Ein Veteran fordert neues Denken
Bankenkrise und Rezession scheinen den Harvard-Club noch nicht erreicht zu haben. An einem sonnigen Mittag Ende April füllen gutgelaunte Herren in Anzug und Krawatte nebst einigen eleganten Damen den dunklen, holzgetäfelten Speisesaal fast bis auf den letzten Platz. Stephen Axilrod ist ohne Jacket an die 44. Strasse in Midtown Manhattan gekommen, und er trägt sein weisses Hemd am Kragen offen. Der Krawattenzwang der ehrwürdigen Institution kümmert den schlanken, kleingewachsenen Mann mit dem dichten, weissen Haar nicht weiter: «Ich komme sonst in Jeans hierher und spiele Squash», sagt Axilrod und geht zum Fahrstuhl zur ruhigen Galerie über dem grossen Saal. Hier spricht er bei Eistee und Sandwichs über seine Memoiren und die Situation der amerikanischen Wirtschaft, deren Entwicklung er wie kaum ein Anderer seit dem Zweiten Weltkrieg verfolgt. Sein Vater war Börsenmakler und hat während der Grossen Depression sein Vermögen verloren. Axilrod diente als Pionier bei der Kriegsmarine und hat danach von einer Zukunft als Akademiker «in einem idyllischen, kleinen College» geträumt. Heute kann der Mittachtziger, ein leidenschaftlicher Squash- und Tennisspieler, auf ein Studium der Wirtschaftswissenschaften am Harvard College und an der University of Chicago zurückschauen. Einen Grossteil seiner Karriere verbrachte er indes an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis: Axilrod arbeitete 1952 bis 1986 für die amerikanische Notenbank, die längste Zeit als Stabschef des Federal Open Market Committees, das die Geldpolitik der Vereinigten Staaten steuert und die Zinssätze festlegt. Seither ist Axilrod unter anderem als Berater ausländischer Zentralbanken und als viel gefragter Vortragsredner tätig.
In Chicago hat Axilrod auch bei Milton Friedman studiert. Aber das Credo des Nobelpreisträgers einer freien, von staatlichen Einflüssen völlig unberührten Marktwirtschaft konnte er schon 1950 nicht teilen. Heute hält Axilrod eine umfassende Reform der staatlichen Aufsicht über den Finanzsektor für dringender notwendig als je zuvor: «Hier ist über viele Jahre ein Wildwuchs von Institutionen entstanden. Die Bankenaufsicht FDIC, die Börsenaufsicht SEC und gliedstaatliche Behörden kommen einander in die Quere und zwischen ihren Zuständigkeiten existieren unregulierte Freiräume.» Auch die Notenbank, kurz «Fed», hat jenseits der Geldpolitik Kontrollbefugnisse über das Bankgeschäft. Diese seien auch deshalb lange nicht ausgeschöpft worden, weil diese Aufgaben innerhalb der Fed als «zweitklassig» angesehen würden. Dabei kann etwa die Festlegung der Kreditmargen für individuelle Anleger enorme Auswirkungen auf die Ökonomie insgesamt haben, so Axilrod: Wenn Investoren wie bei dem jüngsten Bärenmarkt gezwungen sind, ihre Aktien schlagartig abzustossen, weil sie sich auf Kredit verspekuliert haben, kann dies eine Baisse in eine veritable Börsenpanik verwandeln.
Der «ultimative Insider»
Axilrod befürwortet daher eine Bereinigung des Durcheinanders bei den Aufsichtsbehörden und die Schaffung eines Beirats für die «Makroökonomie» innerhalb der Fed, bei dem die Fäden der Regulation zusammenlaufen: «Als die Vergabe von Hypotheken an kreditunwürdige Leute ausser Kontrolle geraten ist, haben das zwar einige Experten bemerkt, aber niemand fühlte sich berufen, aktiv zu werden. Wir brauchen ein Pendant zum Fed-Vorsitzenden, der das wirtschaftliche Geschehen insgesamt im Blick hat und etwa bei Spekulationen an den Rohstoff-Märkten eingreifen kann.» Axilrod bedauert sehr, dass er sein Buch «Inside the Fed» im letzten Sommer abgeschlossen hat und diese Vorschläge nicht eingebracht hat: «Bei der Taschenbuchausgabe werde ich das nachholen!» Dafür klingt in dieser spannenden Mischung aus persönlichen Erinnerungen und wirtschaftspolitischer Analyse ein weiterer Vorschlag an, den Axilrod beim Lunch deutlicher formuliert: «Eigentlich ist das auf zwölf regionale Notenbanken in grossen Städten wie New York, Denver oder Dallas gestützte System der Fed völlig überholt. In einer globalen Wirtschaft hat eine derartige Untergliederung keine Funktion mehr.» Axilrod weiss, dass er sich damit an einer heiligen Kuh der amerikanischen Politik vergreift: «Die regionalen Notenbanken geben Politikern Gelegenheit, Freunde mit Direktorenposten zu belohnen und sich selbst bei Konferenzen und Empfängen in Szene zu setzen.»
Dass der «ultimative Insider», wie ihn der Harvard-Ökonom Benjamin Friedman nennt, der Institution eine Radikalkur verschreibt, spricht für Axilrods hohe professionelle Standards. Sein Buch ist auch ein Plädoyer für eine verantwortungsvolle Berufsauffassung, die sich gegen eine Kultur der Kurzsichtigkeit und der Gier in der gesamten Gesellschaft stemmt: «Die Leute handeln nach dem Motto: ‹Mach heute Schulden und sorge dich morgen über das Zurückzahlen›.» Axilrod führt diese Haltung auf die Ära von Margaret Thatcher und Ronald Reagan zurück: «Reagan hat im grossen Umfang Aufsichtsbeamte für das Bankwesen entlassen. Die Quittung war der Kollaps der Bausparkassen in den neunziger Jahren, die den Steuerzahler 125 Milliarden Dollar gekostet hat.» Gelernt haben aus diesem Desaster weder die Banken noch die Politik, so Axilrod: Im Kongress haben beide Parteien das Wohneigentum als höchstes Gut betrachtet und die Vergabe von Hypotheken selbst an kreditunwürdige Bürger unterstützt. Schwerwiegender war in seinen Augen, dass die Wall Street seit Reagan jede Hemmung verloren hat, Risiken einzugehen: «Die Banker dachten, sie könnte auf eine ausreichende Kapitaldeckung verzichten, wenn sie ihre Risiken nur breit genug streuten – aber schauen Sie sich den Versicherungsgiganten AIG an: Die haben ihre Risiken bei Kreditobligationen in keinster Weise abgesichert.»
Auf die Frage, ob sich Banker und Börsenmakler für das Desaster schämen, das sie mit ihren Spekulationen angerichtet haben, schüttelt Axilrod lachend den Kopf: «Nein, nein, ein Trader darf sich das gar nicht erlauben. Wer Reue zeigt, kann in einem Job an der Wall Street nicht funktionieren.» Das Schicksal seines Vaters vor Augen, hat Axilrod nie das Interesse verspürt, sich im Investmentgeschäft zu versuchen. Doch sein Sohn Richard ist ein höchst erfolgreicher Hedgefund-Manager. Scham sollte allerdings Alan Greenspan empfinden, den Axilrod in seinem Buch in auffallend deutlicher Manier kritisiert. Er wirft dem ehemaligen Fed-Vorsitzenden Redseligkeit, mangelnde Konsequenz und Willfährigkeit gegenüber der unsoliden Wirtschaftspolitik von George W. Bush vor. Greenspan habe zwar im Dezember 1996 den «irrationalen Überschwang» der Aktienmärkte erkannt. Danach habe der Chairman aber nicht in das Arsenal der Fed gegriffen, um die Märkte zu zügeln. Im Gegenteil – mit niedrigen Zinsen und seinen Rettungsmanövern für den angeschlagenen Hedgefund Long Term Capital Management habe Greenspan die Spekulanten sogar noch ermutigt. Nach 2001 habe Greenspans Zinspolitik dann die Weichen für die Schuldaufnahme unter Bush sowie die Spekulation mit Hypotheken und Derivaten gestellt.
Vertrauen der Bürger wieder herstellen
Im Harvard Club sagt Axilrod: «Alan hat tatsächlich geglaubt, dass die Märkte aus eigener Kraft aus der Krise kommen. Daraus spricht pure Ideologie. Und Ben Bernanke sass im Fed-Vorstand und hat Greenspan gewähren lassen.» Axilrod kennt Greenspan seit Ewigkeiten, aber er hat ihm das Manuskript des Buches nicht zugeschickt. Sein Freund Paul Volcker, der Vorgänger Greenspans, habe die Fahnen jedoch gelesen und marginale Punkte kritisiert: «Mein Lob für seine Verdienste hat er allerdings unkommentiert stehen lassen.» Für Axilrod hängt der Einfluss der Fed nicht zuletzt von der Statur ihres Vorsitzenden ab. Der hünenhafte Volcker rage nicht nur als Fachmann über seine Kollegen hinaus, sondern auch durch den raren Charakterzug, in Krisenzeiten zu grosser Form aufzulaufen. Axilrod bringt das auf den schönen Satz, Ausnahmesituationen seien «Speis und Trank» Volckers gewesen. Daraus spreche auch dessen «künstlerische Sensibilität», ein «sechster Sinn» für den Zustand der Wirtschaft hinter allen Zahlen und Analysen, vor allem aber ein schauspielerisches Talent: Privat sehr schüchtern, konnte Volcker in den achtziger Jahren die galoppierende Inflation nicht zuletzt deshalb bändigen, weil er der Öffentlichkeit seine Entscheidungen glaubwürdig vermittelte.
Diese Fähigkeit täte heute not. Axilrod ist nicht sehr glücklich über den neuen Finanzminister Timothy Geithner. Ihm fehle Volckers Kommunikationstalent: «Heute geht es vor allem darum, das Vertrauen der Märkte und der Bürger wiederherzustellen.» Axilrod bezweifelt, dass Geithner die Statur und die Ausstrahlung hat, die Marktteilnehmer zu beruhigen. Dabei hält er die Finanzkrise noch nicht für überwunden, aber den Banken gehe es heute schon wieder deutlich besser: «Dank der staatlichen Hilfen konnten die Finanzinstitute grosse Reserven aufbauen. Doch nun fehlen Kreditnehmer. Unternehmen und Verbraucher haben Angst vor der Zukunft und zögern mit Investitionen.» Axilrod kritisiert auch Barack Obama: «Ich vermisse klar Worte von ihm. Ihm fehlt die gebotene Dringlichkeit, wenn er über die Wirtschaftslage spricht. Wenn er dem Kongress nicht klarmachen kann, dass neue Aufsichtsmechanismen und tief greifende staatliche Interventionen in die Wirtschaft notwendig sind, werden sich die Politiker nicht rühren.» Obwohl er Obamas Konjunkturpaket von etwa 800 Milliarden Dollar begrüsst, hätte sich Axilrod eine grössere Anstrengung gewünscht, und er moniert «die vielen kleinen Geschenke für Politiker und Interessengruppen darin». Er setzt hinzu: «Ich bin von Haus aus Optimist, aber wenn wir Ende Jahr noch nicht aus der Rezession heraus sind, dürfte Obama das politische Kapital für ein zweites Stimulus-Paket fehlen.» Angesichts der fehlenden privaten Nachfrage sei nur der Staat fähig, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das gelte auch für China, so Axilrod: «Die globale Rezession kann nur überwunden werden, wenn die Nachfrage in China und Amerika in Gang kommt.» Skeptisch ist Axilrod auch bei den viel zitierten toxischen Assets, die immer noch auf den Büchern der Banken lasten: «Ich weiss nicht, ob Geithner und Larry Summers einen Plan B in Reserve haben, wenn Investoren trotz der massiven staatlichen Anreize dazu vor diesen Wertpapieren zurückscheuen.» Summers, unter Bill Clinton Finanzminister und derzeit oberster Wirtschaftsberater Obamas im Weissen Haus, hat laut Axilrod gute Chancen, der Nachfolger Bernankes zu werden, wenn dessen Amtszeit als Fed-Vorsitzender im Februar kommenden Jahres abläuft. Axilrod hält es für ein grobes Versäumnis, dass Bernanke nicht schon im letzten Sommer Alarm geschlagen und der einbrechenden Finanzkrise mit massiven Aufkäufen toxischer Assets begegnet ist.
Obamas Vision einer Erneuerung der amerikanischen Wirtschaft durch die Entwicklung nachhaltiger Energiequellen mag Axilrod nicht vorbehaltlos teilen: «Technologische Revolutionen lassen sich leider nicht planen. Es ist daher offen, wo neue, zukunftsträchtige Jobs herkommen.» Dafür ist sich der Veteran sicher, dass auf die amerikanischen Bürger weitere, schwere Belastungen zukommen: «Unsere Defizite und die Kosten für das globale Engagement amerikanischer Streitkräfte lassen sich nur durch deutliche Steuererhöhungen decken. Dazu gehört auch eine Anhebung des Rentenalters auf 70 Jahre. Damit werden die Kosten gesenkt und es fliessen mehr Beiträge in die staatlichen Pensionskassen.» Dann leert Axilrod seinen Eistee und sagt: «Da kommen gewaltige politische Schlachten auf uns zu.»
Stephen A. Axilrod: «Inside The Fed. Monetary Policy And Its Management, Martin Through Greenspan To Bernanke», MIT Press, 2009.