«Ein verachtenswerter Lügner»

von Simon Spiegel, January 29, 2009
Gerade von einem deutschen Papst würde man Feingefühl im Umgang mit Juden erwarten; Benedikt XVI. hat letzte Woche einmal mehr bewiesen, dass ihn jüdische Sensibilitäten nicht sonderlich interessieren.
WENIG FINGERSPTZENGEFÜHL Papst Benedikt XVI. lässt diplomatisches Gespür vermissen

Wenn der Vatikan nach 20 Jahren die Exkommunizierung von vier Bischöfen aufhebt, ist das im Grunde eine Sache, die nur für die katholische Kirche von Interesse ist. Doch Papst Benedikt XVI. beweist mit seiner jüngsten Verlautbarung einmal mehr, dass man auch innerkatholische Angelegenheiten nutzen kann, um den Rest der Welt vor den Kopf zu stossen.
Zu den vier Bischöfen der Priesterbruderschaft Pius X., denen der Papst wegen «spirituellen Unbehagens» nun mit «väterlicher Einfühlsamkeit» begegnet, gehört auch der Brite Richard Williamson. Williamson lehnt nicht nur – wie die übrigen Mitglieder der Bruderschaft – das Zweite Vatikanische Konzil ab, sondern auch jeden Kompromiss mit dem Vatikan, der in seinen Augen unter der «Kontrolle Satans» steht; er scheint auch zahlreichen Verschwörungstheorien nicht abgeneigt zu sein. So sind Juden und Freimaurer Williamsons Meinung nach für die Korrumpierung der katholischen Kirche verantwortlich; ohnehin seien die Juden «Feinde von Jesus». Auf Williamsons Blog wird auch munter die Mär verbreitet, die Juden seien für Jesu Tod verantwortlich. Dass der Bischof die «Protokolle der Weisen von Zion» für authentisch hält, erstaunt da nicht weiter.

Scharfe Kritik am Papst

In einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen äusserte sich Williamson kürzlich auch ausführlich zum Holocaust, den er nicht für eine historische Tatsache hält. Es seien zwar Juden in Konzentrationslagern ums Leben gekommen, aber keinesfalls mehr als 200 000 bis 300 000. Gemäss dem, was er über die «historischen Fakten» wisse, habe es aber keine Gaskammern gegeben. Williamsons Aussagen, die nun von vielen Medien zitiert werden, sind nicht einfach so dahergeredet; der Bischof gibt sich vielmehr offensichtlich Mühe, präzise zu formulieren, und er bezieht sich auch explizit auf den sogenannten Leuchter-Bericht. Diese angeblich wissenschaftliche Untersuchung des amerikanischen «Exekutionsexperten» Fred Leuchter wird von Holocaust-Leugnern oft als Beweis aufgeführt, dass es in Auschwitz keine Gaskammern gegeben habe; der Bericht ist aber längst in seinen zentralen Punkten widerlegt worden.
Die Kritik an dem päpstlichen Beschluss liess nicht lange auf sich warten; der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni erklärte, die Rehabilitierung Williamsons würde eine «tiefe Wunde» öffnen. Noch deutlichere Worte finden sich in der Stellungnahme des Conseil Représentatif, der Dachorganisation jüdischer Organisationen in Frankreich. Darin wird Williamson als ein «verachtenswerter Lügner» bezeichnet, dessen einziges Ziel es sei, «den jahrhundertealten Hass gegen die Juden zu schüren». Auch Rabbiner David Rosen, beim American Jewish Committee für den interreligiösen Dialog zuständig, Abraham Foxman von der Anti-Defamation League und Shimon Samuels vom Simon Wiesenthal Center in Paris kritisieren den Papst mit deutlichen Worten. Rosen sieht in der Aufhebung der Exkommunizierung Williamsons eine Verspottung von Papst Johannes Paul II., der Antisemitismus als «Sünde gegen Gott und den Menschen» bezeichnet hatte.

Inakzeptable Äusserungen

Der Sprecher des Vatikans Federico Lombardi wiegelt ab: Williamsons Aussagen seien «unhaltbar». Der Entscheid das Papstes impliziere in keiner Weise, dass der Vatikan Williamsons Ansichten gutheisse. Diese Ansicht wird aber nicht einmal auf katholischer Seite von allen geteilt. Die Deutsche Bischofskonferenz distanzierte sich umgehend von Williamson, seine Leugnung des Holocaust sei «inakzeptabel». Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, meinte im ZDF-Morgenmagazin: «Williamson wird früher oder später seine Äusserung zurücknehmen müssen.»
Die internationale Empörung – aber auch die Zustimmung von rechtsradikaler Seite – zeigt mittlerweile Wirkung. Der Vatikan liess verlauten, dass man jede Form von Holocaust-Leugnung verurteile. Bei der Schweizerischen Bischofskonferenz schien man sich zuerst auch nicht weiter für die Kontroverse um Williamson zu interessieren. Am Wochenende wurde Bischof Koch in einem Pressecommuniqué noch mit den Worten zitieren, dass er für die Versöhnung bete – für die innerkatholische wohlverstanden. Mittlerweile liegt eine neue Pressemitteilung mit dem vielsagenden Titel «Leugnung des Holocaust kann nicht hingenommen werden» vor. Bischof Koch erklärt darin ebenfalls, dass die katholische Kirche die Leugnung des Holocaust «niemals hinnehmen» kann und bittet die jüdische Bevölkerung der Schweiz für die «Irritation» um Entschuldigung. Zudem wird in der Erklärung betont, dass die vier Bischöfe trotz der Aufhebung der Exkommunikation weiterhin vom Bischofsamt suspendiert wären. Tatsächlich erwarten die Schweizer Bischöfe, dass die Suspendierung der Bischöfe erst aufgehoben wird, wenn diese «das Zweite Vatikanische Konzil und insbesondere die in der Erklärung ‹Nostra aetate› festgehaltene positive Einstellung zum Judentum annehmen»