Ein Test für Israels Gesellschaft

von Ze’Ev Schiff, October 9, 2008

Der palästinensische Terrorismus innerhalb der «grünen Linie» sollte nicht als isolierte Arbeit von Hamas oder Islamischem Jihad angesehen werden. Vielmehr ist er das gemeinsame Werk dieser Gruppen mit Fatah, Tanzim und verschiedenen anderen Teilen der Sicherheitsdienste der Palästinensischen Behörde (PA). Ziel ist es, den Geist Israels zu brechen und Konzessionen zu erzwingen.
Diese Taten geniessen gemäss diversen Umfragen die Unterstützung breiter Kreise der palästinensischen Gesellschaft. Es handelt sich um eine umfassende Offensive aus Anlass des Amtsantritts der Regierung Sharon und den für Ende Monat geplanten arabischen Gipfel. Unmittelbar auf diesen Gipfel folgt in Israel der «Tag der Erde», und die PA hofft, zumindest einen Teil der israelischen Araber zu Demonstrationen und einem Generalstreik provozieren zu können.
Laut dieser Analyse werden die Palästinenser besondere Anstrengungen zur Intensivierung der terroristischen Umtriebe in Israel unternehmen. Die Offensive ist eine vorläufige; man will abwarten bis das Kabinett Sharon im Amt ist und es sich herausstellt, ob er irgendwelche Vorschläge für eine Fortsetzung der Verhandlungen hat.
Yasser Arafat fühlt Sharon auf den Puls, so wie dies eine schwierige Herausforderung war, noch bevor der Likud-Chef sich in Richtung des neuen Premiers bewegt hatte. Die Situation ist aber auch ein Test für die israelische Gesellschaft. Innert weniger Tage wird Sharon beweisen müssen, dass er seine Versprechen, den Terrorismus einzudämmen und die Sicherheit der Israelis zu garantieren, einlösen kann.
Die jüngsten Zwischenfälle fallen de jure zwar in die Verantwortung der scheidenden Regierung Barak, doch sollen sie in erster Linie Sharon einen «heissen Empfang» bereiten. Er wurde laufend über die Sicherheitslage informiert, doch selbstverständlich hätten aussergewöhnliche militärische Massnahmen sowohl von ihm als auch von Barak abgesegnet werden müssen.
Eine ähnliche Terrorwelle führte 1996, als Shimon Peres Premierminister war, zur Suspendierung der Gespräche mit den Palästinensern und schliesslich zum Gipfeltreffen von Sharm el-Sheikh. Die Terroristen erzwangen auch den Abbruch der Gespräche zwischen Israel und Syrien in Wye Plantation. Jetzt bedrohen sie die Wiederaufnahme der Verhandlungen nach Sharons Amtsantritt.
Die Hauptlast liegt auf den Schultern der israelischen Öffentlichkeit. Auf dem Spiel steht das Vermögen des Volkes, dem Druck standzuhalten. Bis jetzt hat die israelische Gesellschaft dem Druck immer auf ausserordentliche Weise die Stirne geboten. Die unmittelbare Antwort auf die Anschläge ist ein Verbot für ausnahmlos alle palästinensischen Arbeiter, nach Israel zu kommen. Wir sind aber immer noch in der Phase, in der Terrorismus Extremis schafft und den Ruf nach Rache und Hass. Die Ereignisse in Netanya, als ein palästinensischer Arbeiter nach dem Anschlag vom israelischen Mob zusammengeschlagen wurde, beweist diese These.
Der wachsende Extremismus macht sich auch in der Armee bemerkbar, sowohl im stehenden Heer als auch unter den Reservisten. Die Frage ist, wie die Dinge aussehen würden, sollte der Krieg andauern und noch schlimmer werden.

Haaretz