Ein ungewisses Schicksal

June 27, 2008
Rund 12 000 äthiopische Falash Mura warten in der Provinz Gondar auf die Alija nach Israel, viele von ihnen schon seit Jahren. Israel will allerdings seine Emigrationsaktivitäten dort einstellen. Das Schicksal der Falash Mura ist ungewiss.
<strong>Falash Mura </strong>&Auml;thiopische Juden an der Synagoge in Gondar

von Ron Csillag

Der Anblick einer Mutter, die versucht, ihrem Kind einen weiteren Löffel Corn Flakes in den Mund zu schieben, erinnert kaum noch an die schreckliche Hungersnot, die Äthiopien 1984 heimgesucht hatte. Heute sind die vielen jungen Mütter im Verpflegungszentrum der Beta Israel Association in der Provinz Gondar mit einem ganz anderen Problem konfrontiert: mit der endlos erscheinenden Wartezeit. Sie gehören zu den Tausenden von Äthiopiern in Gondar, die immer noch auf die Erlaubnis warten, nach Israel immigrieren zu dürfen. «Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als hier zu sein», sagt Getu Zemene, der Vorsitzende der Association. Die Vereinigung offeriert Äthiopiern, die behaupten, zur Beta-Israel-Gemeinde der äthiopischen Juden zu gehören, Nahrung, Ausbildung und etwas Beschäftigung. Bis vor Kurzem noch waren diese als Falash Mura bekannten Äthiopier praktizierende Christen. Sie behaupten, ihre jüdischen Vorfahren hätten sich taufen lassen, um wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Druck auszuweichen. «Israel hat ihnen ein Versprechen gemacht», sagt Zemene, «und sie sind nach Gondar gekommen, wo sie nun warten.»

Einen Beweis erbringen

In den letzten fünf Jahren wurden über 17?000 Falash Mura nach Israel gebracht. Jetzt aber hat die Jerusalemer Regierung erklärt, die Prüfung potenzieller äthiopischer Immigranten beendet zu haben. In den nächsten Wochen werden noch ein paar Hundert Falash Mura nach Israel fliegen, doch die grosse Mehrheit der in Gondar wartenden Menschen werden nicht Teil dieser Alija sein. Laut Zemene leben heute rund 12?000 Falash Mura in bitterer Armut in Gondar, und die Aussicht, nicht nach Israel einwandern zu dürfen, erfüllt sie alle mit Furcht. «Ich bin enttäuscht von Israel», sagt er. «Viele dieser Leute haben Eltern oder andere Verwandte in Israel.»

Seit den Operationen Moses und Solomon in den Jahren 1984 und 1991 – dem Exodus der äthiopischen Juden nach Israel – hat der jüdische Staat Zehntausende von Falash Mura aufgenommen. Weil diese Menschen nur sehr schwierig den klaren Beweis für die Abstammung von jüdischen Vorfahren erbringen können, verlässt Israel sich zur Identifizierung potentieller Immigranten auf eine informelle Bestandesaufnahme aus dem Jahr 1999. Als Bedingung für die Alija müssen die Kandidaten beweisen, dass sie in Israel nahe Verwandte besitzen und dass sie die jüdische Religion angenommen haben. Die 12?000 Wartenden in Gondar würden laut Zemene dort stranden, sollte Israel seine Aktivitäten in Äthiopien tatsächlich beenden. In Äthiopien engagierte amerikanisch-jüdische Hilfsgruppen haben zugesagt, Äthiopier, die seit Jahren in Gondar gewartet haben, deren Alija-Gesuch aber abgelehnt worden ist, bei der Wiederansiedlung in ihrer Heimat zu unterstützen und ihnen auch weitere humanitäre Hilfe zu leisten.

Garantierte, kleine Mahlzeiten

Tausende von Äthiopiern, die in Gondar ihrem Schicksal entgegen warten, kommen in die von der North American Conference on Ethiopian Jewry finanzierten Hilfszentren in der Stadt. Das American Jewish Joint Distribution Committee unterhält Kliniken in Gondar. In den Verpflegungszentren erhalten fast tausend Kinder bis zum Alter von sechs Jahren zwei Mal täglich Mahlzeiten, bestehend aus Corn Flakes, Eiern, Brot, Gemüse und Obst. Kinder zwischen 6 und 18 Jahren erhalten eine Mahlzeit täglich. Sie setzt sich zusammen aus weissen Bohnen, zwei Eiern, einer Orange, Brot und einer Banane. Es steht den Leuten frei, anderswo Nahrung und Beschäftigung zu finden, doch in einem der ärmsten Länder der Welt ist das kein leichtes Unterfangen. «Das Essen hier ist nicht adäquat», sagt Zemene. Echten Hunger leidet zwar niemand, doch wirklich satt ist auch keiner.

In einem anderen Gebäudekomplex lernen Hunderte von Kindern bis zu vier Stunden täglich an der Schule Hebräisch, jüdische Kultur und Religion. Sie lernen jüdische Gebete, das Anlegen der Gebetsriemen (Tefillin), und sie lernen über Israel. Schätzungsweise 85 Prozent der Kinder haben nie einen regulären Unterricht genossen. Ganz in der Nähe untersucht eine Krankenschwester jüngere Kinder. Vor allem die Fingernägel werden auf ihre Reinheit geprüft. Die Schwester bezeichnet die Wachstumsrate der Kinder als «akzeptabel». Die Kleider der Kinder allerdings sind ausgetragen und abgeschabt. Viele der Buben und Mädchen gehen barfuss auf dem schmutzigen, dreckigen Boden.

Kaum Perspektiven

Inspiration kommt von der Synagoge, die neben dem Verpflegungszentrum und einer Mikwe (rituelles Tauchbad) gelegen ist. Es handelt sich um ein offenes, teilweise mit Plastik und Blech abgedecktes Gelände. Wenn es regnet, ist der Lärm ohrenbetäubend, und nicht selten mischen sich Ziegen unter die Betenden. Im Hauptgebäude der Beta-Israel-Association hat es Platz für 120 Leute, die sich als Weber, Spinner oder in der Metallverarbeitung ausbilden lassen. Sollte Israel seine Emigrations-Aktivitäten am Ort einstellen, würde man, so Zemene, «weitermachen wie bisher». Was darunter konkret zu verstehen ist, erklärt der Mann allerdings nicht näher.