Es handelt sich im eine eigene Publikation, die sich ausschliesslich jüdischer Kultur in der virtuellen Welt widmet.
Laut den am 18. November 2008 veröffentlichten Statistiken der Betreiberfirma Linden Labs hat Second Life etwas über 16 Millionen registrierte Benutzer, von denen in den letzten 60 Tagen knapp 1,4 Millionen online waren. «Obwohl Religion seit seinen Anfängen im Internet präsent ist», erklärt der Anthropologe Tom Boellstorff in seinem Buch «Coming of Age in Second Life», «spielt Religion in Second Life nur eine minimale Rolle.»
Es gibt zwar eine Vielfalt an organisierten Religionsgemeinschaften, zu denen neben christlichen Gruppen auch Muslime, Taoisten und Hindus zählen, doch mit ihren schätzungsweise lediglich 500 Mitgliedern ist die jüdische Gemeinde eine der grössten und aktivsten Religionsgemeinschaften, die auch weites Medieninteresse erhielt. «Ich erinnere mich noch, als der erste Bericht in tachles erschien (vgl. tachles 4/07) und Beth Odets auf der Titelseite war», erzählt Brown. «Ich war so stolz, und ich hatte doch keine Ahnung, was noch auf mich zukommen sollte.» Es folgten zahlreiche weitere Beiträge vom New Yorker «Forward» bis hin zum Londoner «Jewish Chronicle». Über Nacht wurde Brown, oder zumindest ihr Avatar, zu einer prominenten Persönlichkeit in Second Life, die sogar im amerikanischen Radiosender National Public Radio interviewt wurde.
Eine Gemeinschaft kreieren
Als Anfang 2008 eine Neuauflage von «Second Life: Der offizielle Führer» beim renommierten Wiley-Verlag erschien, wurden gleich mehrere jüdische Orte in diesem offiziellen Reiseführer erwähnt und in der Rubrik über prominente Second-Lifer wurde Beth Odets mehr als eine ganze Seite gewidmet. «Ich konnte zunächst gar nicht glauben, dass ich eine der zehn Personen war, die in dem Reiseführer namentlich erwähnt werden.» Neben Beth Odets wurden unter anderem Anshe Chung, der Avatar der erfolgreichen Second-Life-Geschäftsfrau Ailin Graef, die mit Anshe Chung Studios ihr eigenes Immobilienimperium in Second Life aufbaute, und China Tracy, der Avatar der chinesischen Künstlerin Cao Fei, erwähnt, die Second Life als Kunstmedium erkundet haben und deren Werke schon im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurden. «Es ist eine grosse Ehre», weiss auch Brown, «hier erwähnt zu werden.»
Wagner James Au, Herausgeber der «New World Notes», des mit wöchentlich über 30 000 Lesern meistgelesenen Second-Life-Blogs und Autor von «Die Entstehung von Second Life», erklärt, warum er Beth Odets für den offiziellen Führer der virtuellen Welt nominierte. «In Second Life geht es nicht allein darum, faszinierende Orte zu programmieren, sondern auch darum, Gemeinschaften zu kreieren. Beths Einsatz für die jüdische Gemeinde ist beeindruckend.»
Ein virtuelles Israel
«Es ist eine ganz grosse Verantwortung», erklärt Brown nachdenklich. «Ich muss eingestehen, zunächst hatte ich grosse Sorgen, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Ich hatte nur eine sehr allgemeine jüdische Erziehung und permanent Angst, etwas falsch zu machen, das andere in ihren religiösen Gefühlen verletzten könnte.» Brown fing daher an, regelmässig an Religionskursen in ihrer Gemeinde in Dallas teilzunehmen, und heute, so versichert sie, hat sie einen Wissensstand, der ihr genügend Selbstbewusstsein gibt, sie fühlt sich der Aufgabe gewachsen. «Es ist wunderbar, wenn Menschen durch Second Life anfangen, sich auch im richtigen Leben mit dem Judentum auseinanderzusetzen», meint Reuven Fischer, der inoffizielle Chabad-Schaliach in Second Life, der dort als GruvenReuven Greenberg regelmässig Thora-Kurse anbietet. Beeindruckt von Browns Arbeit mit der virtuellen jüdischen Gemeinde von Second Life, meint er lachend: «Tief in ihrem Herzen ist Beth eine echte Lubawitscherin.»
Im richtigen Leben hat Beth Brown lange als Sozialarbeiterin gearbeitet. Der unerwartete Ruhm als virtuelle Gemeindeleiterin hat ihr nun dazu verholfen, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Brown arbeitet heute als Programmiererin in Second Life, ihre Gemeinde finanziert sich grösstenteils durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, und auf ihrem virtuellen Land vermietet sie Gegenden an andere Javatare, die ihre Bauten in der Nähe bereits existierender jüdischer Orte haben wollen.
Das Medieninteresse, vor allem nachdem Brown mit dem in Jerusalem lebenden Chaim Landau Israel nach Second Life brachte, hat besonders unerwartete Besucher in die virtuelle Welt gelockt: Beths Eltern. Ihr Vater Joram Wolanow, der nur unweit von seiner Tochter in Dallas lebt, konnte online eine ganz andere Seite von ihr kennenlernen. Der gebürtige Israeli war Ratgeber bei der Erstellung von Israel in Second Life. Stolz erklärt er: «Beths Kreativität und ihr Einsatz, einen Ort für multikulturelles Verstehen von jüdischem Leben und jüdischer Geschichte zu erstellen, ist beeindruckend.» Ihre in Long Island lebende Mutter schliesst sich dem an. «Ich bin sehr stolz auf meine Tochter. Beth hat durch ihren unermüdlichen Einsatz hier aus dem Nichts eine jüdische Gemeinschaft erschaffen.»
Eine wahre Einheitsgemeinde
Doch Beth Brown weiss, dass ihre neue Rolle viele Herausforderungen hat, so etwa, die vielen kulturellen und religiösen Unterschiede der Gemeindemitglieder zu beachten. Ein oft nicht einfacher Balanceakt, der ihr aber Spass macht. «Es ist wunderbar, in Second Life etwas herzustellen, dass im richtigen Leben nicht so einfach ist. Etwa das Gefühl, Teil einer globalen Gemeinschaft zu sein, oder dass man gemeinsam mit anderen, denen man im richtigen Leben wohl nie begegnen würde, diskutiert und lernt.»
Tamara Cogan, eine Pädagogin aus Kalifornien, die online als Tamara Eden Zinnemann bekannt ist, schliesst sich dem an. «Das wunderbare an der jüdischen Gemeinde von Second Life ist, dass sich hier wirklich Menschen aller jüdischen Strömungen begegnen, von säkularen Juden bis hin zu ultraorthodoxen Chassidim.» Orte, an denen Javatare zusammenkommen können, gibt es mittlerweile viele, darunter unter anderem auch solche, die es so nur in Second Life geben kann – wie etwa ein Nachbau des zweiten Jerusalemer Tempels oder ein virtuelles Shtetl, das den Besuchern einen Einblick in jüdisches
Leben in Osteuropa am Ende des 19. Jahrhunderts vermittelt. Und es kommen ständig neue Orte hinzu. So eröffnete beispielsweise Ende Oktober das Hebrew Union College eine virtuelle Bibliothek in Second Life.
All das hatte sich Beth Brown nie erträumt, als sie vor zwei Jahren beschloss, ein öffentliches Kerzenanzünden in Second Life anzubieten. «Ich habe manchmal das Gefühl, dass all dies Schicksal war. Ich habe eine Aufgabe erhalten und versuche sie nach meinem besten Wissen und Gewissen zu erfüllen.»