Ein Tabuthema
Eigentlich sollte es Aaron gut gehen: Er hat Frau und Kinder und führt die Metzgerei seines kürzlich verstorbenen Vaters weiter – man respektiert ihn in seiner ultraorthodoxen Gemeinde. Doch der schweigsame Aaron (sehr reduziert gespielt von Zohar Strauss) ist offensichtlich nicht zufrieden mit seinem Leben. Als eines Tages der junge Eli (Ran Danker) in seinem Laden steht, wird schnell klar, dass dies eine Chance ist – zur Sünde oder zur eigenen Befreiung. Das Verhältnis des orthodoxen Judentums zur Homosexualität ist seltsam gespalten, denn aus der Sicht der Religion gibt es Homosexualität gar nicht. Und so kommt auch keiner der Figuren in «Eyes Wide Open» je ein Wort wie «schwul» über die Lippen. Man warnt Aaron, dass das, was er tut, nicht richtig sei, es kommt zu – teilweise massiven – Sanktionen, doch wird das Kind nie beim Namen genannt. Die Stärke von Haim Tabakmans Film liegt in der Darstellung dieser Sprachlosigkeit und der Mechanismen sozialer Ausgrenzung, die zu Beginn noch subtil sind, dann aber immer rabiater werden. Dabei ist es dem Regisseur offensichtlich ein Anliegen, das brisante Thema nicht für ein tränenreiches Melodram zu nutzen. «Eyes Wide Open» ist in langen, teilweise fast geometrisch abgezirkelten Einstellungen erzählt, das Spiel zurückhaltend, die Emotionen oft nur angedeutet. Auch wenn die Absicht dahinter ehrbar ist, wirkt das auf die Dauer etwas ermüdend, und man würde sich ein bisschen weniger passive Figuren wünschen. [sis]
«Eyes Wide Open» läuft ab Mitte März in der Deutschschweiz an.