Ein Verband für alle

Philippe A. Grumbacher zur Lage im SIG, June 8, 2011
Die Delegierten der Mitgliedsgemeinden des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) haben am 2. Juni, anlässlich der 106. Delegiertenversammlung in Bern, über mehrere Vorlagen abgestimmt, welche die Zukunft des SIG zum Thema haben.

Die Schwäche des SIG liegt in der Tatsache, dass er im Gegensatz zu dem, was sein Name glauben machen könnte, nicht die Gesamtheit der jüdischen Gemeinden der Schweiz unter seinen Fittichen vereint, da ja die liberalen jüdischen Gemeinden nicht Mitglieder des SIG sind.

Die liberalen jüdischen Gemeinden vertreten ungefähr 25 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Schweiz. Derzeit wird die politische Vertretung der Schweizer Juden einerseits durch den SIG und andererseits durch die Plattform der Liberalen Juden der Schweiz (PLJS) gewährleistet.

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass die PLJS 2003 als Folge der Weigerung des SIG, die liberalen jüdischen Gemeinden von Zürich und Genf aufzunehmen, gegründet wurde. Diese Situation ist nicht zufriedenstellend, und es ist an der Zeit, Überlegungen zur Findung einer Lösung anzustellen, welche den Juden der Schweiz oder den jüdischen Gemeinden der Schweiz erlauben würde, mit einer einzigen Stimme insbesondere dann zu sprechen, wenn es um Fragen politischer Natur geht.

Es ist im Übrigen symptomatisch, dass auf der französischen Version der Internetseite der PLJS zu lesen ist: «Die Plattform füllt ein Vakuum, vervollständigt damit die Vertretungsinstanzen der Juden der Schweiz und verleiht den liberalen Juden eine Stimme.» Zwei Gedankengänge müssen parallel studiert werden: einerseits der Beitritt der PLJS in den SIG, andererseits – dem Beispiel dessen folgend, was in der Romandie mit der Coordination intercommunautaire contre l’antisémitisme et la diffamation (CICAD) erfolgte – die Schaffung einer Vereinigung, die den SIG und die PLJS beispielsweise im Hinblick auf die politische Repräsentation, den Kampf gegen den Antisemitismus oder die Sicherheit zusammenfasst. 

Zur CICAD ist zu präzisieren, dass sich dieser Verein aus den jüdischen Gemeinden der französischsprachigen Schweiz und der Liberalen israelitischen Gemeinde von Genf zusammensetzt; gleichzeitig gehören ihr aber sowohl der SIG wie die PLJS als Mitglieder an. 

Im Rahmen der CICAD werden keine Fragen religiöser Natur behandelt; ihre primären Ziele bestehen in der Bekämpfung und Prävention von Antisemitismus und der Verteidigung des Staates Israel gegen Diffamierung. Weshalb nicht das Gleiche auf nationaler Ebene tun und die politische Vertretung mit einschliessen?

Die Herausforderungen, welche sich den jüdischen Gemeinden insgesamt stellen werden, sind zahlreich und beunruhigend. Die Dämonisierung und Delegitimierung des Staates Israel und die Banalisierung des Antisemitismus beinhalten alleine schon so viele Themen, dass sie die jüdischen Gemeinden der Schweiz dazu bringen müssten, gegenüber den politischen Behörden auf Bundes-, Kantons- und Kirchenebene mit einer Stimme zu sprechen. In Frankreich etwa ist der Conseil représentatif des institutions juives de France der Wortführer der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs gegenüber öffentlichen Stellen. Er übt eine reelle politische Vertretung aus. Mit dieser Vollmacht gibt er auch Erklärungen gegenüber den Medien ab. Eine solche politische Gesamtvertretung fehlt in der Schweiz, und dieser Mangel ist schwerwiegend.

Die grundsätzliche Prioritätenliste einer solchen neuen Vereinigung, wie ich sie mir wünsche, würde die folgenden Ziele verfolgen:

– die politische Vertretung der Juden der Schweiz;

– die Bekämpfung sämtlicher Formen des Antisemitismus, des Rassismus, der Intoleranz und der Ausgrenzung;

– die Bekräftigung der Solidarität gegenüber dem Staat Israel;

– die Wahrung der Erinnerung an die Schoah.

Die Vertretung und Verteidigung der Interessen der jüdischen Bevölkerung der Schweiz gegenüber den politischen Behörden, den religiösen Institutionen und den Medien wie auch der Kampf gegen den Antisemitismus und die Prävention gegen solche Akte müssen sich mit einer Stimme zum Ausdruck bringen, denn die Kraft liegt in der Einigkeit. Es gäbe überdies kein Hindernis dafür, dass sich dieser neuen Struktur auch andere aktive jüdische Vereinigungen in der Schweiz anschliessen könnten.

Eine umfassende Lösung muss rasch gefunden werden. Wir könnten im Hinblick auf Effizienz und Glaubwürdigkeit nur gewinnen. Dies ist auch Teil unserer Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen. Es liegt an uns zu handeln. Es ist nicht zu spät!


Philippe A. Grumbach ist Delegierter des SIG und war Präsident der CICAD. Er hat an der Delegiertenversammlung eine Motion eingebracht (vgl. S. 6), die von den Delegierten des SIG angenommen wurde und deren Ziel es ist, eine Arbeitsgruppe zu schaffen, um eine bessere politische Vertretung der Juden der Schweiz oder der jüdischen Gemeinden der Schweiz zu erreichen.