Ein Universalist der Frühromantik
In der Musikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts gibt es wohl keinen bedeutenden Komponisten, der so kontrovers beurteilt wurde wie Felix Mendelssohn Bartholdy. Immer wieder haben antisemitische Ressentiments dazu beigetragen, seiner Formvollendung «klassizistische Glätte» und der emotionalen Zurückhaltung «Gefühlskälte» zu unterstellen. Mit der Gattung «Lied ohne Worte» begründete er einen neuartigen Typus der frühromantischen Klaviermusik. Der Vorwurf, er habe damit der Salonmusik den Boden geebnet, ist zwar nicht stichhaltig, wurde aber immer wieder erhoben. Seit seinem frühen Tod war sein Schaffen ständigen Schwankungen unterworfen. In der ästhetischen Beurteilung polarisierte er wie kein anderer; zeitweise erlebte er nur Bewunderung oder Ablehnung. Zu einem eigentlichen «Fall Mendelssohn» kam es während des Nationalsozialismus, als sein gesamtes musikalisches Schaffen von 1933 bis 1945 amtlich verboten wurde. Kaum zu glauben, dass damals sowohl die Ouvertüre zu Shakespeares «Sommernachtstraum» – der Geniestreich eines Siebzehnjährigen – als auch der aus der gleichen Bühnenmusik stammende Hochzeitsmarsch in den von Deutschland besetzten Gebieten vollkommen verstummen konnte!
Als zweites Kind des Bankiers Abraham Mendelssohn und als Enkel des mit Lessing befreundeten Berliner Philosophen Moses Mendelssohn am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren, erhielt Jakob Ludwig Felix Mendelssohn im Alter von fünf Jahren von seiner Mutter Lea Salomon den ersten Musikunterricht. 1919 wurde er Schüler von Karl Friedrich Zelter, ein Jahr später trat er in die Berliner Singakademie ein. Mit ihr sollte er 1829 die legendäre Wiederaufführung von Bachs «Matthäus-Passion» wagen. 1822 brach die Familie zur ersten Reise in die Schweiz auf, der 1831, 1842 und 1847 weitere folgten. Der junge Mendelssohn Bartholdy besuchte nie eine öffentliche Schule, wurde aber zu Hause sehr gründlich ausgebildet. Zum Unterricht in Latein und Griechisch traten die allgemeinen Lehrfächer und gezielter Zeichenunterricht hinzu. Von seinem entsprechenden Talent zeugen zahlreiche Bleistiftzeichnungen und Aquarelle, die vor allem auf den Bildungsreisen durch die Schweiz und England entstanden. Erwähnenswert sind auch die vielen geistvollen Reisebriefe, deren Lektüre heute noch Genuss bereitet. In der knappen Freizeit tat sich Felix nicht nur als Reiter und Schwimmer, sondern auch als Schach- und Billardspieler hervor.
Gefragter Dirigent
Nachdem er 1835 die Leitung der damals schon berühmten Gewandhauskonzerte in Leipzig übernommen hatte, engagierte Mendelssohn Bartholdy dort so renommierte Solisten wie die Pianisten Ignaz Moscheles und Clara Schumann, der er seine «Sechs Lieder ohne Worte» widmete. Ein Jahr später wurde der umfassend gebildete und universell tätige Musiker zum Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig ernannt und mit der Leitung des Niederrheinischen Musikfestes in Düsseldorf betraut.
Schon 1816 zum Protestantismus übergetreten, heiratete der mit dem Oratorium «Paulus» gefeierte Musiker 1837 die Neuenburgerin Cécile Jeanrenaud, Tochter eines Predigers hugenottischer Abstammung. Als 1843 das von ihm angeregte Leipziger Konservatorium eröffnet wurde, erteilte Mendelssohn Bartholdy dort an der Seite von Ferdinand David und Robert Schumann sowohl Klavier- als auch Kompositionsunterricht. Seine vielen Englandreisen krönte 1946 die von ihm selber geleitete Uraufführung des Oratoriums «Elias» in Birmingham. Als seine Schwester Fanny, selber eine bedeutende Komponistin und seine einflussreichste musikalische Beraterin, am 14. Mai 1847 starb, brach der Bruder ohnmächtig zusammen. Er zog sich mit seiner Familie zur Erholung nach Interlaken zurück, wo er mit dem 6. Streichquartett f-Moll sein ausdrucksvollstes Kammermusikwerk schuf, ein instrumentales Requiem für die geliebte Schwester.
Stimmen grosser Musiker
Robert Schumann, für dessen Orchestermusik sich der Dirigent Mendelssohn Bartholdy mit besonderem Eifer einsetzte, schrieb 1840 beim Erscheinen des Klaviertrios op. 49 über dessen Schöpfer: «Er ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt.» Peter Tschaikowsky hielt anlässlich einer Kritik des Streichquartetts e-Moll 1872 fest: «Mendelssohn wird immer ein Muster der Stilreinheit bleiben und als scharf gezeichnete musikalische Individualität anerkannt werden …» In «Jenseits von Gut und Böse» nannte Friedrich Nietzsche 1886 den umstrittenen Musiker einen «Meister, der um seiner leichteren, reineren, beglückteren Seele willen schnell verehrt und ebenso schnell vergessen wurde: als der schöne Zwischenfall der deutschen Musik».
Anfänglich sein Bewunderer, der ihm schmeichelte, verwandelte sich Richard Wagner in seinen erbittertsten Gegner. Er meinte schliesslich im Pamphlet «Das Judentum in der Musik» (1850), dass Mendelssohn Bartholdy nicht imstande gewesen sei, «auch nur ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten, weil wir sie dessen fähig wissen …» Genau ein Jahrhundert später postulierte der Musikwissenschaftler Alfred Einstein eine neue Sicht, indem er im Buch «Die Romantik in der Musik» festhielt: «Die Ebenmässigkeit der Form seiner Sätze und seiner Zyklen ist nicht zu übertreffen; aber über allen seinen Äusserungen glänzt etwas Subjektives, ein romantischer Schimmer, im Gefühlhaften – die Nachwelt nannte es Sentimentalität –, in einer Mischung von Grazie und Humor, die, wenn ins Objektive gewendet oder gedeutet, als die Elfenmusik seiner Sommernachts-Ouvertüre erscheint …»