Ein Triumph des Universalismus
Die historische Dimension von Barack Obamas Wahl zum Präsidenten der USA ist mit jeder Menge von Superlativen bedacht worden. Ich möchte mich mit diesem Ereignis aus einer jüdischen Perspektive befassen, die sich unterscheidet vom bisher Gelesenen und Gehörten. Die Diskussion im jüdischen Zusammenhang wird dominiert von Israeli und Juden in aller Welt, die sich fragen, ob Obama «gut für Israel» sein wird. Die Frage ist durchaus legitim, doch nach meinem Dafürhalten manifestiert sie eine sehr enge Betrachtungsweise für ein Volk, das immerhin auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken kann.
Als Juden sollten wir uns, so meine ich, äusserst freuen über Obamas Wahl. Thomas L. Friedman schrieb in der «New York Times», der amerikanische Bürgerkrieg sei erst mit dieser Wahl effektiv beendet worden. Ich würde sagen, dass die Welt mit diesem Ereignis grosse Schritte in Richtung einer «Idee der Menschheit an sich» gemacht hat.
Die Tatsache, dass ein schwarzer Mann zum Präsidenten gewählt worden ist, sollte uns Juden in erster Linie deshalb berühren, weil wir die Wichtigkeit des Konzepts von der Gleichberechtigung aller Menschen am eigenen Leib erfahren haben. In vielen Ländern haben Juden erst im 19. Jahrhundert allmählich die Gleichberechtigung erhalten, und es dauerte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, dass Juden in westlichen Gesellschaften wirklich akzeptiert worden sind. Sogar in de n USA gab es noch vor wenigen Jahrzehnten Country Clubs oderAnwaltskanzleien, die keine Juden aufnahmen.
Ich wurde in Basel geboren und wuchs dort auf, in der Stadt, in der 1897 der Erste Zionistenkongress stattfand. Noch 1860 sah man an Basels Toren Schilder, die Juden und Schweinen das Übernachten in der Stadt untersagten. Juden erlebten Schrecken, Demütigungen und Schweres, weil ihre Menschlichkeit nicht akzeptiert wurde, und sie haben die Einschränkung ihrer Rechte aus Gründen ihrer ethnischen Herkunft und ihrer Religion mitgemacht.
Wir Juden verlangen von der Welt, nie zu vergessen, dass sechs Millionen von uns im Holocaust ermordet worden sind. Wir täten gut daran, ebenso nicht zu vergessen, dass in der langen Geschichte des Sklavenhandels rund sechs Millionen schwarze Afrikaner gestorben sind – eines des beschämendsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit.
Das Konzept der Aufklärung, wonach alle Menschen gleich sind, ist in der Welt alles andere als verwirklicht worden. Als Juden sollten wir diesem Konzept verpflichtet sein, das am Anfang unserer langen Reise zu einem Leben in Würde stand. Wir sollten also nicht nur fragen,
ob Obama gut für Israel ist, auch wenn ich denke, dass er es langfristig sein wird. Muslime werden grössere Mühe bekunden, die Gedanken eines Mannes namens Barack Hussein Obama als antiislamisch zu etikettieren, hat er doch muslimische Ahnen. Al-Qaida erklärte denn auch eindeutig, man hätte John McCain als Präsidenten vorgezogen, da er ein klarerer Feind sei. Obama dürfte daher bessere Chancen haben, eine konstruktive Rolle in unserer Region zu spielen.
An erster Stelle sollten wir uns aber fragen, was das historische Ereignis der Präsidentenwahl für den «tikkun olam», die Verbesserung der Welt, tun kann. Obamas Wahl ist nicht nur eine historische Errungenschaft, indem er der erste höchste Schwarze in der Geschichte Amerikas ist. Obama, halb Kenianer, halb weisser Abstammung und ein Viertel Muslim, dabei christlichen Bekenntnisses, hat einen Teil seiner Kindheit in Indonesien verbracht. Er ist zugleich Amerikaner und Kosmopolit, wobei Kosmopolitismus für Bigotte, Chauvinisten und Ignoranten stets erschreckend war, wie wir selber aus unserer Geschichte wissen.
Antisemiten haben seit jeher Angst vor den Juden, da man uns vorwirft, kosmopolitisch zu sein, da wir in keine simple Kategorie hineinpassen. Obamas Identität ist echt global, er ist die Verkörperung der Idee des Weltbürgers, und es ist ein Hoffnungsschimmer, dass die USA einen Mann mit einer derart komplexen Identität wählen konnten. Natürlich sind wir nicht Zeugen des Beginns des Paradieses.
Obama ist kein Messias, er wird die Probleme der Welt nicht aus dem Weg räumen, und nicht einmal jene der USA. Er steht vor enormen Herausforderungen an allen Fronten. Und wir werden erst noch sehen müssen, wie viel Zeit und Energie er haben wird für die Erfüllung seines Versprechens, den Nahost-Konflikt nicht für das Ende seiner ersten Kadenz aufzusparen.
Allem zum Trotz sollten wir frohlocken, ist Obamas Wahl doch ein Triumph des Universalismus über den Chauvinismus, und weil wir Juden der universalistischen Idee so viel verdanken. Es gehört vor allem in der Diaspora, der längsten Periode unserer Geschichte, zum jüdischen Erbe, sich über die unmittelbare Realität hinaus zu heben, um das Reich der Ideen und Grundsätze zu sehen. Diesem Reich zuliebe sollten wir vor der Rückkehr zu unserem Alltag einen Moment innehalten, um die Grösse dieses Momentes zu begreifen.
Wir sollten auch darüber nachdenken, warum es in den bevorstehenden israelischen Wahlen keinen Kandidaten gibt, der Hoffnung verbreitet, wie Obama es getan hat. Vielleicht hat es damit zu tun, dass keiner unserer potenziellen Führer die Ideen der universellen Menschheit und der Menschenrechte auf sein Banner geschrieben hat, obwohl sie in den letzten 200 Jahren Inspiration für so viele Juden gewesen sind.
Der in Basel geborene und aufgewachsene Carlo Strenger ist Philosoph und Psychoanalytiker. Er unterrichtet an der psychologischen Fakultät der Tel-Aviv-Universität. Zudem ist er Mitglied des Permanent Monitoring Panel
on Terrorism der Weltföderation der Wissenschaftler.