Ein Vergessener der deutschen Romantik

Von Walter Labhart, December 23, 2011
Während sein Schaffen längst verstummt ist, wird Ferdinand Hiller als einer der einflussreichsten Musiker der Mendelssohn-Zeit in der Fachliteratur immer noch häufig genannt.
EINFLUSSREICHER MUSIKER Ferdinand Hiller war Komponist, Pianist und Dirigent

Nur zwei Tage jünger als Franz Liszt, mit dem er das brüderliche Du tauschte, begann der am 24. Oktober 1811 in Frankfurt a. M. geborene jüdische Komponist, Pianist, Dirigent, Organisator und Musikkritiker Ferdinand Hiller seine künstlerische Karriere als Pianist. Nachdem er siebenjährig mit regulärem Klavierunterricht begonnen hatte, trat er mit zehn Jahren erstmals öffentlich auf. Er spielte Mozarts Klavierkonzert KV 491 und hatte das Glück, auf Anraten von Ignaz Moscheles seine pianistische Ausbildung beim Mozart-Schüler Johann Nepomuk Hummel in Wien fortsetzen zu können. Dort lernte er Beethoven und Schubert kennen. Nach Frankfurt zurückgekehrt, gewann er bald die Freundschaft Mendelssohn Bartholdys, dem er sich als Gegner der von Wagner angeführten Neudeutschen Schule auch aus ästhetischen Gründen verbunden fühlte.

Von Goethe bewundert

Hatte er schon als Knabe die Bekanntschaft Goethes in Weimar gemacht, so trat er in Paris, wo seine Mutter einen Salon führte, in persönlichen Kontakt zu Heinrich Heine, Ludwig Börne, Victor Hugo und Balzac. Dort spielte er zusammen mit Chopin und Liszt Bachs Konzert für drei Klaviere, um sich auch in seinen Soiréen für Bach einzusetzen, der erst durch Mendelssohn Bartholdys Neuaufführung der «Matthäus-Passion» 1829 wieder beachtet worden war.
In der von ihm gegründeten «Neuen Zeitschrift für Musik» setzte sich Robert Schumann, der sein Klavierkonzert op. 54 dem nur ein Jahr jüngeren Kollegen widmete, immer wieder für Hiller ein. 1840 schrieb er nach der Uraufführung von Hillers Oratorium «Die Zerstörung Jerusalems», jener trete «in würdigster Weise mit einem Werke auf, das des Ausgezeichneten und Eigentümlichen so viel enthält, dass wir mit Freuden dessen baldigster Veröffentlichung entgegensehen». Fünf Jahre zuvor hatte sich Schumann in seiner Besprechung der Etüden op. 15 noch an Eigenwilligkeiten gestossen, die heute als Kühnheiten geschätzt würden: «(…) wie unser Komponist in seinen eignen Sachen Harmonien stehen lassen kann, die nicht etwa falsch nach gewissen altwaschenen Regeln, sondern so widrig klingen, dass ich ihm, wenn ich ihn nicht weiter kennte, geradezu sagen müsste, ‹es fehlt dir das musikalische Ohr›.»

Gefeierter Dirigent

Nachdem Hiller in Köln das Konservatorium geleitet hatte, erwarb er sich am selben Ort ab 1853 als Leiter der Niederrheinischen Musikfeste grosse Verdienste. In jener Zeit betätigte sich der als Dirigent gefeierte Musiker auch als Journalist und einflussreicher Musikschriftsteller. Seine Bücher «Aus dem Tonleben unserer Zeit» (1871) und «Musikalisches und Persönliches» (1876) gelten heute noch als wichtige Quellen zur Entwicklungsgeschichte der musikalischen Romantik. Ein Jahr vor seinem Tod gab er, schwer erkrankt, seine vielen Ämter auf. Als der 1868 zum Bonner Ehrendoktor ernannte Musiker am 11. Mai 1885 in Köln starb, geriet sein Schaffen, das in seiner Entwicklung bei Mendelssohn Bartholdy stehen blieb und weniger profilierte Züge aufweist, rasch in Vergessenheit. Unter seinen Kompositionsschülern ragen Max Bruch und Friedrich Gernsheim hervor.
Das über 200 Opuszahlen umfassende Schaffen Hillers berücksichtigt alle musikalischen Gattungen. Es gipfelt in instrumentalen Werken, etwa dem von Howard Shelley mit dem Tasmanian Symphony Orchestra eingespielten, von romantischer Leidenschaft erfüllten 2. Klavierkonzert fis-Moll op. 69 oder in der sechssätzigen Serenade op. 64 für Klaviertrio. Als Besonderheit in der sehr reichhaltigen Klaviermusik sind die Liszt gewidmeten Rhythmischen Studien op. 52, die mit einem Kosakentanz schliessende Moderne Suite op. 144 und die «Operette ohne Text» für Klavier zu vier Händen op. 106 hervorzuheben.